Haus der Wannsee-Konferenz, Museum, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Juden

80. Jahrestag

Steinmeier erinnert an Wannsee-Konferenz

Die Besprechung am Wannsee vor 80 Jahren war nur eine Etappe auf dem Weg zur systematischen Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Aber sie steht exemplarisch für das Zusammenspiel von Behörden, Partei und Terrorapparat. Bundespräsident Steinmeier betont die Verantwortung von Mitarbeitern in staatlichen Institutionen.

Mittwoch, 19.01.2022, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 18.01.2022, 16:36 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum 80. Jahrestag der sogenannten Wannsee-Konferenz die individuelle Verantwortung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern staatlicher Institutionen betont. „In unserem demokratischen Staat trägt jeder Einzelne Verantwortung, auch Beamte und Beamtinnen in einer hierarchisch organisierten Verwaltung“, erklärte Steinmeier am Dienstag in Berlin anlässlich der Filmpremiere „Die Wannseekonferenz“ laut vorab verbreitetem Redemanuskript. Der Film unter der Regie von Matti Geschonneck zeigt die Arbeitsbesprechung hoher Polizei- und Verwaltungsbeamter des NS-Staates, die später als Wannsee-Konferenz bezeichnet wurde.

Steinmeier rief dazu auf, die Verantwortung nicht zu scheuen: „Auch nicht die, Nein zu sagen, wo es Recht und Mitmenschlichkeit gebieten.“

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Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 steht für die arbeitsteilige Zusammenarbeit von Behörden, Beamten und Parteiorganisationen am Massenmord an den europäischen Juden. Einziger Tagesordnungspunkt der etwa anderthalb Stunden dauernden Sitzung waren organisatorische Fragen zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal der Juden in Europa bereits besiegelt: Mehrere Hunderttausend waren schon seit Sommer 1941 bei Massenerschießungen in Ostpolen und in der besetzten Sowjetunion gestorben.

„Banalität des Bösen“

Steinmeier hatte vor der Filmpremiere die Berliner Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ besucht. Neben einem Gang durch die Dauerausstellung gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender stand ein Gespräch mit jungen Beamten mehrerer Bundesministerien zur Frage der historischen Verantwortung auf dem Programm. Die Gedenkstätte befindet sich seit 1992 in der Villa, die der SS als Gästehaus diente und in der die Wannsee-Konferenz stattfand.

Steinmeier nannte den Film beeindruckend gut und zugleich schwer zu ertragen und verstörend: „Was wir sehen und erleben, ist eine reibungslos funktionierende Verwaltungsmaschinerie, Ressortabstimmungen, Vorlagen und Abläufe, die sich – abgesehen vom Inhalt der Besprechung – in nichts von denen unterscheiden, die es auch heute noch in Ministerien und Behörden gibt.“ Dabei halte sich der Film in vielen Passagen wortgetreu an das erst 1947 entdeckte Protokoll der Wannsee-Konferenz: „Was Geschonneck gelingt, ist eine Inszenierung der Banalität des Bösen.“

Historische Momentaufnahme

Die Wannsee-Konferenz sei eine historische Momentaufnahme, sie zeige den administrativen Hintergrund des Holocaust, sagte Steinmeier weiter. Die Teilnehmer der Konferenz – „ein repräsentativer Querschnitt der Verwaltungselite“ – hätten gewusst, dass der Gegenstand ihrer Beratungen die bis ins Detail geplante Ermordung von elf Millionen Menschen war.

Das 15-seitige „Ergebnisprotokoll“ belege dabei den in wohlgesetzte Worte gekleideten Rückfall eines Staates in die Barbarei, betonte der Bundespräsident. Die Sprache habe es den vielen Namenlosen ermöglicht, „an der Deportation und Ermordung von Millionen Juden mitzutun, und entlastete zugleich ihr Gewissen“. „Sie machte aber auch Millionen Deutsche zu schweigenden Mitwissern“, sagte Steinmeier. (epd/mig)

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