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Die Skyline von Mumbai/Indien © 123rf.com

Die frühe Hitze

Die Temperaturen in Südasien steigen auf gefährliche Rekordwerte

An Hitzewellen wird Indien sich Experten zufolge gewöhnen müssen. Das Land sei ein Hotspot des weltweiten Klimawandels. Schon jetzt leidet die Bevölkerung - zum Beispiel Arbeiter auf Baustellen.

Von Montag, 18.07.2022, 16:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.07.2022, 15:51 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Arbeit geht nur langsam voran. Der Bauleiter Ramesh More aus dem westindischen Vasai kann es sich aber trotz der Rekordtemperaturen nicht leisten, freizunehmen. Kipper und Laster stehen auf dem Gelände. Die Hitze sei zwar nicht neu, „doch in diesem Jahr schwitze ich ununterbrochen und meine Kehle ist wie ausgetrocknet“, sagt er. Besonders schwer falle die Arbeit den Kollegen, die noch nicht so viele heiße Sommer auf Baustellen verbracht hätten.

Indien verzeichnete in diesem Jahr Hitzerekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnung im Jahr 1900. Millionen von Menschen leiden seitdem unter der Hitzewelle in der Region mit Temperaturen von teilweise mehr als 45 Grad Celsius. „Die Hitze ist allerdings nicht nur eine singuläre ‚Laune der Natur‘, sondern ein immer häufiger auftretendes Symptom der globalen Klimaerwärmung“, lautet die Einschätzung des Meteorologen Adrian Leyser. Indien sei ein Hotspot des weltweiten Klimawandels. Die Hitzewellen werden also immer häufiger werden.

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Mehr Hitze-Patienten

Und auch in diesem Jahr ist noch nicht klar, wie heiß es noch wird. Die höchsten Temperaturen in den Ebenen von Nordwest-, Zentral-, Ost- und Nordindien könnten noch ausstehen. Bauleiter More hat sich über die Jahre an die Hitze und den Staub bei seiner Arbeit gewöhnt. Aber er sagt, der diesjährige Sommer sei anders. „Es ist schwierig geworden, in der Sonne zu stehen.“ Der 35-Jährige und sein Team müssen längere Ruhephasen einlegen, es gehe nicht anders. Allerdings seien die Kunden ungeduldig, denn der Monsun mit teils heftigen Niederschlägen steht bevor. Davor sollen Straßen, Häuser und Fabriken regenfest sein.

„Die Hitzewelle kommt jedes Jahr zu uns, aber in diesem Jahr leiden die Menschen aufgrund der fehlenden Vormonsun-Regenfälle und der steigenden Luftfeuchtigkeit in Küstenstädten wie Mumbai stärker“, sagt der Allgemeinmediziner Rewat Kaninde, der in einem der größten staatlichen Krankenhäuser Mumbais arbeitet. „Die Zahl der Patienten mit Problemen wie Schwindel und Übelkeit hat zugenommen.“ Viele Menschen in Mumbai lebten in dicht besiedelten Gebieten. Besonders in den informellen Siedlungen fehle die Luftzirkulation, die Hitze stehe dort.

Zahl der Hitzetage zugenommen

Laut den Behörden hat die Zahl der Hitzetage in Indien in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Wurden im Zeitraum 1981-1990 noch 413 Hitzetage registriert, waren es von 2011 bis 2020 bereits 600 solcher Tage mit deutlich erhöhten Temperaturen, wie das Magazin „Forbes India“ Angaben des Meteorologischen Amtes zitiert.

Eigentlich sei es notwendig, bei diesen Temperaturen die Arbeit ruhen zu lassen, sagt Mediziner Kaninde. Doch er weiß, dass sich das nach zwei Jahren Pandemie nur die wenigsten leisten können. „Deshalb raten wir den Patienten, viel und leicht gesalzenes und gezuckertes Wasser zu trinken, um sich vor Dehydrierung zu schützen“. Durch den raschen Temperaturanstieg war die Anpassungszeit für die Bevölkerung viel kürzer, das habe Auswirkungen besonders auf Kinder, Menschen mit Vorerkrankungen und der älteren Bevölkerung.

„Man muss auf sich selbst Acht geben“

Die 50-jährige Anita Shinde muss deshalb seit letzter Woche zu Hause bleiben. Sie habe vermutlich einen Sonnenstich. Die Haushälterin lebt in einer dicht besiedelten informellen Siedlung ganz in der Nähe des berühmten Juhu-Strandes. In ihrer kleinen Wohnung gibt es einzig einen Deckenventilator, der ihr etwas Erleichterung bringt. Zu schaffen mache ihr die Hitze und die extreme Feuchtigkeit. Sie wisse von mehreren Kindern und Frauen in ihrem Umfeld, die krank geworden seien. Immerhin gab es in der Metropole Mumbai, anders als in anderen Teilen Indiens, noch keine Unterbrechungen der Stromversorgung.

„Man muss auf sich selbst Acht geben“, sagt ihre 23-jährige Tochter Ankita Shinde. Ansonsten warteten sie auf Regen. In der Hauptstadtregion Delhi wie anderen Teilen Nordindiens verschafften nun Schauer etwas Abkühlung für die nächsten Tage. In Mumbai ist davon noch nichts in Sicht und der Sommer hat erst angefangen. (epd/mig)

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