
Nebenan
Keine Debatte ohne Ausländer
Merz hat mit seiner 80-Prozent-Ansage zur Rückkehr von Syrern nicht nur eine neue Migrationsdebatte entfacht. Er liefert der AfD wieder einmal Futter – und einen neuen Benchmark für die nächste Wahl.
Von Sven Bensmann Montag, 06.04.2026, 11:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 06.04.2026, 11:38 Uhr Lesedauer: 6 Minuten |
Ganz egal, ob ein Deutscher eine migrantisch gelesene Frau virtuell vergewaltigt, ob internationale Diplomatie, ob Krieg oder Gesundheitsreform, die AfD hat zu solchen Debatten eigentlich nichts beizutragen. Und das, was sie zu sagen hat, entlockt selbst erhärteten Ideologen kaum mehr als ein Augenrollen. Und weil die AfD nur in dem Maße existiert, in dem sie Lärm verursachen kann, schadet ihr nichts mehr, als sich nicht mit ihr beschäftigen zu müssen.
Gut, dass es da den Merz gibt. Der entblödete sich nämlich nicht, angesichts der Ulmen-Affäre verlautbaren zu lassen, dass, ja, es diesmal zwar ein Deutscher war, aber eigentlich ist der nur ein Einzeltäter und die Ausländer sind eh viel schlimmer. Und eigentlich lebt der ja wohl zwischenzeitlich auch in Spanien und ist damit ja eigentlich auch sowas wie ein Migrant und Ausländer. Deutsche Männer jedenfalls tun so etwas nicht – schon deshalb stimmte Merz vor 30 Jahren gegen Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe. Und schwups, war die AfD wieder im Gespräch: Ausländer, da kennt sich die Partei schließlich aus.
Wer sich hingegen nicht um Ulmen oder Fernandez schert, war zuletzt wohl mit der Gesundheitsreform beschäftigt. Da ist zwar sowieso immer jeder dagegen, weil die Politik in Sachen Gesundheit stets nur unser Bestes will: unser Geld. Aber für die AfD ist genau deshalb hier kein Blumentopf zu gewinnen. Und zack!, spielt die AfD ihren Joker: den Pik-Buben aus dem Sauerland. Weil der sich nämlich ein neues Hobby zugelegt hat. Neuerdings lädt sich der jüdisch-christliche Konservative gern islamistische Terroristen ins Bundeskanzleramt ein, um das Abendland zu retten. Und das sticht direkt ins Herz der Bundesrepublik.
„Immerhin können wir jetzt doch wieder über Ausländer statt über die öde Gesundheitsreform sprechen.“
Hatte die Bundesregierung zuvor schon die Taliban geadelt, damit diese zukünftig auch in Deutschland Jagd auf afghanische Demokraten und andere Oppositionelle machen können, so war diesmal das neue syrische Terroristenregime dran. Und weil dabei nicht viel Konkretes herausgekommen ist und es überhaupt kaum jemand zur Kenntnis genommen hätte, musste der Fritz einfach mal spontan ordentlich einen raushauen: Innert 3 Jahren sollen 80 Prozent der Syrer weg. Das habe der syrische Oberterrorist so gefordert, obwohl das die deutsche Wirtschaft das kleine bisschen Wachstum kosten würde, was uns für die nächsten Jahre überhaupt prognostiziert wird. So ein dreister kleiner Gotteskrieger! Und dann will er auch noch gerade die Fachkräfte zurück, die, die wir am Dringendsten brauchen. Das konnte ein Kanzler so ja nun mal nicht stehen lassen.
Und dann das: Die Syrer lassen dementieren, die Forderung und die Zahlen stammen von Merz und dem sind die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft auch noch völlig egal, weil er ja eh reich ist und reich bleiben wird. Peeeeiiiinlich.
Immerhin können wir jetzt doch wieder über Ausländer statt über die öde Gesundheitsreform sprechen. Und passend zu den anstehenden Wahlen hat die AfD jetzt auch gleich noch einen völlig nutzlosen Benchmark, der weder machbar noch wünschenswert ist, an der sie den Kulturkämpfer Merz bei den nächsten Wahlen aber dennoch wird messen können. Denn – davon kann man ausgehen – die AfD wird behaupten, sie hätte diese Zielmarke erreicht, wenn man sie nur gelassen hätte. Dabei könnte wohl nicht einmal die US-amerikanische ICE, die die AfD ja auch in Deutschland will, durch ihre Methoden samt Erschießen von Menschen, samt Hausfriedensbruch, samt willkürlicher Entführungen, dieses Ziel erreichen.
„Syrer haben, trotz aller Hindernisse, eine Beschäftigungsquote von 60 Prozent – gar nicht so weit von den 71 Prozent, die für die Deutschen erfasst wurden.“
Wie sehr die Trump-treuen Bauern durch das Fehlen der billigen Arbeitskräfte schon jetzt erledigt sind, lange bevor durch Trumps völkerrechtswidrigen Überfall auf den Iran auch die Preise für Düngemittel noch massiv steigen werden, das wird hierzulande leider nicht berichtet, weshalb man wohl von Merz nicht erwarten kann, eine Ahnung davon zu haben, dass solche Massendeportierungen Folgen für die Wirtschaft hätten. Allenfalls Schlagworte wie „Affordability“ machen es ja noch über den Ozean, während hierzulande eher Firmenbosse rein hypothetisch darüber schwafeln dürfen, wie schlimm es mit der AfD werden könnte.
Dabei müsste eigentlich selbst einer Partei, für die Wirtschaftskompetenz bedeutet, Lobbytreffen stets mit einer braunen Nase zu verlassen, klar sein, dass es diese Zahlen in sich haben:
Knapp eine Million Menschen lebt derzeit in Deutschland, die aus Syrien gekommen sind. Wer Hoffnungen in das neue Regime setzt, ist vielfach bereits zurückgekehrt. Von den verbleibenden Syrern haben diejenigen, die schon etwas länger hier sind, eine Beschäftigungsquote, die trotz aller Hindernisse mit 60 Prozent gar nicht so weit von den 71 Prozent entfernt ist, die für die Deutschen erfasst wurden. Und verbleibende Syrer bedeutet hier auch: Wer z. B. wegen eines Jobs bereits einen deutschen Pass hat, ist nicht einmal in den 60 Prozent miterfasst.
Knapp ein Viertel der syrischen Beschäftigten arbeitet dabei in sogenannten Engpassberufen, also da, wo ihr Fehlen maximalen wirtschaftlichen Schaden verursachen würde und wo händeringend nach Personal gesucht wird. Würden 80 Prozent derer, die noch keinen deutschen Pass haben, also tatsächlich abgeschoben werden, dann könnte der Schaden für die deutsche Wirtschaft am Ende womöglich ähnlich hoch ausfallen, als würden, ich weiß nicht, beispielsweise deutsche Autobauer den Umstieg auf elektrische Antriebe verschlafen, weil selbsternannte Experten ihnen eingeredet haben, Deutschland könnte „technologieoffen“ und mit Verbrennern einen CO₂-neutralen Individualverkehr erreichen oder auch nur ansatzweise so energieeffizient fahren, wie mit einem E-Auto – aber zum Glück war ja kein Politiker so dämlich, so etwas ernsthaft zu kommunizieren.
War doch? Und jetzt haben wir eine Wirtschaftskrise? Und weil derselbe Scheiß bei Heizungen abgezogen wurde, konkurrieren jetzt auch noch Autos und Heizungen um denselben knappen Rohstoff Öl? Das treibt doch den Preis nur noch weiter nach oben! Warum hat das niemand bedacht?! Hat einer, aber der wurde dafür von der braunen Boulevard-Bubble „Bild“ bis „Kopp“ nach Kopenhagen vertrieben? Wo waren denn damals die sogenannten „seriösen“ Medien? Ich ziehe die Frage zurück.
„Nicht einmal ein Kanzler Merz ist schließlich so schlecht, dass er zu gar nichts taugt.“
Na ja, aber dann können wir ja nun wirklich auch noch die Syrer abschieben, zumindest könnten wir es so in die Big 3 der größten selbstauferlegten Wirtschaftskrisen der Neuzeit schaffen – neben dem Brexit, der wohl größten selbstauferlegten Wirtschafts- und Zollsanktion aller Zeiten und dem russischen Überfall auf die Ukraine, der Russland von wichtigen Absatzmärkten isolierte (wobei auch die USA durchaus auf bestem Wege sind, direkt an die Spitze zu stürmen). Dann wäre das zumindest nicht alles völlig umsonst. Nicht einmal ein Kanzler Merz ist schließlich so schlecht, dass er zu gar nichts taugt – und sei es nur als warnendes Beispiel.
Und weil die USA ja so gerne Nummer 1 in der Welt sind, gibt es heute zum Abschied mal keine große Pointe, sondern ein kleines Bisschen online-Aktivismus, mit dem jeder von uns den USA ganz oben auf die Liste verhelfen kann: #BuyEU #DIDit
Der Merz ist eh nicht mehr zu retten. (mig) Meinung
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Doppelmoral und -herz Die Türkei fährt zur WM. Oje!
- „Offen für alle Wege“ CDU-Minister offen für Massenabschiebung nach Syrien…
- Realpolitik verbiegt Rechtsstaat Abschiebung um jeden Preis
- Kommunalpolitik Wie die AfD Macht über die Verwaltung verschiebt
- Venro-Studie Deutschland rutscht bei globaler Hilfe tief ab
- Breite Kritik Merz: Binnen drei Jahren sollen 80 Prozent der Syrer zurück

