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Grenze zur Bundesrepublik Deutschland © Metro Centric auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ukraine-Flüchtlinge

„Alle hoffen, dass sie morgen wieder zurückkönnen“

Die Flucht aus der Ukraine ging über Feldwege und Nebenstraßen nach Moldawien. Nun ist die Familie von Dmitiri in Deutschland, steht aber erst mal vor dem Nichts. Helfer kümmern sich um die Alltagsprobleme und seelischen Nöte der Flüchtlinge.

Von Mittwoch, 09.03.2022, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 08.03.2022, 17:13 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Eigentlich wollte Dmitri im Februar bloß für einige Tage aus der Ukraine nach Deutschland fliegen, um seiner in Mainz lebenden Mutter zum Geburtstag zu gratulieren. Sein Rückflug wurde wegen der Kriegsgefahr bereits gestrichen, und nach Beginn der russischen Invasion machte sich auch seine Frau mit den beiden Töchtern im eigenen Auto auf den Weg nach Westen. „Sie haben Feldwege und Nebenstraßen genommen“, erzählt der Ukrainer mit müdem Blick von der abenteuerlichen Flucht nach Moldawien, wo Frau und Kinder am Grenzübergang drei Nächte lang auf die Abfertigung warten mussten.

Inzwischen sind alle sicher in Rheinland-Pfalz. Aber die vierköpfige Familie steht in einem fremden Land vor dem Nichts. Dmitris Frau benötigt wegen einer chronischen Erkrankung dringend Medikamente, und in der engen Wohnung der Mutter können sie nicht alle unterkommen.

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Im „Haus der Kulturen“ der Malteser am Stadtrand von Mainz sollen Neuankömmlinge aus der Kriegsregion Antworten auf ihre Fragen bekommen, konkrete Hilfe und Trost. Noch vor wenigen Tagen stapelten sich in der Bibliothek des Begegnungszentrums die Hilfsgüter. Bereits drei Transporter mit 106 Tonnen Material gingen vom Rhein aus auf die Reise an die polnisch-ukrainische Grenze – Medikamente, Babynahrung, Schlafsäcke und Elektrogeräte wie Powerbanks. Jetzt wird Ukrainerinnen und Ukrainern hier auch dreimal in der Woche eine psychosoziale Beratung angeboten.

Viele praktische Probleme

„In dem Moment, in dem Kriegsflüchtlinge zur Ruhe kommen, merken sie erst, was eigentlich los ist“, sagt Behrouz Asadi, Leiter des Malteser-Migrationsbüros Rheinland-Pfalz/Hessen. Das sei bei allen großen Flüchtlingsströmen immer so gewesen, egal ob bei Afghanen, Syrern oder Bosniern. „Wir sind hier keine Behörde und finden, es ist wichtig, jedem die Hand zu reichen“, erklärt der Exil-Iraner, der seit Jahrzehnten in der Flüchtlingshilfe tätig ist.

Die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine, die bislang Deutschland erreicht haben, sind zunächst bei Freunden und Verwandten untergekommen. Aufgrund der neuen EU-Regeln können sie in Kürze ohne Asylverfahren und Einweisung in eine Sammelunterkunft auch Sozialleistungen beantragen. Praktische Probleme gibt es trotzdem mehr als genug.

Krieg verändert Kinder

„Wir warten auf unsere Tochter und ihren Mann“, erzählt Olena, die vor vielen Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland ausgewandert war. Die beiden seien mit einem großen Hund auf dem Weg von Odessa nach Deutschland. Weil Tierhaltung in ihrer Mainzer Sozialwohnung verboten ist, weiß die Ukrainerin nun nicht, ob sie die beiden überhaupt beherbergen darf. Große Sorgen bereitet ihr, wie die Schwangerschaft ihrer Tochter in Deutschland weiter betreut werden kann. Auch bei der Organisation von Arztterminen helfen die Malteser.

„Es ist ganz wichtig, den Menschen aus der Ukraine zu zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt die Psychologin Iryna Yaroshevych, die jetzt in der Beratungsstelle arbeitet. Wie so viele in der ukrainischen Diaspora hat sie auch privat gerade Landsleute bei sich zu Hause aufgenommen und sieht, wie der Krieg Kinder verändert: „Der Junge ist neun Jahre alt, er kann perfekt die Geräusche des Luftalarms nachmachen.“

Krieg für Kinder ist Abenteuer und Schmerz

Während sich die Erwachsenen auf der Flucht und nach der Ankunft um alltägliche Probleme kümmern müssten, sei der Krieg für Kinder eine fürchterliche Mischung aus Abenteuer und unglaublichem Schmerz: „Sie haben ja meist ihre Väter und Freunde zurückgelassen.“

Nahezu alle geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer wollten nicht in Deutschland bleiben. „Alle hoffen, dass sie morgen wieder zurückkönnen“, sagt die Malteser-Beraterin Lilia Vashkurak. So würden Angebote, bei der Aufnahme von Kindern an deutschen Schulen zu helfen, meist empört zurückgewiesen. In der Ukraine, heiße es dann, seien doch sowieso bald Frühlingsferien. (epd/mig)

Leitartikel Panorama
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