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Äthiopischer Bauer pflügt Felder mit Kühen © de.depositphotos.com

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In Deutschland verbotenes Gift auf kenianischen Feldern

In Kenia werden Pestizide verkauft, die in Deutschland produziert werden. Problem: Das Gift ist hier verboten. Die Ampel-Koalition wollte das ändern, passiert ist bisher nicht – FDP-Ministerien blocken, die Industrielobby ist zu mächtig. Aktivisten wehren sich, haben jedoch kaum Chancen.

Von und Dienstag, 09.01.2024, 15:35 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 10.01.2024, 13:30 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

In Mwea nördlich von Nairobi eröffnete im vergangenen Jahr ein „Bayer Center of Excellence“, noch drei davon gibt es bereits in Kenia. Hier sollen die Bauern sehen, wie gut die Pflanzen aus Bayer-Samen wachsen, wenn man sie mit Bayer-Pflanzenschutzmitteln besprüht. Zudem sollen sie den sicheren Umgang mit den Mitteln lernen. Und weil es sonst wenig unterstützende Infrastruktur für die Landwirtschaft gibt, ist Agrarberater Erastus Mwangi aus dem Center of Excellence für die Bäuerinnen und Bauern der Gegend erster Ansprechpartner.

Man müsse bei den Basics anfangen, sagt Mwangi. Zum Beispiel die Etiketten der Pestizide erklären. Wie viele Tage vergehen müssen zwischen dem Sprühen der giftigen Substanzen und der Ernte. Welche Abstände eingehalten werden müssen. Welche Schutzmaßnahmen empfohlen sind. In den Broschüren werden auch Produkte mit Inhaltsstoffen beworben, die in Deutschland nicht mehr auf dem Markt sind.

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„Insekten gibt es hier kaum noch“

Heute ruft Julius Karanja an. Seine Tomatenpflanzen haben ein Problem. Mwangi steigt auf sein Motorrad und macht sich auf den Weg zum Tomatenfeld. Von dort kommen Männer mit Kisten voller Tomaten, es ist Erntezeit. Mwangi diagnostiziert einen Pilzbefall und empfiehlt ein Produkt. Es ist klar, dass hier weder die zeitlichen Abstände zur Ernte noch irgendwelche Schutzmaßnahmen für Mensch und Umwelt eingehalten werden. „Insekten gibt es hier kaum noch“, sagt Karanja und zuckt mit den Schultern.

Entwickelt wurden die Produkte für die großflächige, kontrollierte, industrielle Landwirtschaft. Angewendet werden sie in Kenia in einem völlig anderen Kontext.

Koalitionsvertrag nicht umgesetzt

Menschenrechtler und Umweltaktivisten in Deutschland und Kenia setzen sich dafür ein, dass Produkte, die in Deutschland bereits verboten sind, nicht mehr weiter produziert und exportiert werden dürfen. In Deutschland sollte es eigentlich auch eine Verordnung dazu geben, zumindest sieht es der Koalitionsvertrag so vor. Passiert ist das bislang nicht. Laut Informationen aus Parteikreisen der Grünen blocken die FDP-geführten Ministerien.

Die Lobby der Industrie ist mächtig. Bayer gibt nach Zahlen der Initiative LobbyControl jedes Jahr in Deutschland zwei Millionen Euro für ein Verbindungsbüro in Berlin aus. Auf EU-Ebene sind es insgesamt sechs Millionen Euro im Jahr. In Kenia bekommt der Lobbyverband Croplife, bei dem auch Bayer Mitglied ist, direkt einen Teil der Importzölle für seine Arbeit mit den Bauern.

Erkrankungen, Krebstote und verseuchtes Wasser

Fabian Kamau ist einer der Sprüher. Er hat sogar ein Training gemacht, beim amerikanischen Pestizid-Produzenten Corteva. Zuhause hat er auch eine Schutzausrüstung. Auf dem Feld aber hat er nur seine Handpumpe dabei und einen Eimer mit Pestizid-Flaschen, darunter auch Bayer-Produkte. Er trägt einfache Plastikschlappen, eine dünne Jacke und eine Jeanskappe auf dem Kopf. Sobald Kamau und sein Kollege fertig sind, eilen wieder die Frauen ins Feld, die die Tomatenpflanzen hochbinden. Kamau und sein Kollege waschen ihre Pumpen im nächsten Fluss aus.

Spricht man mit Landwirten in Kenia, dann haben viele eine Geschichte zu erzählen, über das, was Pestizide vermeintlich auslösen. Statistiken und Studien gibt es bisher kaum. Ein Bauer in der Nähe von Nakuru berichtet, dass das Wasser in der Gegend verseucht sei. Eine Bäuerin zählt auf, wer in ihrer Familie alles an Krebs gestorben ist. Sie verzichte deshalb auf Pestizide, sagt sie. Ein Bauer berichtet von Hauterkrankungen.

Für eine umwelt- und menschenfreundliche Landwirtschaft

Daniel Wanjama kennt viele Seiten der Problematik. Erst hat er im kenianischen Agrarministerium gearbeitet, wo Vertreter der großen Agrochemie-Firmen ein und aus gingen. Seit zehn Jahren setzt er sich mit seinem „Seed Savers Network“ für den Erhalt indigener Samen und eine umwelt- und menschenfreundliche Landwirtschaft ein, ohne chemische Pestizide.

Er findet es besonders problematisch, dass die sogenannte moderne Landwirtschaft auch von Entwicklungsprojekten vorangetrieben wird. „Die Idee ist, Chemikalien und Düngemittel einzuführen, so wie die Menschen an Drogen herangeführt werden, und nach ein paar Mal haben sie die Fruchtbarkeit ihrer Böden nicht mehr unter Kontrolle“, sagt Wanjama. Er fordert: In der Landwirtschaft solle es wieder mehr um Nahrungsmittel und weniger um Geld gehen. (epd/mig)

Diese Recherche wurde unterstützt von Journalismfund Europe.

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