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Rassismus © MiGAZIN

Nicht böse gemeint

Antirassismus-Trainings sollen Menschen mit eigenen Denkmustern konfrontieren

#BlackLivesMatter: Spätestens seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd diskutiert die Welt wieder über Rassismus. Workshops sollen der weißen Mehrheitsgesellschaft dabei helfen, eigene Vorurteile zu erkennen.

Von Dienstag, 08.09.2020, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.09.2020, 14:23 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Es ist mal so mal so. Mal hat Louisa die Nerven, sich einer Diskussion zu stellen, mal ist sie es leid und schweigt. Auch wenn ihr das schwer fällt. Louisa ist 24 Jahre alt, wohnt in Frankfurt und ist schwarz. Rassismus erlebe sie häufig, sagt sie. Schon in der Schule hat die Sozialarbeiterin die Frage „Wo kommst du her?“ aufgeregt. Damals wusste sie aber gar nicht, warum eigentlich. Außerdem hatte ihr Umfeld ihr immer wieder eingeredet: „Das ist doch nicht so schlimm. Du bist übersensibel“, erinnert sich die junge Frau.

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Louisa ist ländlich aufgewachsen. Ihre Mutter ist weiß, ihr Vater kommt aus Nigeria. Der Rest der Familie in Deutschland ist ebenfalls weiß. Da steht sie bei Familienfeiern oftmals alleine da als schwarze Frau. Stress gibt es eigentlich immer, wie Louisa sagt. „Mit einigen aus der Familie habe ich innerlich abgeschlossen.“ Ständig müsse sie sich entscheiden zwischen Schweigen oder das Wort ergreifen. Dann eskaliert es aber, wie Louisa sagt.

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Webinar über Rassismus

Heute nimmt sie an einem Webinar über antischwarzen Rassismus teil und hofft auf neue Eindrücke. Eingeladen dazu hat die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Es ist eines von vielen Webinaren zu den Themen Rassismus und Antisemitismus – ein Schwerpunkt der Bildungsstätte. Wegen Corona finden die Angebote digital statt. Per Videokonferenz-Dienst „Zoom“ sind sich an diesem Nachmittag Teilnehmende aus ganz Deutschland zugeschaltet. Viele von ihnen arbeiten in der Bildungsarbeit.

Das Webinar soll dafür sensibilisieren, Formen von Rassismus zu erkennen und die Perspektiven von Betroffenen ernst zu nehmen, heißt es in der Beschreibung. Auch der Austausch zwischen den Teilnehmern steht im Fokus. Zu Beginn zeigt Deborah Krieg, Bildungsreferentin und Leiterin des Workshops, einen kurzen Film der deutschen Antirassismus- und Diversity-Trainerin Tupoka Ogette.

„Frau des Exoten“

Das Video zeigt eine Rassismus-Erfahrung der Autorin. Vor einigen Jahren war die Tochter eines tansanischen Vaters auf einem Event als Referentin eingeladen. Der Veranstalter sah die junge schwarze Frau und hielt sie für eine Küchenhilfe. Wie muss das für die Frau gewesen sein? In Kleingruppen tauschen die Teilnehmenden ihre Gefühle aus. Schnell ist klar: So richtig überrascht ist niemand. Und: Jeder kennt ähnliche Situationen. Wenn etwa im Familienkreis gesagt wird: Die Schwarzen können gut tanzen. Damit reduziere man Einzelne auf eine Gruppe, erklärt Krieg. Es gebe aber nicht „die“ Schwarzen, macht die Expertin deutlich.

Besonders vertraut ist das alles Sabine aus Köln. Die 58-Jährige arbeitet bei der Stadtverwaltung im Integrationszentrum und ist seit 19 Jahren mit einem togostämmigen Mann verheiratet. Zwölf Jahre lang lebten sie in Westafrika, inzwischen wieder in Deutschland. Rassismus erleben sie regelmäßig, wie Sabine sagt. „Das fängt schon bei Behörden an. Wenn ich mitgehe, wird nur mit mir gesprochen.“ Auch im Freundeskreis wird die Hautfarbe ihres Mannes schnell zum Thema. „Da kommen dann ganz schnell sehr persönliche Fragen. So was wie: Bei euch ist Familie ja total wichtig, ne!? Oder: Hast du auch so viele Geschwister und hast du dann als Ältester auch das Sagen?“ Das sei gar nicht böse gemeint, ist sich Sabine sicher. Belastend sei es trotzdem. Sowohl für ihren Mann als auch für sie. Immer sei sie die „Frau des Exoten“.

Nicht böse gemeint

Nicht böse gemeint. Genau das sei das Problem, erklärt Matthias Blöser vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Schnell fühlten sich Menschen, die sich – wenn auch unbewusst – rassistisch äußern, angegriffen. „Bilder in den Köpfen haben wir alle“, erklärt der Politikwissenschaftler, der selbst Seminare zu Rassismus und Rechtsextremismus anbietet. Das heiße nicht, dass alle Rassisten sind. Es gehe aber darum, sich diesen Bildern bewusst zu sein. Die bekommen schon Kinder mit, etwa wenn in Pippi Langstrumpf vom „Negerkönig“ die Rede ist. „Wir müssen weg von der Abwehrhaltung“, betont Blöser. Die Menschen müssten schon früh in der Schule für das Thema sensibilisiert werden und den Rassismus „verlernen“. Antirassismus-Workshops könnten da nur einer von vielen Schritten sein.

Mehr Bildung. Das wünscht sich auch Louisa von ihren Gesprächspartnern. Die Menschen sollten sich informieren und eine Meinung bilden. Das würden sie schließlich bei anderen Themen auch tun, meint die junge Frau. Sie hofft außerdem, dass die Debatte nicht so „moralisiert“ wird. Und, dass die Menschen Verantwortung übernehmen. Vorurteile habe jeder, doch das Bewusstsein dafür, das fehle ihr oftmals. (epd/mig)

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  1. Murat Demirel sagt:

    „Spätestens seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd diskutiert die Welt wieder über Rassismus.“….Warum war dafür dieses Ereignis in den sehr weit entfernten USA erforderlich. In Deutschland gab es schreckliche und sehr fürchterliche Ereignisse, wie in Mölln und Solingen, wo türkische Frauen und Kinder per rassistisch motivierter Brandanschläge bestialisch ermordet wurden und die NSU-Serienmorde, wo 10 Menschen, davon 8 Türken regelrecht hingerichtet wurden ebenfalls aus rassistisch motiviertem Hass. Dann die vielen Einzeltaten, wo in den letzten Jahren über 190 Menschen in Deutschland aus rassistisch motiviertem Hass getötet wurden. Was bleibt aus Sicht der in Deutschland lebenden Türken nach Mölln, Solingen oder den NSU Serienmorden als Eindruck zurück: Heuchlerei, Verlogenheit, Vertuschung und Schönrederei sowie die Tatsache, dass nun aus all diesen Ereignissen weder Konsequenzen noch Lernprozesse ermittelt wurden und nun es sogar NSU 2.0 gibt und 91 Nazis im Bundestag sitzen.