
Nebenan
Konservative haben keine alten Ideen mehr
In Washington wird Gewalt zur Kulisse, in Berlin Leistungsrhetorik zur Ersatzpolitik. Friedrich Merz wollte die AfD halbieren, hat sie aber verdreifacht. So klingt Tucholsky von 1931 erschreckend gegenwärtig.
Von Sven Bensmann Montag, 04.05.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 04.05.2026, 8:53 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Bevor ich loslege, muss ich heute ein Geständnis machen. Mir ist es zuletzt außerordentlich gut gelungen, von jeder Form von Nachrichten Abstand zu halten: Die Welt direkt um uns herum blüht auf, als bäume sie sich auf gegen die düstere Realität von Völkermord, Krieg und Klimakatastrophe, um uns ein paar schöne Tage zu bereiten und ich habe dieses Angebot der Realitätsflucht willfährig angenommen. Und ich schäme mich nicht einmal. Aber es könnte sein, dass irgendetwas Wichtiges passiert ist, über das ich schreiben sollte und von dem ich nicht einmal weiß.
Natürlich habe ich trotzdem mitbekommen, dass in den USA jemand versucht haben soll, mit Waffen in ein Hotel zu gelangen, um dort einen Anschlag auf den Feind des Volkes, also die versammelte Hauptstadt-Lügenpresse, zu verüben – oder war es doch ein Anschlag auf POTUS, den Pedo of the United States? Die einen sagen so, die andern so. Was ich auch weiß: Gewalt ist in den USA mittlerweile so normal ist, dass nicht wenige das Dinner einfach fortsetzen wollten – und, dass – noch während sich erste Gerüchte darüber zusammenbrauten, dass das ja doch alles fake sei – Trump schon einmal den Anlass nutzte, Werbung für seinen Prunk-Ballsaal zu machen.
Ich habe natürlich auch mitbekommen, dass – passend zum Tag der Arbeit – Oberleistungsträger Friedrich Merz, der den Deutschen bei jeder Gelegenheit vorwirft, dass sie so stinke faul seien, von einer großen Mehrheit jener Deutschen vorgeworfen wird, selbst Arbeitszeitbetrug zu leisten, indem er nicht einmal mangelhafte Ergebnisse liefert.
„Merz‘ Projekt zur Halbierung der AfD macht rapide Fortschritte. … Was er auch anfasst, es wirkt vor allem für die AfD.“
Und, um nur auch das gesagt zu haben: Natürlich ist in Fritzen’s Weltbild der Ausländer an sich nicht irgendwie fleißiger als der Deutsche: Ausländer können zwar keine echten Deutschen werden und verdienen entsprechend auch keinen Pass, sind Paschas und auch schlecht fürs Stadtbild, sie passen sich nicht an und kümmern sich nicht um die deutsche Leitkultur – aber die deutsche Faulheit ist offenbar so ansteckend, dass der wirtschaftsflüchtige Ausländer beim Übertritt über die Grenze, nach tausenden Kilometern zu Fuß über Stock und Stein, jede Leistungsbereitschaft einstellt, sich einen breiten Arsch wachsen lässt und fortan nur noch in der Hängematte schaukelt – und wäre damit ja irgendwie dann doch vollintegriert. Aber erklär das mal einem wie Friedrich Merz.
Immerhin: Merz‘ persönliches Projekt zur Halbierung der AfD macht rapide Fortschritte. In dem kaum mehr als einem Jahr seiner Regierungszeit hat sich die mittlerweile nämlich trotz aller Korruptionsskandale fast verdreifacht – und zieht der Union davon. Was er auch anfasst, es wirkt vor allem für die AfD. Wer konnte das aber auch ahnen: Wähler beleidigen, gegen Ausländer hetzen, die Axt an den Sozialstaat anlegen, das Vorhandene schlechtreden und Angst vor der Zukunft erzeugen – das hilft also gar nicht den Konservativen, die das Vorhandene so sehr bewahren wollen, sondern vor jenen, die etwas radikal Anderes wollen? Erachtet mich als schockiert.
Aber so ist das halt mit der Zeitenwende. Alles ist plötzlich anders. Alte Rezepte ziehen nicht mehr. Konservative haben keine alten Ideen mehr, die sie unter‘s Volk bringen können. Sie müssen völlig Neues, Unerprobtes wagen, mit ungewissem Ausgang. Und deshalb sieht so auch die Lösung aus.
Wenn was nicht klappt, wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter –
immer runter!
Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren …
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann,
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muss man keltern.
Wir sparen an den Gehältern – immer runter!
Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!
Was braucht ihr eignen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen,
Wir mussten das Risiko tragen …
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.
Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eignen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wussten Sie das nicht schon früher –?
Gott segne die Wirtschaftsverführer!
Hat Kurt Tucholsky so übrigens schon vor knapp 100 Jahren am Vorabend des Nazistaates geschrieben. Und klingt trotz Nachrichten-Diät und Zeitenwende irgendwie doch alles wahnsinnig vertraut. Gut, dass sich daran niemand mehr erinnert. (mig) Meinung
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