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Public Viewing bei einem Deutschland - Türkei Spiel © tetedelacourse auf flickr.com (CC 2.0) bearb. MiG

Nerv getroffen

Die historische Tragweite des Rücktritt Özils

Der Rücktritt Özils ist ein Wendepunkt. Viele Migranten erkennen in seinem Fall ihre eigene Lebensrealität. Sie erkennen, dass es für sie in Deutschland nie reichen wird, wenn sogar ein Weltmeister es nicht schafft, als vollwertiger Deutscher akzeptiert zu werden. Von Nima Mehrabi

Von Montag, 23.07.2018, 20:45 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 25.07.2018, 17:48 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Was viele bereits vorausahnen konnten, ist gestern Abend Wirklichkeit geworden: Nach langem Schweigen ist Mesut Özil aus der Fußballnationalmannschaft zurückgetreten. Auch wenn die ganze Tragweite dieser Entscheidung derzeit noch nicht vollständig voraussehbar ist, kann bereits jetzt eines mit Sicherheit gesagt werden: Der Rücktritt des türkischstämmigen Deutschen wird als ein Wendepunkt in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Schon bald wird die kollektive Stimmung, die unter den Menschen mit Migrationshintergrund vorherrscht, in die Zeit vor und nach der Abdankung Özils unterteilt werden müssen. Dies gilt umso mehr in Bezug auf jene, die einen türkischen und/oder muslimischen Hintergrund aufweisen. Also jene Bürger dieses Landes, die von der Öffentlichkeit – zumindest gefühlt – seit langem als Dauerthema und eines der dringendsten Hauptprobleme Deutschlands ausgemacht worden sind.

Denn für viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte steht der Fall Özil längst nicht mehr nur noch für sich selbst, sondern erkennen sie in ihm ihre eigene Lebensrealität in Deutschland. Der öffentliche Umgang mit diesem deutschen Spitzensportler hat in vollen Zügen ihren migrantischen Nerv getroffen und sie an all das erinnert, was ihnen selbst wiederkehrend im Alltag und bei der Stellen- und Wohnungssuche widerfahren ist.

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Durch Özil wurde ihnen deutlich vor Augen geführt, was sie lange gefühlt, aber schwer in Worte fassen konnten. Ein Gefühl, das dem sonst wortkargen Özil in seiner dreiteiligen Stellungnahme gekonnt zum Ausdruck zu bringen gelang. Zum Beispiel, wenn er davon spricht, nur dann als Deutscher zu gelten, wenn die Mannschaft einen Sieg einfährt, hingegen aber wieder ein Migrant zu sein, wenn sie verliert. Oder, wenn er darauf hinweist, dass das Foto mit dem türkischen Präsidenten nur ein Vorwand gewesen ist, um den versteckten gesellschaftlichen Rassismus an ihm ausleben zu können. Oder, wenn er thematisiert, dass er letztendlich immer wieder – nachweislich auch ganz ohne Erdoğan-Foto – auf die Herkunft seiner Eltern reduziert wird und wegen seiner muslimischen Religionszugehörigkeit eine Andersbehandlung erfährt.

Dass der gemeine Migrant(ennachkomme) sieht, dass all das, was er selbst nur allzu gut kennt, sogar einem Özil widerfahren kann, bestätigt ihn nicht nur darin, dass seine Gefühle ihn bisher nicht getäuscht haben. Es kommt in ihm vielmehr eine weitaus stärkere Resignationsstimmung auf, als sie ohnehin schon in den letzten Jahren zunehmend in ihm und seinem migrantischen Umfeld aufgekommen ist. Denn er weiß nun, dass er machen kann, was er will, aber niemals als vollwertiger Deutscher akzeptiert werden wird und sich auf ein Leben als ewiger Ausländer einstellen muss. Er erkennt, dass es offensichtlich nicht einmal ausreicht, sich als ein im Ruhrpott geborener Weltfußballer schon vor zwölf Jahren bewusst dafür zu entscheiden, für die deutsche statt der türkischen Nationalmannschaft zu spielen. Dass es nicht genug ist, mit dem U-21-Team der Nationalelf einen Europameistertitel nach Hause zu holen, einen wesentlichen Beitrag für die Erlangung eines Weltmeistertitels zu leisten und ganze 5 Mal vom DFB als Nationalspieler des Jahres ausgezeichnet zu werden.

Sogar dann, wenn jemand all dies erbracht und geleistet hat, reicht ein einziges Foto aus, um all seine Errungenschaften und Mühen zunichte zu machen. Da es sich um einen türkischstämmigen Deutschen handelt, wird in so einem Falle – anders etwa als bei Kahn und Matthäus – nicht lediglich der Umstand des Fotos selbst kritisiert, sondern wird einem solchen Menschen gleich sein Recht auf das Deutschsein infrage gestellt, will man ihn am liebsten dorthin schicken, wo einst seine Urahnen gewohnt haben. Solange dies nicht möglich ist, unternimmt man in so einem Falle alle notwendigen Schritte, um diesen Menschen zumindest aus der Nationalmannschaft rauszuekeln. Eine Mission, die der DFB unter der Führung von Reinhard Grindel in Bezug auf Özil als geglückt betrachten kann.

Aber es ist nicht nur dieses ganze Drumherum, das der Causa Özil seine historische Signifikanz verleiht, sondern vielmehr sein Austritt aus der Nationalmannschaft selbst, der den Fall zum erwähnten Wendepunkt in der deutschen Migrantengeschichte erheben wird. Denn auch wenn es offenbar den meisten Mitgliedern der sogenannten Mehrheitsgesellschaft entgangen ist, rumort es schon seit Jahren immer stärker in den Hirnen vieler Migrantennachkommen. In ihnen tun sich nämlich immer öfter Impulse auf, die den Blick in die Ferne schweifen lassen und mit dem Abbrechen der Zelte in Deutschland verbunden sind. Noch sind diese Gedanken nicht systematisch zu vernehmen, werden lediglich für den Fall der Fälle gedacht.

Der Rücktritt Özils hat in der migrantischen Gesellschaft allerdings einige Hemmungen beseitigt und gleichzeitig gewisse Energien, die bisher gebunden gewesen sind, freigesetzt. Er hat ihren Mitgliedern aufgezeigt, dass sie nicht auf ewig ausharren und ertragen müssen, sondern – wenn notwendig – auch andere Optionen ernsthaft in Erwägung ziehen können. Ein Gedanke, der ihnen zu einem neuen Selbstverständnis und -bewusstsein verhelfen wird.

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