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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Es geht hier um’s Prinzip! – ein Beitrag zur Leitkulturdebatte

Der Deutsche hat viele Prinzipien. Je nachdem hält er sich daran oder nicht - je nach Betroffenheit, je nachdem, ob er Subjekt oder Objekt ist.

Von Dienstag, 08.09.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.09.2020, 12:43 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Im Prinzip führen wir schon seit über zwei Jahrzehnten eine Leitkulturdebatte, die uns – ausgerechnet – ein Syrer aufgedruckt hat. Dabei ist, im Prinzip, die Antwort auf die Frage nach dem, was deutsch sei, gar nicht mal schwer zu beantworten – dumm nur, dass das, was den einen in seinem kulturellen Wesen ausmacht, überregional stets eher nicht so verfängt: Es gibt im historisch hochgradig kleinteilig geprägten Deutschland keine übergeordnete Kulturgeschichte – stattdessen nur den faszinierenden Begriff vom „Flickenteppich“. Zur Versinnbildlichung braucht es nicht einmal Beispiele: ihr alle kennt eure und meine völlig bescheuerten Rituale und Traditionen, und die meisten Wissen auch darum, wie bescheuert diese sind – den Rest nennen wir „Bayern“. Aber Bayern ist ja auch nur in etwa so deutsch wie Rumänien.

Und doch gibt es etwas, dass tatsächlich urdeutsch ist, dass die deutsche Mentalität ausmacht: Zum einen machen uns andere Länder dies nicht streitig (ist also Alleinstellungsmerkmal), zum anderen besitzt es aus sich heraus eine große Strahlkraft, insofern sich viele Zugezogene ganz selbstverständlich darin integrieren (Eine Leitkultur, die nicht leitet, sondern ständig von ihrer eigenen Auslöschung bedroht zu sein scheint, ist ein Widerspruch in sich). Wir haben also einfach nur den deutschen Wald vor lauter Deutschen nicht gesehen.

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„Sei nicht so deutsch!“, oder, noch schöner (und so kürzlich erst von einer Kartoffel gehört): „Deutsch mich nicht an!“ mögen sich als geflügelte Wörter noch nicht allzu weit verbreitet haben – die meisten von uns haben aber auch ohne Kontext bereits eine Ahnung, wohin die Reise geht: „Deutsch“ ist, was Freud seinerzeit einen analen Zwangscharakter geschrieben hat. Der anale Charakter ist (so fasst es der Einfachheit halber Wikipedia zusammen) „penibel, ordnungsliebend, zwanghaft, sparsam, starrsinnig“ – kurz: ein verkrampfter Prinzipienreiter. Was wäre also deutscher als der Satz „Es geht hier um’s Prinzip!“?

„Es geht hier um’s Prinzip! Dann muss auch schon einmal Art.1 GG zurückstehen, denn wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt und wenn 100 Milliarden Menschen in Deutschland Asyl suchen…“

Der Deutsche, allen voran natürlich der Grüne, hat viele Prinzipien. Der Deutsche wartet beispielsweise um 4 Uhr nachts bei Rot an der Dorfampel. Nicht, weil noch andere Autos auf der Straße wären, sondern weil es um’s Prinzip geht. Als Subjekt verfolgt der Deutsche als solcher zwar üblicherweise eher einen Ansatz, den er von liberalen Gläubigen kennt: „Im Prinzip muss ich [fasten/beten/pilgern/beichten], aber wer hat schon die Zeit dafür?“; als Objekt aber kehrt er anderseits gern den inneren Adolf nach außen. Dann müssen Corona-Maßnahmen schonmal zurückstehen, wenn es doch darum geht, dass die Demokratie, die der Leugner abschaffen will, jedem das Recht auf freie Virusentfaltung zugestehe, denn: Es geht hier um’s Prinzip! Dann muss auch schon einmal Art.1 GG zurückstehen, denn wir sind ja nicht das Sozialamt der Welt und wenn 100 Milliarden Menschen in Deutschland Asyl suchen, dann wird’s hier halt scho a weng knapp, und: Da geht es schließlich um’s Prinzip! Und auch das noch: Die deutsche Sprache kennt gar kein Apostroph in der Mitte eines Wortes. Aber: Es geht hier um’s Prinzip!!!!elf!1! Die Gesellschaft für deutsche Sprache ist ja eh nur so eine Lobby der ultra-analen Sprachtraditionalisten.

Intermission: Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi! (W. A. Mozart, KV 382c)

Zu ihrer nationalen Höchstform, und auch das passt, findet diese Leitkultur natürlich in der AfD, die einfach mal aus Prinzip keine 5 Kriegsopfer ins Land lassen will, weil dann sofort 5 Milliarden Arme vor der Tür stünden und überhaupt würde diese eine gerettete Familie den Untergang des Abendlands und dessen Islamisierung bedeuten. Und das geht ja mal gar nicht. „Ist das Hirn zu kurz gekommen, wird sehr gern Prinzip genommen.“ (frei nach Wiglaf Droste)

„Für den Deutschen kann prinzipiell auch Afghanistan ein sicheres Land sein – solange der Deutsche kein Deutscher ist, sondern ein abgeschobener Afghane. „

Im Prinzip ist es so auch möglich, zwar für den Frieden, und trotzdem einer der größten Waffenexporteure der Welt zu sein. Prinzipiell kann man als pazifistische Partei sogar als allererste im postfaschistischen Deutschland Soldaten zum Sterben und Töten ins Ausland schicken. Für den Deutschen kann prinzipiell auch Afghanistan ein sicheres Land sein – solange der Deutsche kein Deutscher ist, sondern ein abgeschobener Afghane. Auch Tunesien oder Marokko sind so im Prinzip ganz sicher, selbst wenn Abgeschobene da auch schonmal gefoltert werden. Sicher, im Prinzip foltert Deutschland so jedesmal selbst mit, aber für den Deutschen ist das im Prinzip kein Problem.

Zweite Intermission: Ich möchte mich aus gegebenem Anlass an dieser Stelle, und stellvertretend für viel zu viele Leidensgenossen, bei Herrn Kurnaz entschuldigen und mich davon distanzieren, dass es mein Außenminister für angemessen hielt, ihn in einem amerikanischen Foltergefängnis verrotten zu lassen. – Immerhin verlangen wir Kartoffeln ja auch von jedem, der selbst oder dessen Ahnen in einem mehrheitlich muslimischen Land geboren wurde, sich persönlich von dem zu distanzieren, was im Namen des Islams an Verbrechen gerechtfertigt wird. Hier gehts mir jetzt mal um’s Prinzip.

Unsicher sind andererseits natürlich prinzipiell Mallorca und Fuerteventura. Denn da will der Deutsche selbst hin, und wir kennen ja auch die Spätfolgen von COVID-19 bisher noch gar nicht. Die Spätfolgen von Krieg sind hingegen bestens bekannt; das schafft im Prinzip auch schonmal Sicherheit.

Epilog:
Was weißt du schon von mir, wenn du nicht mit mir stirbst?
Denn dafür sind wir hier, die Last gerecht zu teilen
Und Hände zu ergreifen, wann immer sie uns suchen –
Was weißt du schon von mir, du hast mich nie gekannt…

(Poesie: Friedrichs Geschichte)

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