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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Völkischer Wahnsinn – eine dialektische Reise

An den Grenzen Europas hungern und frieren Menschen. Und wir lassen sie nicht rein. Begründung: hybride Kriegsführung und Erpressung. Frage: Wer kann noch tiefer sinken?

Von Dienstag, 16.11.2021, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 15.11.2021, 15:14 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Seit Tagen müssen wir wieder dabei zusehen, wie schutzlose Menschen an den Grenzen eines Kontinents, der sich Humanität auf die eigenen Fahnen geschrieben hat, hungern und frieren, und, soweit bisher noch nicht geschehen, in naher Zukunft sicher auch verhungern und erfrieren.

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Und der sogenannten Bürgerlichen Mitte, die sich in diesem Lande auch weiterhin nicht entblödet, auf den am Kreuz gestorbenen Christen zu berufen, fällt nichts ein, als nach Mauern zu rufen und „Wolf“ zu schreien. Den Nihilisten der christoiden Götzenämmerung sind dazu mittlerweile zwei Wortungetüme eingefallen, die die Entmenschlichung der Flüchtenden selbst gegenüber der bisher instrumentalisierten Kodifizierung als Naturgewalt (wie in Flüchtlingsstrom, -welle oder -flut) noch einmal auf neue Höhen treibt – sind es mittlerweile doch nicht einmal mehr Menschen, die sich als Naturgewalt über unser armes Abendland ergießen und zu Tausenden über eine halbe Milliarde Menschen einfach hinwegschwappen und keine Spur von diesen mehr zurücklassen, sind sie mittlerweile nur noch Mittel einer „hybriden Kriegsführung“. Sie sind Werkzeuge der „Erpressung“, Gegenstände: Jedwede Menschlichkeit ist in dieser Wortwahl ausgelöscht, Menschen verrecken zu lassen wird darin zur glorreichen Handlung derer verklärt, die sich einem Druck nicht beugen wollen: die Heimatfront steht, Asyl als legaler Weg in ein Land anzureisen, festgehalten im Völkerrecht, längst in Frage gestellt.

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Nun ist die humanistische Bildung ja längst einer marktgerechten Ausbildung gewichen, also verzeihbar geworden, kein Latein, kein Altgriechisch mehr zu sprechen – frei nach dem Motto Forrest Gumps („Dumm ist der, der Dummes tut“) will ich diesen Menschen daher an dieser Stelle etwas Nachhilfe geben. Dazu zunächst etwas Einfaches:

1. „Als Krieg wird ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt bezeichnet.“ (Wikipedia)

2. „Hybride geht auf lateinisch hybrida (auch: hibrida oder ibrida) „Mischling“ zurück.“ (Wikipedia)

Haben das alle verstanden? Gut, weiter im Text – und der Text stammt weiterhin von Wikipedia, schließlich will ich hier niemanden intellektuell überfordern.

3. „Der Hybridkrieg oder die hybride Kriegführung beschreibt eine flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den völkerrechtlich angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen.“

Halten wir dazu fest: Hybride ist eine Kriegführung, wenn sie sowohl konventionelle als auch unkonventionelle Mittel der Kriegführung vermischt.

Soweit mir bekannt ist, sind noch keine deutschen Panzer in Richtung Ostfront aufgebrochen, keine Kriegsschiffe auf der Ostsee in Scharmützel involviert und keine Flugzeuge aufmunitioniert worden. Mal abgesehen davon, dass berechtigte Zweifel daran bestehen dürfen, dass es auch nur eine einzige Bundeswehreinheit rechtzeitig zu den Friedensverhandlungen über Oder und Neiße schaffen würde, ist doch davon auszugehen, dass direkte Kriegshandlungen an der belarussischen Grenze es bis in die Tagesschau geschafft hätten. Wie ein Krieg zwischen einer halben Milliarde der reichsten Menschen der Welt und nicht einmal 10 Millionen am Hungertuch nagender Weißrussen ausgehen würde, lasse ich mal dahingestellt, aber: Weißrussland ist nicht Afghanistan, soviel ist sicher.

Die Mär von der hybriden Kriegsführung ist damit jedenfalls nachhaltig ausgeräumt. Bleibt die Behauptung von der Erpressung – und auch da gibt es berechtigte Zweifel.

So wie man einen Robin Hood nicht damit erpressen könnte, ihm das Leben zu nehmen, wenn er nicht alles erbeutete Gold an die Armen verschenkte oder eine überarbeitete Krankenschwester mit vorgehaltener Waffe dazu, sich bei der Versorgung ungeimpfter Lackaffen kaputtzuarbeiten – weil das, tragisch oder nicht, ohnehin immer so einkalkuliert war – kann man Europa nur dann mit vor den Grenzen verreckenden Kleinkindern erpressen, wenn all die hehren Ideale eben nur auf dem Papier stehen und nie teil der Kalkulation waren.

Dabei wäre es einfach, die Grenzen zu öffnen. Keinem einzigen Europäer müsste es dadurch schlechter gehen, dass ein paar verarmte, schutzlose Menschen auf die Insel der glückseligen halben Milliarde gelassen wird; eine Handvoll völkischer Antidemokraten ausgenommen, die sich von Wien bis Budapest, von Warschau bis Prag darin gefallen, einen Tanz um die europäischen Ideale aufzuführen, interpretiert als Limbo: Wer kann noch tiefer sinken?

Wie können wir uns da erpresst fühlen? Öffnen wir die Grenzen, und lassen wir von mir aus die Menschen allesamt dorthin, wo sie vorausgewählten Mitschnitten zufolge eh hinwollen: nach Deutschland. Nicht nur, dass sowieso niemand mehr nachkommt, wenn die Behauptung der extra für diese Menschen gecharterten Flugtaxis tatsächlich stimmen sollte: Dass niemand sonst in Europa noch bereit ist, für europäische Werte einzustehen, sollte kein Argument sein, dass auch wir das nicht mehr tun.

Und dann bleibt noch diese letzte Sache: Wollen wir einigen Tausend Menschen eine neue Heimat in Deutschland geben und so Lukaschenko die Drohkulisse nehmen, die er gegen uns und damit mittelbar auch gegen die belarussische Opposition aufbaut, die uns doch zumindest vor ein paar Monaten noch eine Herzensangelegenheit war – oder ziehen wir es wirklich vor, Menschen krepieren zu lassen, weil das eben der Preis dafür ist, weiter durch Belarus und seinen Diktator erpressbar zu sein?

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