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Sprache der Alten wieder cool

UN-Dekade der indigenen Sprachen

Dieses Jahr beginnt die UN-Dekade der indigenen Sprachen. Über die Pflege traditioneller Sprachen sollen auch Identitäten gestärkt werden. In Paraguay haben junge Leute längst Spanisch und das indigene Guaraní vermischt: Jopara gilt als cool.

Von Mittwoch, 19.01.2022, 5:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 18.01.2022, 15:42 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Wenn Miguel Jarreta mit seinen Freunden kommuniziert, macht er es kurz. „Ha upéi“ tippt er in sein Handy: „Wie geht s?“ Der 25-Jährige benutzt wie viele junge Menschen in Paraguay die Indigenensprache Guaraní im Alltag. In seinem Job als Automechaniker spricht er Spanisch, auch offizielle Schreiben verfasst er in seiner ersten Muttersprache. Doch nach Feierabend switcht er zwischen den zwei offiziellen Amtssprachen in Paraguay hin und her. Jopara nennen die Paraguayer die so entstandene Mischung.

„Auf Guaraní kann man vieles direkter, unkomplizierter ausdrücken“, sagt Jarreta. „Außerdem klingt Guaraní schön, und es ist die Sprache unseres Landes.“ Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) leben weltweit rund 5.000 verschiedene indigene Vo lker in mehr als 90 Staaten. Um ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt zu würdigen und zu unterstützen, haben die UN eine „Dekade der indigenen Sprachen“ ausgerufen, die dieses Jahr beginnt.

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Stockschläge für Guaranísch

In Paraguay mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern ist Guaraní seit 1992 zusammen mit Spanisch Amtssprache. Damit wurde die Realität anerkannt, dass mehr als 80 Prozent der Paraguayer Guaraní sprechen oder zumindest verstehen. Guaraní galt jedoch lange als Sprache der Armen, der Landbevölkerung. Erst in den 1990er Jahren wurde der Sprachunterricht in das Curriculum der staatlichen Schulen aufgenommen. Der Vater von Miguel Jarreta erinnert sich noch, wie es in seiner Schulzeit verboten war, Guaraní zu sprechen. Dafür habe es harte Strafen wie Stockschläge gegeben, sagt der Sohn.

Doch inzwischen macht die einst stigmatisierte Sprache eine bemerkenswerte Entwicklung durch. Viele Jugendliche, auch in den Städten, finden Guaraní cool und mischen es mit spanischen oder englischen Ausdrücken. Und auch Paraguays Regierung unternimmt Anstrengungen und beschloss 2010 die Gründung einer Nationalen Sprachakademie. Diese soll nicht nur Guaraní als Sprache stärken, sondern auch eine einheitliche Rechtschreibung festlegen sowie Grammatik- und Wörterbücher herausgeben.

Mündliche Weitergabe

Bis jetzt gebe es noch keine verankerte Rechtschreibung, sagte Lino Trinidad Sambria, Sprachwissenschaftler und Akademiemitglied. Denn Guaraní wird von einer Generation an die nächste vor allem mündlich weitergegeben.

Diskussionen gibt es immer wieder, ob und welche Begriffe der modernen Alltagssprache aus dem Spanischen übernommen werden. Guaraní kennt viele Pflanzen-, Tier- und Ortsnamen, aber kaum technische oder politische Begriffe. Auch gibt es nur die Zahlen eins bis fünf. Bei Zahlen bis zehn behilft man sich mit dem Begriff für „Hand“. Bei höheren Zahlen wird es komplizierter.

Guaraní-Wörterbuch

Die Sprachakademie hat vor rund einem Jahr einen ersten Aufschlag gemacht und ein einsprachiges Wörterbuch mit 2.000 Begriffen auf Guaraní herausgegeben. Außer in Paraguay wird noch in den Grenzregionen von Brasilien, Argentinien und Brasilien je nach Schätzung von insgesamt fünf bis elf Millionen Menschen Guaraní gesprochen.

Trinidad Sambria ist überzeugt, dass Guaraní bei jungen Menschen umso populärer wird, je mehr es in den Massenmedien wie TV, Radio, Zeitungen und sozialen Netzwerken verwendet wird. Inzwischen gibt es bereits zahlreiche Internet-Seiten auf Guaraní und auch Wikipedia-Versionen. Es gibt Blogger-Plattformen wie Global Voices, auf denen Texte auch in Indigenensprachen veröffentlicht werden.

Rock und Rap auf Guaraní

Die großen Tageszeitungen veröffentlichen Beiträge auf Guaraní, und im Fernsehen werden Sendungen in der zweiten Landessprache oder mit Guaraní-Untertiteln ausgestrahlt, auch wenn das Spanische weiterhin dominiert. „Es gibt Kinder, die keinen Zugang zum Internet haben, aber sie haben Zugang zum Fernsehen“, sagt der TV-Verantwortliche Raúl Vega. Ziel sei es, dass sie in den entlegensten Orten Paraguays ihre Muttersprache in Verbindung mit den wichtigsten Orten der Welt hören können.

In der Rock- und der Rapmusik sind Texte auf Guaraní zwar noch ein Experiment, werden aber immer populärer. Es gibt zahlreiche Rap-Songs auf Jopara, der Mischung aus Spanisch und Guaraní. Der Rapper Joel Gutiérrez Ocampo ist er Erste, der komplett auf Guaraní singt. Seiner Überzeugung nach eignet sich die Sprache besonders gut, um sozialkritische Themen authentisch rüberzubringen.

Diskriminierte Sprache

Guaraní gehört zu der Familie der Tupi-Sprachen. Das Guaraní in Paraguay geht auf die Jesuiten zurück, die auf dem Gebiet des heutigen Paraguay im 16. und 17. Jahrhundert sogenannte Jesuitenreduktionen errichteten. In diesen Reservaten waren der Einfluss des Spanischen auf die Bevölkerung und auch die Einwanderung begrenzt. So blieb Guaraní als vorherrschende Sprache erhalten.

Nach der Unabhängigkeit von Spanien 1811 verlor Guaraní jedoch seine Sonderstellung und wurde diskriminiert. Paraguay gehört nach Brasilien und Bolivien zu den größten Siedlungsgebieten der Ureinwohner des Volkes der Guaraní, rund 60.000 von ihnen leben hauptsächlich im Osten des Landes Sie gehören heute zu der ärmsten und am stärksten marginalisierten Bevölkerung in Paraguay. (epd/mig)

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