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Bildschirm © martinhoward auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Paywall für Millionen

ARD, ZDF und die Türkei-Lücke bei der WM

Millionen Menschen mit Türkei-Bezug zahlen Rundfunkbeitrag. Die Türkei-Spiele der WM laufen trotzdem exklusiv bei MagentaTV und nicht bei ARD und ZDF. Das ist bitter.

Von Dienstag, 09.06.2026, 14:16 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 09.06.2026, 14:16 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Wer zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört, ist in Deutschland erstaunlich eindeutig geregelt: alle. Wer sich im Programm wirklich wiederfindet, offenbar nicht.

Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln zahlen selbstverständlich denselben Rundfunkbeitrag wie alle anderen. Beim Einzug der 18,36 Euro pro Wohnung kennt das System keine kulturellen Unterschiede, keine Herkunft, keine Sprache, keine Lieblingsmannschaft. Das System kennt alle. Beim WM-Spielplan dagegen entsteht plötzlich eine bemerkenswerte Lücke.

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Denn bei der Fußball-WM 2026 läuft nach aktuellem Planungsstand kein einziges Gruppenspiel der türkischen Nationalmannschaft live im Free-TV bei ARD oder ZDF. Australien gegen Türkei: MagentaTV. Türkei gegen Paraguay: MagentaTV. Türkei gegen USA: MagentaTV. Wer die „Milli Takım“ live sehen will, braucht ein Pay-TV-Abo.

Juristisch ist das vermutlich kein Skandal. Und genau darin liegt das Problem. Der Medienstaatsvertrag schützt bei Fußball-Weltmeisterschaften vor allem die Spiele mit deutscher Beteiligung, dazu Eröffnungsspiel, Halbfinals und Finale. Die Türkei kommt in dieser Vorschrift nicht vor. Das ist rechtlich klar. Aber öffentlich-rechtlicher Rundfunk beginnt nicht erst dort, wo der Gesetzgeber die Abseitslinie zieht.

„‚Alle‘ ist kein Kleingedrucktes für Mehrheitsdeutsche und auch kein poetischer Zierrat für Sonntagsreden, sondern ein Auftrag.“

Denn derselbe Medienstaatsvertrag sagt auch: ARD, ZDF und Deutschlandradio sollen ein „Gesamtangebot für alle“ machen. Sie sollen gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Allen Bevölkerungsgruppen soll Teilhabe ermöglicht werden. Unterhaltung mit öffentlich-rechtlichem Profil gehört ausdrücklich dazu. Man muss kein Rundfunkjurist sein, um zu erkennen: „alle“ ist kein Kleingedrucktes für Mehrheitsdeutsche und auch kein poetischer Zierrat für Sonntagsreden, sondern ein Auftrag.

Trotzdem haben die Sender – wie könnte es in Deutschland auch anders sein – tausendundeine Vorwände. Das ZDF verweist darauf, dass ARD und ZDF nur Sublizenznehmer der Telekom seien. 60 Spiele habe man erworben, 44 liefen exklusiv bei MagentaTV. Die Verteilung der Vorrundenspiele sei schon Ende vergangenen Jahres erfolgt, damals sei die Türkei noch nicht qualifiziert gewesen. Außerdem seien die Anstoßzeiten ungünstig. Die ARD verweist auf gesetzliche Vorgaben, auf Vertraulichkeit im Auswahlverfahren – und auf Alternativen: Audio-Vollreportagen, Highlights, Zusammenfassungen in der Mediathek.

„Warum bei Türkeistämmigen abends im Wohnzimmer türkisches Fernsehen läuft? Vielleicht, weil das deutsche Fernsehen bei den entscheidenden Momenten gerade Sendepause für sie hat?“

Das ist nicht nichts. Es ist aber auch nicht live. Das ist Taschenlampe mit Batteriewarnung statt Sitzen am Lagerfeuer. Das ist Ersatzbank in der Kreisliga. Und besonders bitter wird es dann, wenn Türkeistämmige in Studien und Talkrunden für die x-te Integrationsbarometer-Studie dazu seziert werden, warum bei ihnen abends im Wohnzimmer türkisches Fernsehen läuft. Vielleicht, weil das deutsche Fernsehen bei den entscheidenden Momenten gerade Sendepause für sie hat?

Auch die vermeintliche Vertraulichkeit ist Teil des Problems. Bei einem privaten Anbieter mag es normal sein, wenn Rechtepakete, Auswahlkriterien und Kalkulationen hinter verschlossenen Türen bleiben. Bei einem beitragsfinanzierten Rundfunk ist das mindestens erklärungsbedürftig. Nach welchen Maßstäben wird entschieden, welches Spiel „öffentlich relevant“ ist? Zählt nur der DFB? Zählen nur Quote und Weltstars? Zählt auch die gesellschaftliche Wirklichkeit?

Besonders angreifbar wird die Begründung bei den Uhrzeiten. Ja, die Türkei-Spiele laufen für deutsche Gemüter zu einer unchristlichen Zeit: um 6 Uhr, 5 Uhr und 4 Uhr. Aber ARD und ZDF zeigen durchaus andere Spiele tief in der Nacht oder früh am Morgen: Haiti gegen Schottland um 3 Uhr, Iran gegen Neuseeland um 3 Uhr, Österreich gegen Jordanien um 6 Uhr, Jordanien gegen Algerien um 5 Uhr. Sogar ausgerechnet parallel zu Türkei gegen USA zeigt die ARD Paraguay gegen Australien um 4 Uhr. Die Sendezeit allein erklärt also wenig. Sie wirkt eher wie eine Begründung, die nachträglich an den Spielplan getackert wurde.

„Öffentlich-rechtliche Sender müssen erklären können, warum eine der größten migrantischen Communities kein einziges Live-Spiel ihrer Nationalmannschaft im Free-TV bekommt.“

Natürlich müssen ARD und ZDF auswählen. Niemand erwartet, dass jedes Spiel jeder Community automatisch im Hauptprogramm landet. Aber man darf erwarten, dass öffentlich-rechtliche Sender erklären können, warum eine der größten migrantischen Communities des Landes bei einem emotionalen Weltereignis kein einziges Live-Spiel ihrer Nationalmannschaft im Free-TV bekommt. Nicht irgendeine Tonspur. Nicht ein später Zusammenschnitt in der Mediathek. Sondern Sichtbarkeit im Moment.

Hier wird aus einer Rechtefrage eine Repräsentationsfrage. Vielfalt zeigt sich nicht nur in Sonntagsreden, Diversity-Workshops und Talkrunden über „gelungene Integration“. Vielfalt zeigt sich dann, wenn Programmplaner entscheiden, welches Publikum als öffentlich relevant gilt. Wer in Deutschland lebt, arbeitet, Steuern zahlt, Kinder großzieht und den Rundfunkbeitrag mitfinanziert, sollte nicht erst dann als Teil der Öffentlichkeit auftauchen, wenn es um Problemdebatten geht.

Der private Anbieter hat das verstanden. MagentaTV bewirbt ein eigenes türkischsprachiges Angebot, mit bekannten Stimmen, Community-Ansprache und Social-Media-Kampagne. Der Markt erkennt, wo Emotion, Reichweite und Bindung liegen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hingegen wirkt, als habe er die türkische Community vor allem als Sonderfall in der Mediathek abgelegt.

Das Muster ist nicht neu. Schon bei der EM 2024 lief das Achtelfinale Österreich gegen Türkei nicht regulär im Free-TV, sondern exklusiv bei MagentaTV. Der Ansturm der Fans auf den privaten Streamingdienst führte dazu, dass das Spiel kurzfristig kostenlos auf YouTube verlagert wurde. Man könnte sagen: Die Server brachen schneller zusammen als die Erkenntnis, dass dieses Spiel in Deutschland ziemlich viele Menschen interessierte.

„ARD und ZDF verletzen mit ihrer WM-Auswahl vermutlich kein Gesetz. Aber sie beschädigen ein Versprechen.“

ARD und ZDF verletzen mit ihrer WM-Auswahl vermutlich kein Gesetz. Aber sie beschädigen ein Versprechen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk soll nicht nur für ein Deutschland senden, wie es sich alte Deutschlandbilder vorstellen. Er soll auch für das Deutschland senden, das morgens um fünf den Wecker stellt, Tee kocht, Trikot anzieht und hofft, dass Arda Güler einen guten Tag hat.

Integration und Teilhabe zeigen sich nicht allein am gedeckten Lastschrifteinzug, sondern auf dem Bildschirm. Wer mitzahlen soll, darf beim größten Fernsehereignis des Jahres nicht komplett außen vor bleiben. Für dieses wiederholte Ignoranz gibt es keine Erklärung, keine Begründung, keine Ausreden mehr. Wer will, findet Wege, Millionen Beitragszahlern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, das in seiner Wirkung viel mehr wert ist, als ein Magenta-Abo kostet. Wer nicht will, setzt sie genau vor diese Paywall. (mig) Meinung

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