
Nationalelf
Wenn der Sieg fehlt, ist das Wir weg
Die Nationalmannschaft galt lange als Symbol eines vielfältigen Wir-Gefühls. Doch nach dem Scheitern bei der Weltmeisterschaft zeigt sich, wie brüchig Anerkennung für Spieler mit Migrationsgeschichte bleibt.
Von Edgar Pocius Sonntag, 05.07.2026, 12:35 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.07.2026, 12:35 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Fußball in Deutschland war lange ein verbindendes Element eines gemeinsamen Wir-Gefühls. Die Nationalmannschaft wurde oft als Symbol einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft gesehen, in der Herkunft nicht mehr über Zugehörigkeit entscheiden sollte. Doch die aktuelle Weltmeisterschaft hat gezeigt, wie brüchig dieses Bild noch ist. In vielen Communitys mit Migrationsgeschichte wurden alte Fragen nach Anerkennung und Vertrauen erneut sichtbar.
Wenn wir ehrlich sind, haben die Erfolge der deutschen Mannschaft früher oft geholfen, Spannungen in der Gesellschaft zumindest vorübergehend zu besänftigen. Entscheidend waren vielmehr die Kommentare und Deutungen in den Medien, die alte Konflikte wieder aktiviert und teilweise zusätzlich Öl ins Feuer gegossen haben.
Oft beginnt es mit der Abwertung oder stereotypen Einordnung der Gegner, wie im Interview von Bastian Schweinsteiger vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste. Seine Aussagen waren vermutlich nicht bewusst ausgrenzend gemeint. Doch wenn eine Mannschaft als „wild“, besonders physisch oder „nicht orthodox“ beschrieben wird, stellt sich die Frage: Im Vergleich zu wem?
Solche Formulierungen erinnern an koloniale Stereotype. Europa wird dabei oft mit Vernunft, Ordnung und Taktik verbunden, während afrikanische Teams stärker mit Körperlichkeit, Unberechenbarkeit oder fehlender Disziplin assoziiert werden. Gerade deshalb zeigen diese Kommentare, dass alte Selbstbilder noch immer vorhanden sind.
„Ein schwächeres Spiel reicht offenbar aus, damit Leistung und Stellung im Team plötzlich infrage gestellt wurden.“
Für Menschen aus Communitys mit anderer Herkunft kann das verletzend wirken. Sie wollen solche Einordnungen nicht einfach akzeptieren, weil sie auf alten Klischees und hierarchischen Vorstellungen über die Rolle verschiedener Regionen auf der Weltbühne beruhen.
Vor dem entscheidenden Spiel gegen Paraguay bezeichnete der MagentaTV-Kommentator Jonas Friedrich den Gegner als „drittklassige Mannschaft“. Damit wurde Paraguay nicht nur unterschätzt, sondern öffentlich abgewertet. Nach dem Ausscheiden wirkte diese Aussage besonders überheblich. Sie zeigte eine Selbstwahrnehmung, die weit von der tatsächlichen Form der deutschen Mannschaft und ihrer internationalen Außenwahrnehmung entfernt war.
Nach dem schmerzhaften Scheitern gerieten einzelne Spieler in den Fokus der Kritik. Besonders Denis Undav wurde vom Trainer öffentlich kritisiert, obwohl er zuvor zu den Leistungsträgern der Mannschaft gehört hatte. Ein schwächeres Spiel reichte offenbar aus, damit seine Leistung und Stellung im Team plötzlich infrage gestellt wurden.
Jonathan Tah übernahm im Elfmeterschießen als letzter Verantwortung, nachdem andere Spieler offenbar nicht antreten wollten. Als er vergab, wurde auch er schnell zur Zielscheibe von rassistischem Hass im Netz. So wurde aus einer gemeinsamen Niederlage die Suche nach einzelnen Schuldigen.
„Die Suche nach Sündenböcken in Minderheiten und ausgegrenzten Communitys findet auch außerhalb des Fußballs statt.“
Darin spiegeln sich Tendenzen wider, die über den Fußball hinausgehen. Zugehörigkeit kann offenbar sehr schnell wieder infrage gestellt werden, besonders dann, wenn die gemeinsame Leistung im Fußball oder auch gesellschaftlich schlechter ausfällt als erwartet. Solange eine Mannschaft Erfolg hat, wird Vielfalt oft gefeiert. Nach einer Niederlage können dieselben Spieler jedoch plötzlich nicht mehr selbstverständlich zum gemeinsamen „Wir“ gehören.
Die Suche nach Sündenböcken in Minderheiten und ausgegrenzten Communitys findet auch außerhalb des Fußballs statt. Deutschlands globale Bedeutung hat in den vergangenen Jahren abgenommen, und das muss nicht automatisch etwas Schlechtes sein. Doch das Gefühl, den eigenen Platz auf der Weltbühne zu verlieren, kann Unsicherheit und Kränkungen erzeugen.
Statt Verantwortung für politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Probleme zu übernehmen, wird die Schuld oft bei sichtbaren Minderheiten gesucht. Die Debatten im Fußball zeigen deshalb nur besonders deutlich, was auch außerhalb des Stadions geschieht. Allzu oft versucht man nicht, die eigenen Schwächen und Fehler zu reflektieren oder Mut und Verantwortung zu zeigen. Stattdessen wälzt man die Schuld auf Gruppen ab, die ohnehin oft noch darum kämpfen müssen, vollständig akzeptiert zu werden (mig) Meinung
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