
AfD-Wahlsiege im Ausland
So blickt die Welt auf Deutschland
Die Wahlsiege der AfD wird in Deutschland als innenpolitischer Umbruch diskutiert. Im Ausland erscheinen die Wahlergebnisse in einem ganz anderen Licht - ein Blick in die USA, die Türkei, Frankreich und Litauen.
Von Edgar Pocius Dienstag, 22.09.2026, 12:15 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 22.09.2026, 12:15 Uhr Lesedauer: 7 Minuten |
Wir beschäftigen uns sehr viel damit, was die Siege der AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern für Deutschland bedeutet. Schauen wir deshalb einmal in die andere Richtung und darauf, wie die Welt deutsche Politik deutet.
Amerika und die Politik der Ausnahme
In den Vereinigten Staaten fällt dabei ein Widerspruch auf, der aus der eigenen Politik längst bekannt ist. Die Führung der AfD erinnert in vielem an ein Phänomen, von dem auch Donald Trumps Bewegung profitiert hat. Politiker greifen kosmopolitische und kulturell offene Eliten an, obwohl sie selbst aus genau dieser Welt kommen. Sie haben internationale Karrieren und bewegen sich selbstverständlich über nationale Grenzen hinweg. Im eigenen Leben sind diese Grenzen oft viel durchlässiger als in der politischen Rhetorik.
Darin lässt sich eine Variante jener „Luxury Beliefs“ erkennen, die der Psychologe Rob Henderson in den Vereinigten Staaten bekannt gemacht hat. Ursprünglich beschreibt der Begriff Überzeugungen, deren soziale Kosten vor allem von Menschen getragen werden, die weniger privilegiert sind. Hier funktioniert etwas Ähnliches. Wer genügend Geld und gesellschaftliche Sicherheit besitzt, kann selbst international leben und gleichzeitig stärkere nationale Abschottung fordern.
Migration bleibt dabei oft so lange ein Problem, wie sie abstrakt ist. Im persönlichen Umfeld verändert sich der Blick schnell. Der ausländische Partner, die eigene Karriere im Ausland oder das Leben zwischen mehreren Ländern erscheint dann nicht mehr als Teil desselben Problems, sondern als völlig normaler Einzelfall.
Gerade an der Spitze der AfD wird diese Spannung sichtbar und hat international viel Aufmerksamkeit ausgelöst. Die Partei betont traditionelle Vorstellungen von Familie und fordert eine restriktive Migrationspolitik. Gleichzeitig entspricht das Privatleben ihrer Führung diesem gesellschaftlichen Ideal selbst nicht immer.
Spannend ist, wie schnell der Widerspruch verschwindet, sobald das eigene Leben zur Ausnahme erklärt wird. Genau hier sehen viele internationale Beobachter kognitive Dissonanz und doppelte Standards. Wer als queer gilt, wer als Mensch mit Migrationsgeschichte wahrgenommen wird und für wen diese Kategorien plötzlich keine Rolle mehr spielen, scheint stark davon abzuhängen, ob man über politische Gegner oder über das eigene Umfeld spricht.
Hier erinnert die deutsche Rechte an JD Vance und Teile der amerikanischen Rechten. Vance studierte in Yale und machte später Karriere im amerikanischen Risikokapital. Heute gehört er zu den prominentesten Kritikern jener liberalen Eliten, deren Institutionen seinen eigenen Aufstieg ermöglicht haben.
Ein noch deutlicheres Beispiel für diese kognitive Dissonanz liefert der britische Aktivist Milo Yiannopoulos. Jahrelang unterstützte er Trumps harte Abschiebungspolitik und forderte selbst millionenfache Abschiebungen. Im August 2026 wurde er von ICE festgenommen und nach Großbritannien abgeschoben.
Danach sprach er von einer entwürdigenden und erschreckenden Behandlung und sagte, er habe die Realität dieser Politik vorher nicht verstanden. Manche Dinge versteht man offenbar erst, wenn man selbst von ihnen getroffen und vom hohen Ross der eigenen Privilegien heruntergeholt wird.
Der Fall zeigt, wie abstrakt Forderungen nach massenhaften Abschiebungen bleiben können, solange man sich selbst außerhalb ihrer Reichweite sieht. Genau darin liegt auch eine Warnung für die deutsche Debatte über „Remigration“. Viele Unterstützer fühlen sich davon nicht betroffen. Doch wer zur Ausnahme gehört und wer plötzlich unter die Regel fällt, kann sich schneller ändern, als man denkt.
Das erklärt auch, warum Donald Trump den Erfolg der AfD fast selbstverständlich durch eine amerikanische Brille betrachtete. Er gratulierte der Partei nach der Sachsen-Anhalt-Wahl öffentlich und führte ihren Erfolg vor allem auf die deutsche Migrationspolitik zurück. Kurz darauf wurde ein bereits geplanter Anruf mit Bundeskanzler Friedrich Merz verschoben.
Die amerikanische Rechte liest deutsche Politik damit stark durch ihre eigenen Konflikte. Die AfD erscheint vor allem als deutscher Teil einer größeren Revolte gegen liberale Eliten.
Türkei und die Sorge um die Türkeistämmigen
In der Türkei bekommt der Erfolg der AfD eine besondere Bedeutung. Rund drei Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland. Für Ankara bilden sie ausdrücklich eine der wichtigsten Verbindungen zwischen beiden Ländern. Was in Deutschland politisch nach rechts rückt, wird deshalb auch danach beurteilt, was es für diese Menschen bedeutet.
Diese Perspektive prägt auch die Berichterstattung türkischer Staatsmedien. Anadolu stellte bereits unmittelbar vor der Wahl in Sachsen-Anhalt die Sorgen von Zugewanderten in den Mittelpunkt und berichtete über die Angst vor einem zunehmend feindseligen gesellschaftlichen Klima. TRT ordnete den anschließenden Wahlsieg als neue Stufe beim Aufstieg der extremen Rechten in Deutschland ein.
Dahinter steht auch historische Erfahrung. Rassistische Anschläge in Deutschland werden in der Türkei regelmäßig mit den NSU-Morden verbunden, bei denen acht Menschen türkischer Herkunft getötet wurden. Das türkische Außenministerium bezeichnet Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamfeindlichkeit in Westeuropa bis heute als wachsende Gefahr, von der die türkische Bevölkerung unmittelbar betroffen sei.
Der AfD-Erfolg wird aus türkischer Perspektive deshalb nicht nur als Verschiebung im deutschen Parteiensystem gelesen. Im Hintergrund steht immer auch die Frage, wie sicher sich Menschen türkischer Herkunft künftig in einem Deutschland fühlen können, in dem eine migrations- und islamfeindliche Partei immer stärker wird.
Frankreich blickt auf 2027
In Frankreich wurde der AfD-Sieg vor allem mit Blick auf die eigene Präsidentschaftswahl 2027 gelesen. Politiker aus der Mitte und von links reagierten besorgt und sahen das Ergebnis als weiteres Zeichen dafür, wie stark rechte Parteien inzwischen in Europa geworden sind.
Interessanter war die Reaktion des Rassemblement National. Der RN blieb auffallend zurückhaltend. Seit 2024 versucht die Partei, mehr Abstand zur AfD zu halten und sich selbst als regierungsfähigere und gemäßigtere Rechte zu präsentieren. Ein enthusiastischer Jubel über den Wahlsieg hätte schlecht zu dieser Strategie gepasst.
Éric Zemmour und sein Umfeld hatten dieses Problem nicht. Sie feierten den Erfolg offen.
So wurde aus einer deutschen Landtagswahl sehr schnell ein französischer Spiegel. Für die einen waren die Wahlergebnisse eine Warnung, für die anderen ein Versprechen. Im Hintergrund stand dabei fast immer dieselbe Frage: Was bedeutet dieses Ergebnis für Frankreich im Jahr 2027?
Litauen und die Angst vor Russland
In Litauen wird der AfD-Sieg aus einer ganz anderen Lage heraus betrachtet. Deutschland ist dort inzwischen ein direkter Sicherheitsgarant. Die deutsche Brigade in Litauen soll die NATO-Ostflanke verteidigen. In unmittelbarer Nähe liegt der Suwałki-Korridor zwischen Litauen und Polen, mit Kaliningrad auf der einen und Belarus auf der anderen Seite. Im Fall eines größeren Konflikts mit Russland wäre diese schmale Verbindung für die baltischen Staaten von entscheidender Bedeutung.
Deshalb verfolgt man politische Veränderungen in Deutschland sehr aufmerksam. Nach dem Wahlsieg der AfD äußerte Litauens Präsident Gitanas Nausėda die Hoffnung, dass Deutschland seine Zusagen gegenüber Litauen einhalten und die Stationierung der Brigade weiter verlässlich unterstützen werde. Gleichzeitig wird die AfD in litauischen Medien regelmäßig wegen ihrer Nähe zu Russland thematisiert.
Dahinter steckt eine ältere Sorge. Deutschland war wirtschaftlich über Jahrzehnte eng mit Russland verbunden. Günstige Energie aus dem Osten wurde zu einem wichtigen Bestandteil des deutschen Wirtschaftsmodells. In Litauen stellt sich deshalb schnell die Frage, ob wirtschaftliche Interessen Deutschland irgendwann wieder zu einer engeren Zusammenarbeit mit Moskau bewegen könnten.
Von Westeuropa aus wirkt diese Sorge leicht übertrieben. Die baltischen Staaten werden nicht selten als grundsätzlich antirussisch beschrieben. Dabei ist diese Haltung historisch gewachsen. Litauen kennt russischen Imperialismus und Russifizierung nicht aus Lehrbüchern, sondern aus der eigenen Geschichte.
Darum wird auch Handel mit Russland anders bewertet. Wirtschaftliche Beziehungen wären für Litauen kein grundsätzliches Problem, wenn Russland als berechenbarer Nachbar auftreten würde. Die Erfahrungen der Vergangenheit und die Politik der Gegenwart lassen jedoch Zweifel daran, ob Moskau wirtschaftliche Abhängigkeiten wirklich von politischen Machtinteressen trennt.
Genau deshalb wird die Russlandnähe innerhalb der AfD im Baltikum so aufmerksam verfolgt. Eine deutsche Debatte über Sanktionen oder bessere Beziehungen zu Moskau bleibt dort nicht lange eine theoretische Frage der Außenpolitik. Litauen verlässt sich inzwischen ganz konkret auf deutsche Soldaten und deutsche Sicherheitsgarantien.
Wenn sich Deutschlands Verhältnis zu Russland eines Tages grundlegend ändern sollte, würde man das in Vilnius deshalb sehr viel früher und sehr viel unmittelbarer spüren als in Berlin. (mig) Meinung
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