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Äthiopischer Bauer pflügt Felder mit Kühen © de.depositphotos.com

Trtoz Hungerkatastrophe

Experten befürchten Kürzungen bei Hilfsprogrammen

Dürren, die Pandemie und Konflikte lassen die Zahl der akut von Hunger bedrohten Menschen dramatisch steigen. Der Ukraine-Krieg bringt eine weitere Eskalation. Nun wird mit vereinten Kräften versucht, Getreide aus ukrainischen Silos hinauszubringen.

Von Sonntag, 26.06.2022, 15:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 26.06.2022, 8:53 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Rund 40 Staaten wollen gemeinsam mit den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen gegen die sich dramatisch verschärfende Hungerkrise vorgehen. Bei einer internationalen Konferenz für globale Ernährungssicherheit am Freitag im Auswärtigen Amt in Berlin sprachen sich Rednerinnen und Redner unter anderem dafür aus, deutlich mehr Getreide aus der Ukraine herauszuholen. Viele afrikanische und arabische Länder sind hochgradig abhängig von Nahrungsmitteln aus dem Kriegsland. Zugleich befürchten Experten aufgrund des Ukraine-Krieges Kürzungen bei Hilfsprogrammen.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) wies darauf hin, dass 345 Millionen Frauen, Kinder und Männer weltweit, akut von Nahrungsmittelknappheit bedroht seien. Als Gründe nannte sie regionale Konflikte, Dürren, die Folgen der Klimakrise und von Covid-19. Doch erst Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine habe „aus einer Welle einen Tsunami gemacht“, fügte sie hinzu. Sie nannte dabei die jüngsten Preissteigerungen sowie russische Blockaden von Schwarzmeerhäfen und Angriffe auf ukrainische Getreidesilos.

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Indonesien: Die Zeit wird knapp

Laut dem Welternährungsprogramm ist die Zahl der akut von Hunger bedrohten Menschen in gerade einmal zwei Jahren um mehr als 200 Millionen auf den aktuellen Wert gestiegen. Vor der Corona-Pandemie waren 53 Länder betroffen, heute sind es den Angaben nach 82. Besonders katastrophal ist demnach aktuell die Lage von mehr als 400.000 Menschen in Äthiopiens Tigray Region, von rund 210.000 Menschen in Somalia, etwa 160.000 Menschen im Jemen, von knapp 90.000 Menschen im Südsudan und von rund 20.000 Menschen in Afghanistan.

An der Konferenz nahmen rund 40 Ministerinnen und Minister und Repräsentanten von Hilfsorganisationen teil. Allein elf Delegationen kamen aus Afrika. US-Außenminister Antony Blinken sagte, etwa 25 Millionen Tonnen Getreide steckten in ukrainischen Silos fest und drohten, zu verrotten. Er betonte, dass die Sanktionen gegen Russland ausdrücklich Ausnahmen für den Export von Agrargütern vorsehe. Es gebe kein Hindernis für die Ausfuhr von Nahrung und Dünger aus Russland und nur ein Land blockiere die Exporte aus der Ukraine. „Das ist Russland“. Die indonesische Außenministerin Retno Marsudi sagte in einer Videobotschaft, die Zeit werde knapp. Alle Länder müssten von Aktivitäten absehen, die die Ernährungskrise verschlimmerten. Die Ukraine gehört zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt.

Özdemir: Logistik an ihren Grenzen

Deutschland arbeitet daher derzeit gemeinsam mit anderen EU-Staaten und den Vereinten Nationen daran, Getreide aus der Ukraine hinauszubringen. Laut Bundesregierung hat das Land vor dem Krieg monatlich fünf Millionen Tonnen Getreide exportiert. Nach Beginn der russischen Großoffensive waren es demnach im März nur noch 350.000 Tonnen. Im Mai konnten den Angaben zufolge über die Donau sowie über die Schiene wieder 1,7 Millionen Tonnen ausgeführt werden.

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) sagte, im Juni könnte dies noch gesteigert werden, allerdings komme man logistisch an Grenzen. Man bemühe sich weiter um Alternativrouten, die dauerhaft etabliert werden sollen. Er wies zudem darauf hin, dass aktuell wieder geerntet werde. Die Ernte zwischenzulagern sei nicht so einfach. Daher überlegten sich viele ukrainische Bauern, was sie in der nächsten Saison anbauen sollten. Es müsse also gelingen, „ein Signal zu senden, dass es eine dauerhafte Alternativroute für ukrainisches Getreide gibt, sonst werden die Erträge auf Dauer deutlich heruntergehen“.

Experten befürchten Kürzungen bei Hilfsprogrammen

Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) warnte davor, in der aktuellen Lage die anderen Krisen außer Acht zu lassen. „Es geht nicht nur darum, diese Hungerkrise zu bewältigen. Wir müssen gleichzeitig die nächste vermeiden und die übernächste.“ Die Krisentreiber Klimawandel und Artensterben verschwänden nicht einfach.

Die Beratungen über die Hungerkrise werden auf dem G7-Gipfel im oberbayerischen Schloss Elmau fortgesetzt. Dort treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten demokratischen Industriestaaten auf Einladung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) von Sonntag bis Dienstag. Die Sorge von Hilfsorganisationen ist groß, dass der Gipfel mehr Schaden als Nutzen bringen könnte. So warnte der Geschäftsführer von International Rescue Committee (IRC), Ralph Achenbach, vor Kürzungen bei Hilfsprogrammen. „Wir sehen jetzt das Risiko, dass aufgrund des Ukraine-Krieges Finanzierungszusagen nicht eingehalten werden“, sagte er. (epd/mig)

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