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"Die Willkommensgesellschaft. Eine konkrete Utopie" von Lukas Geisler © oekom Verlag

Exklusiv-Buchauszug Teil I

Die Willkommensgesellschaft. Eine konkrete Utopie

In 16 Reportagen berichtet Lukas Geisler von zivilgesellschaftlichen Initiativen, Projekten und Menschen, die gemeinsam an der konkreten Utopie der „Willkommensgesellschaft“ arbeiten. Im ersten Buchausschnitt erzählt er von seiner persönlichen Geschichte, die ihn dazu bewegt hat, das Buch zu schreiben - eine exklusive Vorveröffentlichung.

Von Dienstag, 04.10.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 30.09.2022, 8:54 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |  

Nach der Pandemie und dem Feuer kam nun – biblisch fast – die Flut.“ Katja Riemann

Die Entstehungsgeschichte des Buches beginnt am äußersten Rand Europas, und zwar mit einer Reise auf die Insel Lesbos. Was für mich retrospektiv einen Anfang intensiver Beschäftigung mit Migration, Flucht und gesellschaftlicher Teilhabe darstellt, ist weder der Anfang noch das Ende des europäischen Grenzregimes und rassistischer Gesellschaftsstrukturen. Und auch für mich sollte es schnell um viel mehr gehen. Damals schrieb ich gemeinsam mit Magdalena Fackler, mit der ich diese Reise antrat, meinen ersten Artikel für ein Studierendenmagazin über Flucht und das europäische Grenzregime: „Die Fährfahrt von Ayvalık, ein Touristenort nahe Izmir in der Türkei, nach Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos, dauert nur knapp eineinhalb Stunden. Die Inseln liegen nicht weit von der türkischen Küste entfernt. Schnell wird klar, warum viele Geflüchtete genau an diesem Ort versuchen, nach Europa zu gelangen. Als europäische Staatsbürger:innen ist diese Route sehr bequem zu bereisen – ein verbrieftes Privileg.“ Zuvor waren wir sechs Monate nicht in Europa gewesen. Wir hatten sechs Monate in Ägypten an der Cairo University studiert. Es sollte uns ein hartes Erwachen bevorstehen. Waren wir sechs Monate lang mit einer nichtwestlichen Perspektive auf unsere Gesellschaften vertraut gemacht geworden, sollte sich die Entscheidung, in Griechenland das erste Mal wieder den Boden der Europäischen Union (EU) zu betreten, als folgenschwer für unser beider weiteren Lebensweg erweisen. Es war eines dieser Ereignisse, welches einem jegliche Illusion raubt – eines, das uns mit der Realität der Friedensnobelpreisträgerin, der Europäischen Union (EU), konfrontierte. Dabei ist dieser Beginn von Gleichzeitigkeiten geprägt. Am 22. Februar 2020 bestiegen wir am frühen Morgen kurz nach dem Sonnenaufgang die Fähre vom türkischen Festland. Nur drei Tage vorher, am 19. Februar, waren in Hanau neun Menschen von einem rechtsextremistischen Attentäter aus rassistischen Motiven getötet worden. Auch auf Lesbos spitzte sich zu dieser Zeit die Lage zu. Beide Ereignisse prägen dieses Buch.

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Eine kurze Geschichte des Lagers auf der Insel beginnt spätestens mit einer Pressemitteilung des Europäischen Rates am 18. März 2016, in der eine Absichtserklärung präsentiert wurde, die seither unter dem Namen „EU-Türkei-Deal“ bekannt ist. Zentrale Elemente des Deals bestanden darin, alle Geflüchteten, deren Asylantrag abgelehnt wurde, von den griechischen Inseln in die Türkei zurückzubringen. Für jede:n abgeschobene:n syrische:n Geflüchtete:n sollte ein:e andere:r syrische:r Geflüchtete:r aus der Türkei in der EU aufgenommen werden. Im Gegenzug sollten die Zahlung von insgesamt sechs Milliarden Euro und die Aussicht auf eine Erleichterung der Visaregeln für türkische Staatsangehörige folgen. Die Türkei verpflichtete sich im Gegenzug dazu, die Flüchtenden daran zu hindern, das Territorium der EU zu betreten. Seitdem waren die sogenannten Registrierungs- und Identifikationszentren – auch bekannt als Hotspots – faktisch zu Hafteinrichtungen geworden.

Als ich im Februar 2020 das erste Mal das Lager Moria, wie der Hotspot umgangssprachlich genannt wurde, betrat, waren 20.000 Geflüchtete im Lager untergebracht. Die eigentliche Kapazität von knapp 3.000 Menschen war also weit überschritten. Das Lager Moria lag etwa fünf Kilometer von der Küste der Insel Lesbos entfernt. Inmitten von Olivenhainen in einem kleinen Tal lag das mit Stacheldraht umzäunte Militärgelände, welches das eigentliche Lager war. Drum herum in den Olivenhainen lag der Hauptteil des Lagers, da nur ein Bruchteil der Geflüchteten in das vorgesehene Lager passte. Hier hatten Geflüchtete ihre Zelte und Hütten mit Paletten und Planen selbst erbaut. Das Lager war ein großes Durcheinander und daher nicht einfach zu überblicken. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hatten es in Zonen aufgeteilt und teilweise das Land von den ansässigen Landwirt:innen angemietet. Dabei waren die NGOs nicht in der Lage, einen angemessenen Standard der Unterbringung sicherzustellen. Gleichzeitig entzog sich die griechische Regierung in diesem Gebiet komplett der Verantwortung. So gab es zum Beispiel keine staatliche Müllentsorgung. Auch das ausschließliche Machtmonopol des Staates wurde außerhalb des offiziellen Lagers in den Olivenhainen nicht mehr wahrgenommen. Florian Westphal von Ärzte ohne Grenzen schilderte die Situation folgendermaßen: „Man muss sich das so vorstellen, dass dort manchmal eine Mutter mit zwei, drei Kindern monatelang in einem ganz kleinen Zelt haust. Dass die Menschen völlig unzureichend medizinisch versorgt sind. Ganz schlimm gerade für die Kinder ist auch, dass sie oftmals gar nicht geschützt werden. Nachts ist das Camp mehr oder weniger eine rechtsfreie Zone. Es kommt immer wieder zu gewalttätigen Angriffen, zu Vergewaltigung, sexueller Misshandlung auch von Kindern.“

Die Situation war damals sowieso schon sehr angespannt und verschlimmerte sich kurze Zeit später, als die Türkei das Abkommen mit der EU einseitig aufkündigte. Auf der griechischen Insel herrschte Ausnahmezustand. Lokale Bevölkerungsgruppen errichteten Straßenblockaden, und internationale Rechtsextremist:innen, zum Beispiel von der Identitären Bewegung, reisten auf die Insel. Während sich die Inselbewohner:innen allein gelassen fühlten und gegen die Unterbringung von Geflüchteten auf der Insel protestierten, riefen Rechtsextreme zur Verteidigung Europas auf. Für viele war das Platzen des Türkei-Deals der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Wut richtete sich gegen Journalist:innen, internationale Helfer:innen und auch gegen Geflüchtete. Es kam zu Verfolgungsjagden und bürgerkriegsähnlichen Zuständen – und das alles unter den Augen der staatlichen Sicherheitsbehörden. Auch ich entkam nur knapp einer solchen Straßensperre, und das nur, weil der Fahrer des Vans schnell reagierte und den Rückwärtsgang einlegte. An jenem Sonntag war ich Teil eines Teams, das im Lager die Müllentsorgung organisieren sollte. Als uns die Nachricht erreichte, dass eine der beiden Zufahrtsstraßen durch eine Straßensperre blockiert wurde, versuchten wir über die andere Straße das Lager zu verlassen. Doch auch diese erwies sich bereits als blockiert. Wir kehrten also um und entkamen der Situation schließlich über Feldwege mit einem Geländewagen einer anderen NGO. Was uns erwartet hätte, ich möchte es mir nicht ausmalen. Noch in der gleichen Nacht auf den 3. März – noch im Morgengrauen – evakuierten fast alle internationalen Hilfsorganisationen ihre Mitarbeitenden und Freiwilligen von der Insel. Gemeinsam mit einem Welpen, den eine Freiwillige aus dem Lager gerettet hatte, verließen auch wir die Insel mit der Fähre. Dem Sonnenaufgang entgegen ging es für uns nach Samos, um dort unsere Arbeit fortzusetzen. Der Hund war das Einzige, was wir von der Insel zu diesem Zeitpunkt retten konnten. Im Gegensatz zu uns saßen die Geflüchteten auf der Insel fest.

Dort hieß es nun Kleiderspenden sortieren und an Geflüchtete ausgeben. Auch hier war die Situation angespannt. Beispielsweise wurde das Haus, in dem wir untergebracht waren, eines Nachts mit Steinen beworfen. Daraufhin wurde schnell ein Hotelzimmer angemietet, um Sicherheit zu garantieren. Doch die weltgeschichtliche Lage sollte uns in Atem halten. Für mich war dies keine einfache Zeit, und es fiel mir schwer, mit dem Erlebten umzugehen. Kurze Zeit später erreichte die COVID-19-Pandemie Europa. Die Bundesregierung verkündete den ersten Lockdown. Seitdem bildet dieser erste Aufenthalt auf den griechischen Inseln den Ausgangspunkt meines politischen Handelns. Ob wissenschaftlich, journalistisch oder aktivistisch, mein Fokus verschob sich. Ich nahm ein Arbeitsangebot in der Fluchtforschung an, schrieb Artikel zu Flucht und Migration, hielt Vorträge und vieles mehr. Das war mein Weg, mit dem Erlebten umzugehen – ich konnte zu den Missständen nicht länger schweigen.

Lukas Geisler
Die Willkommensgesellschaft
Eine konkrete Utopie
ISBN: 978-3-96238-393-0
Softcover, 192 Seiten
Erscheinungstermin: 06.10.2022

Im Sommer 2020 wollten Magdalena Fackler und ich auf die Insel zurückkehren. Wenige Tage vor unserem Abflug erreichte uns die Nachricht: Moria, das Geflüchtetenlager auf Lesbos, brennt. In der Nacht vom 9. September 2020 brannte das Lager Moria fast vollständig ab. Zuvor waren Geflüchtete positiv auf COVID-19 getestet worden, und das Lager stand deshalb unter Quarantäne. Aufgrund starker Windböen mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde hatte die Feuerwehr Probleme, den Brand zu löschen. Letztendlich ordneten die Behörden eine Evakuierung des Lagers an, doch viele Geflüchtete hatten schon zuvor versucht, sich in Sicherheit zu bringen. Sicherheitskräfte der griechischen Regierung blockierten für die Geflüchteten den Zugang zu der Hauptstadt Mytilini. Über Nacht waren 12.000 Menschen obdachlos geworden. Daniel Loick schrieb in einem Kommentar für den Deutschlandfunk: „Nicht nur werden den Geflüchteten regelmäßig ihre Menschenrechte vorenthalten; mittlerweile steht auch ihr biologisches Leben auf dem Spiel.“ Und: „Zusammengenommen haben diese Praktiken auf Lesbos eine Todeswelt entstehen lassen. Die dahinterstehende Politik hat damit die Schwelle von der bloßen Ausgrenzung – der Verteidigung unseres Wohlstands gegen eine imaginierte Bedrohung von außen – zu einer aktiven Politik des Todes überschritten: Die europäischen Regierungen wenden eine Reihe von Techniken an, die im Ergebnis darauf abzielen, das Leben unerwünschter Bevölkerungsgruppen zur Disposition zu stellen.“ Nach Rücksprache mit der Organisation vor Ort beschlossen wir, trotzdem oder gerade deswegen zurückzukehren. Diesmal blieben wir fast zwei Monate.

Mit der konkreten Arbeit an diesem Buch begann ich im Mai 2021 in Berlin bei FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit. Hier entstanden die ersten Reportagen, die auch in diesem Buch zu finden sind. Damit setzte auch der Beginn einer anderen Auseinandersetzung an. Nach mehr als einem Jahr der intensiven Beschäftigung, die von Wut, Widerstand und leider oft auch Resignation geprägt war, sollte sich mir eine neue Möglichkeit ergeben, die Thematik anders zu bearbeiten. Heute weiß ich, dass es auch eine Suchbewegung für mich darstellte. Erst kamen die Analyse und Kritik, dann die Suche nach Auswegen. Das europäische Grenzregime mit seinen (post)kolonialen Praktiken und die Realität rassistischer Gesellschaftsstrukturen machen es oft schwer, über Auswege nachzudenken. Die Analysen sind erdrückend, und Kritik daran stößt leider allzu oft auf taube Ohren. Eine Dystopie, die eine reale Gestalt angenommen hat: Leid, Gewalt und Ignoranz. Durch FUTURZWEI schöpfte ich wieder Hoffnung.

Der zweite Ausschnitt erscheint am 6. Oktober 2022 beim MiGAZIN. Vorbestellen kann man das Buch beim oekom Verlag oder auf allen herkömmlichen Onlineplattformen und lokalen Bücherläden.

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