Lukas Geisler, Migazin, Flucht, Flüchtling, Rassismus, Menschenrechte
Lukas Geisler © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Grenzräume

Auf wessen Schultern?

In dieser Kolumne soll es um die Kolumne selbst gehen. Reflexiv soll auf die letzten Kolumnen zurückgeblickt und die kommenden in den Blick genommen werden. Wer ermöglicht eigentlich eine solche Kolumne?

Von Montag, 06.06.2022, 16:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 06.06.2022, 10:03 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

Bisher waren es die großen zeitgeschichtlichen Themen, die im Fokus standen. Über rassistisches Recht, einen zeitgemäßen Heroismus und die Grenzschutzagentur Frontex habe ich in den vergangenen Wochen geschrieben. Dabei hat sich die Kolumne auch immer daran versucht eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft, Kultur und aktivistischen Kämpfen wahrzunehmen. Ersteres soll diesmal auf eine andere Weise thematisiert werden, denn nicht nur ein gutes Redigat, also eine Überarbeitung eines Artikels, ist notwendig. Wer ermöglicht mir als weißer männlicher Studierender darüber hinaus eigentlich meine Arbeit?

Die Lernfabrik

In der Zentralbibliothek der Goethe-Universität Frankfurt am Main entsteht an den meisten Tagen das, was alle drei Wochen an dieser Stelle beim MiGAZIN unter meinem Namen veröffentlicht wird. Der große Lesesaal mit hohen Decken im ersten Stock des Gebäudes hat an zwei Seiten ausladende Fensterfronten. Viel Licht strömt in den Raum mit den weißen Tischen und dunklen Stühlen. An blanken Betonpfeilern, die den Raum durchziehen, sind Steckdosen angebracht. Auch einen großen Freihandbestand an Büchern gibt es im vorderen Teil des Raumes. Im Treppenhaus befinden sich die Toiletten und im Foyer gibt ein kleines Café, in dem leckerer Kaffee zubereitet, Kaltgetränke bereitstellt und belegte Brötchen verkauft werden.

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„Wissensvermittlung und Wissensproduktion findet also nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern Universitäten sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext. Wer hält eigentlich die Lernfabriken am Laufen? Auf wessen Schultern wird hier eigentlich gelernt, gelehrt und geforscht?“

Auf der anderen Straßenseite befindet sich der alte Campus, der zwar ein Siebzigerjahre-Betonbau ist, aber mit seinem großen Innenhof und mit Graffiti besprühten Wänden bunt, politisch und einladend wirkt. Im Erdgeschoss befindet sich eine Mensa. Jeden Tag gibt es hier frische Gerichte. Eine perfekte Atmosphäre für das Schreiben. Für alle Bedürfnisse ist gesorgt. Wissensvermittlung und Wissensproduktion findet also nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern Universitäten sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext. Wer hält eigentlich die Lernfabriken am Laufen? Auf wessen Schultern wird hier eigentlich gelernt, gelehrt und geforscht?

Die (Un-)Sichtbaren

Einmal alle paar Monate putzt ein rassifizierter Arbeiter die Fensterfronten des Lesesaals. Gut beobachtet von den Studierenden auf den dunklen Stühlen und den weißen Tischen. Nie sind die Mülleimer im Lesesaal morgens nicht geleert. Jeden Tag wird das Klopapier nachgefüllt, die Toiletten gereinigt und der Boden gewischt – und zwar von migrantisierten Frauen. Das kleine Café ist das Herzstück der Zentralbibliothek. So ist es der Rettungsanker vieler unter Prüfungsstress leidender Studierender. Wenn die Müdigkeit kommt, gibt es Mate und Kaffee – und auch hier sind rassifizierte Personen Dienstleistende. Zum Mittag geht es dann in die Mensa, wo sich dasselbe Bild zeigt. Das leere Tablett wird am Ende auf ein Fließband gestellt, wo es dann in einem schwarzen Loch verschwindet. Wer die Teller wäscht, bleibt den Besuchenden der Mensa unbekannt.

„Ein Gespenst geht um in der Universität – das Gespenst des rassifizierten Dienstleistungsproletariats. Denn es sind gerade diese (un-)sichtbaren Arbeitenden, die die Lernfabrik am Laufen halten.“

Ein Gespenst geht um in der Universität – das Gespenst des rassifizierten Dienstleistungsproletariats. Denn es sind gerade diese (un-)sichtbaren Arbeitenden, die die Lernfabrik am Laufen halten. Dabei sollte eines nicht falsch verstanden werden. Es ist gut, dass wir nicht alle die Toiletten putzen müssen und jegliche reproduktive Arbeit aufteilen. Die bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus – und das kann als Errungenschaft angesehen werde –, dass es sich um eine arbeitsteilige Gesellschaft handelt. So wird die Arbeit an Kolumnen, die Wissensproduktion in der Forschung und genauso weiterführende Bildungsinstitutionen für einen größeren Teil der Bevölkerung erst möglich. Das eigentliche Problem ist deshalb nicht die arbeitsteilige Gesellschaft, sondern unter welchen Bedingungen und entlang welchen sozialen Kategorien die Arbeitsteilung stattfindet.

Applaus verhallt

„Das Dienstleistungsproletariat der Lernfabriken ist nicht nur migrantisiert, sondern auch ihre Klassenherkunft und ihr Geschlecht determinieren ihre soziale Zugehörigkeit.“

Denn die arbeitsteilige Gesellschaft reproduziert rassistische Hierarchisierungen und dies bleibt allzu oft im Verborgenen. Dagegen bleibt Wissenschaft allzu oft weiß. Aber nicht nur das: Gerade die Verschränkung der Klassengesellschaft mit anderen Ungleichheitsverhältnissen sowie Diskriminierungsformen muss in den Blick genommen werden. Das Dienstleistungsproletariat der Lernfabriken ist nicht nur migrantisiert, sondern auch ihre Klassenherkunft und ihr Geschlecht determinieren ihre soziale Zugehörigkeit. Und trägt entscheidend zu ihrer (Un-)Sichtbarkeit bei sowie bestimmt so auch die gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen zuteilwird oder eben nicht.

Exemplarisch für die fehlende Sichtbarkeit ist die spärliche Berichterstattung über den Pflegestreik an den Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen. Unter dem Stichwort „Notruf NRW“ fordern die Beschäftigten der sechs Kliniken einen besseren Personalschlüssel, der nicht nur das Personal entlastet, sondern ebenfalls für eine Besserung in Gesundheitsversorgung sorgen würde. Obendrein würde ein solcher Tarifvertrag die Logik der Fallpauschalen anzweifeln. Die Fallpauschalen sind das Abrechnungssystem, mit dem Leistungen der Krankenhäuser in Deutschland vergütet werden. Genau dies erzeugt Kostendruck ebenjenen zulasten der Behandlungsqualität und der Beschäftigten. Große mediale Berichterstattung? Fehlanzeige. Der Applaus während der Pandemie ist still und heimlich verhallt.

Systemrelevant und ausgebeutet

„Migrantisierte Fachkräfte sind unverzichtbare Stützen unserer Gesundheitsversorgung, die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht und Gesundheit hängt mit der sozialen Lage zusammen.“

So sind Universitäten nicht die einzigen Einrichtungen, die auf den Schultern von migrantisierten Personen funktionieren. Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) gab unter dem Titel „Systemrelevant: Migration als Stütze und Herausforderung für die Gesundheitsversorgung in Deutschland“ im Mai ein Jahresgutachten heraus. In neun Kernbotschaften kommuniziert der SVR seine Ergebnisse: Migrantisierte Fachkräfte sind unverzichtbare Stützen unserer Gesundheitsversorgung, die Arbeitsbedingungen sind oft schlecht und Gesundheit hängt mit der sozialen Lage zusammen.

Statistiken belegen die Ergebnisse klar: Ein Viertel der in der Altenpflege Beschäftigten sind selbst zugewandert. Davon stammen zweidrittel aus europäischen Ländern. Weitere zehn Prozent aus Zentralasien. Die Zahl der Geflüchteten in der Altenpflege und in der Gesundheits- und Krankenpflege hat sich seit 2013 fast verzehnfacht. In der Humanmedizin, ein akademisches Berufsfeld, hat sich dagegen die Anzahl lediglich verdreifacht. Auch hier wirken rassifizierte und geschlechtsspezifische Klassenverhältnisse.

Was tun?

„Nicht gestern, nicht heute und auch nicht zukünftig schreibe ich eine Kolumne wie diese allein. Schreiben ist keine journalistische Robinsonade.“

Bei den Pflegestreiks in NRW scheint relativ klar, was zu tun ist: Die Streikenden können bei ihren Streikposten und Demonstrationen unterstützt werden. Wie dies beim Dienstleistungsproletariat der Lernfabriken geschehen kann, bleibt dagegen eher unklarer. Gewerkschaftliche Organisierung oder Streiks scheinen in weiter Ferne zu sein. Doch auch hier kann Sichtbarkeit hergestellt werden und ein Bewusstsein geschaffen werden. Klar, es wirkt wie eine minimale Veränderung, aber es muss stets im Kleinen begonnen werden. Es muss daher mit voller Klarheit formuliert werden: Nicht gestern, nicht heute und auch nicht zukünftig schreibe ich eine Kolumne wie diese allein. Schreiben ist keine journalistische Robinsonade.

Auch wenn nicht allein um Anerkennung und Sichtbarkeit gerungen werden darf, sondern es um konkrete materielle Veränderungen gehen muss, schließe ich trotzdem ganz simpel. Und zwar schlichtweg mit einem Glaubensbekenntnis: Ich werde mich nicht mehr aufregen, wenn die Universitätsbibliothek früh schließt oder an Feiertagen geschlossen bleibt. Ich werde Mitstudierende darauf hinweisen, wer diesen Laden am Laufen hält. Und ich werde mich öfters fragen, was mit meinem Tablett hinter dem schwarzen Loch geschieht. Denn ein Gespenst geht um in der Universität. Das Gespenst des migrantisierten Dienstleistungsproletariats.

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