
Kommunalpolitik
Wie die AfD Macht über die Verwaltung verschiebt
Die AfD gewinnt bei Wahlen, aber ihre eigentliche Macht wächst oft leiser: in Amtsstuben geht es um die eigentliche Macht, dort, wo Verwaltung zur Waffe gegen Zivilgesellschaft und Migranten wird.
Von Kiflemariam Gebre Wold Mittwoch, 01.04.2026, 13:04 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 01.04.2026, 13:05 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Es sind selten die großen Reden, an denen politische Verschiebungen zuerst sichtbar werden. Meist beginnen sie dort, wo Öffentlichkeit nur selten genau hinschaut: in Zuständigkeiten, Personalentscheidungen, Verwaltungsabläufen. Wer bekommt welche Aufgabe? Wer trifft welche Entscheidung? Wer setzt Prioritäten? Genau an diesen Punkten zeigt sich, wie politische Macht praktisch ausgeübt wird. Das ist keine Nebensache. Es ist der Ort, an dem Politik vom Programm in die Praxis wechselt.
Gerade die AfD profitiert davon, dass viele Menschen Politik noch immer vor allem als Kampf um Gesetze verstehen. Als würde sich erst dann etwas ändern, wenn ein Parlament neue Regeln beschließt. Doch politische Realität entsteht oft früher. Nicht erst dann, wenn ein Gesetz geändert wird, sondern schon dann, wenn eine Behörde anders geführt, ein Verfahren anders gewichtet oder ein Ermessensspielraum anders genutzt wird.
Der thüringische Landkreis Sonneberg ist dafür ein aufschlussreiches Beispiel. AfD-Politiker Robert Sesselmann wurde dort 2023 zum Landrat gewählt. Als Leiter des Landratsamts ist er für die innere Organisation der Kreisverwaltung verantwortlich. Im August 2024 entzog er seinem CDU-Beigeordneten die Zuständigkeit für Migration und Ausländerbehörde und erklärte das Thema zur „Chefsache“.
„Wer Zuständigkeiten an sich zieht, entscheidet nicht nur über Aktenwege, sondern auch über Prioritäten, Taktung und Härte.“
Formal mag das zulässig sein. Politisch ist es dennoch mehr als ein Verwaltungsakt. Denn mit solchen Entscheidungen verschieben sich nicht die Gesetze, wohl aber die Gewichte ihrer Anwendung. Wer Zuständigkeiten an sich zieht, entscheidet nicht nur über Aktenwege, sondern auch über Prioritäten, Taktung und Härte. Genau darin liegt die eigentliche Brisanz.
Das zeigt sich besonders im Feld Migration. Hier hängt vieles nicht nur am Gesetzestext, sondern auch an Verwaltungspraxis: Wie schnell wird entschieden? Wie streng wird geprüft? Welche Fälle werden zuerst bearbeitet? Welche Spielräume werden genutzt, welche nicht? Selbst dort, wo das Recht unverändert bleibt, kann sich der Alltag für Betroffene deutlich verändern, wenn politische Führung Verwaltung als Durchsetzungsinstrument begreift.
„Verwaltung ist nicht neutral, wenn politische Leitung sie gezielt auflädt.“
Berichten zufolge ist in Sonneberg seit Sesselmanns Amtsantritt auch die Zahl der Abschiebungen gestiegen. Nach Angaben des Landratsamts wurden seit Juli 2023 zwölf Abschiebungen vollzogen; in den knapp dreieinhalb Jahren davor waren es fünf. Berichten zufolge ist zudem von 20 eingeleiteten Verfahren die Rede, von denen acht erfolglos blieben. Das allein erklärt noch kein System. Aber es illustriert, worum es geht: Verwaltung ist nicht neutral, wenn politische Leitung sie gezielt auflädt.
Ein zweiter Hebel liegt in der Förderung zivilgesellschaftlicher Arbeit. Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ lebt ausdrücklich vom Zusammenspiel von kommunaler Verwaltung und Zivilgesellschaft. Das federführende Amt beantragt und verwaltet Mittel, setzt Ziele im Verwaltungshandeln um und wirkt an der konkreten Förderpraxis mit; Bündnisse und Koordinierungsstellen begleiten die inhaltliche Arbeit vor Ort. Wer auf kommunaler Ebene Einfluss auf diese Struktur gewinnt, kann deshalb auch beeinflussen, welche Projekte Rückenwind bekommen, welche Partnerschaften gestärkt werden und wo Initiativen plötzlich um Rechtfertigung kämpfen müssen.
„Die Mittel dieser Machtverschiebung sind unspektakulär. Sie kommt ohne großen Knall aus.“
Auch hier braucht es nicht sofort einen offenen Angriff. Oft genügt schon etwas anderes: Verzögerung statt Verbot. Skepsis statt Unterstützung. Neuordnung statt Abschaffung. Förderpolitik lässt sich nicht nur mit Streichungen verändern, sondern auch mit Prioritäten, Verfahren und Personal. Gerade deshalb ist der Bereich so anfällig für politische Eingriffe, die nach außen technokratisch wirken und doch eine klare Richtung haben.
Die Mittel dieser Machtverschiebung sind unspektakulär. Zuständigkeiten werden neu zugeschnitten. Schlüsselstellen anders besetzt. Verfahren verlangsamt oder beschleunigt. Relevante Themen zur „Chefsache“ erklärt. Nach außen bleibt vieles legal, routiniert, bürokratisch. Und genau das macht diese Form der Politik so wirksam: Sie kommt ohne großen Knall aus.
„Es reicht nicht aus, nur auf Wahlprogramme zu schauen. Die Macht verschiebt sich in der kommunalen Praxis.“
Der Blick in die USA zeigt, dass diese Logik kein deutsches Einzelphänomen ist. Debatten über „Project 2025“ und „Schedule F“ kreisen genau um die Frage, wie stark Verwaltung politisch auf Linie gebracht werden kann. Dabei geht es nicht bloß um einzelne Posten, sondern um ein anderes Staatsverständnis: Verwaltung soll dann nicht mehr in erster Linie professionell, regelgebunden und mit eigener institutioneller Distanz arbeiten, sondern stärker entlang politischer Loyalität. Forschungen und Analysen warnen, dass eine solche Politisierung staatliche Leistungsfähigkeit und demokratische Rechenschaft schwächen kann.
Natürlich ist ein deutscher Landkreis nicht das Weiße Haus. Aber der Vergleich hilft, ein Muster zu erkennen. Wo Verwaltung nicht mehr als rechtsgebundene Institution verstanden wird, sondern als politischer Hebel, verändert sich Demokratie oft nicht in einem offenen Bruch. Sie verändert sich schleichend.
Für Menschen mit Migrationserfahrung oder unsicherem Aufenthaltsstatus kann das unmittelbare Folgen haben. Nicht unbedingt, weil über Nacht neue Gesetze entstehen. Sondern, weil dieselben Regeln in einem anderen politischen Klima anders angewandt werden. Beratung wird unsicherer. Entscheidungen werden schwerer berechenbar. Das Vertrauen in die Neutralität staatlicher Stellen nimmt ab.
„Demokratie wird nicht erst dann beschädigt, wenn Regeln fallen. Manchmal genügt es schon, wenn dieselben Regeln anders gesteuert werden.“
Genau deshalb reicht es nicht, nur auf Wahlprogramme zu schauen. Wer verstehen will, wie sich politische Macht verschiebt, muss tiefer in die kommunale Praxis schauen: in Geschäftsverteilungspläne, Ausschussprotokolle, Förderentscheidungen, Stellenbesetzungen und Verwaltungsstatistiken. Dort zeigt sich, ob einzelne Eingriffe Einzelfälle bleiben oder Teil eines größeren Musters sind.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht nur im offenen Angriff auf Institutionen. Sie liegt auch in ihrer stillen Umnutzung. Demokratie wird nicht erst dann beschädigt, wenn Regeln fallen. Manchmal genügt es schon, wenn dieselben Regeln anders gesteuert werden.
Wer dieser Entwicklung etwas entgegensetzen will, sollte deshalb nicht nur über Ideologien sprechen. Er oder sie sollte über Verwaltungsrealität sprechen. Über Transparenz, Dokumentation, Kontrolle und öffentliche Nachvollziehbarkeit. Denn die Mechanik der Macht entscheidet oft früher über das politische Klima als jedes Wahlplakat. (mig) Meinung
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