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Das Landgericht Magdeburg © Yellowcard - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Halle-Prozess

Polizei fuhr nur unregelmäßig an Synagoge vorbei

Zehnter Verhandlungstag im Halle-Prozess: Zwei junge Frauen, die den Anschlag in der Synagoge miterlebten, berichteten von dem traumatischen Erlebnis, das sie an ihre Familiengeschichten und den Holocaust erinnerte.

Mittwoch, 09.09.2020, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 08.09.2020, 21:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Im Prozess gegen den Synagogen-Attentäter von Halle haben am Dienstag vor dem Oberlandesgericht Naumburg weitere Überlebende ausgesagt. Zwei junge Jüdinnen zogen Verbindungen zur Zeit des Nationalsozialismus und berichteten von einem schwierigen Verhältnis zu Deutschland, in dem Antisemitismus und die Auswirkungen der Schoa noch immer präsent seien. Auch der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, wurde befragt. Er sagte, bis zum Anschlag am 9. Oktober 2019 habe allein die Polizei die Sicherheitslage eingeschätzt und nur unregelmäßig vor Ort kontrolliert.

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„Kontakt zur Polizei gab es immer, ein bis zwei Mal im Jahr zu einem speziellen Ansprechpartner“, sagte Privorozki in Magdeburg, wo die Verhandlung stattfindet. Das Sicherheitskonzept sei von der Polizei erstellt worden: „Wir wurden dann nur benachrichtigt.“ Die Gemeinde habe daher ein eigenes Sicherheitskonzept erstellt. Nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 habe die Gemeinde um weitere Unterstützung bei der Polizei gebeten, erklärte Privorozki. Weitere Präsenz sei aber vonseiten der Polizei für nicht notwendig erachtet worden.

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Die Polizei sei bis zum Attentat für Kontrollen unregelmäßig an der Synagoge vorbeigefahren. Ein Polizeiwagen habe auch am Feiertag Jom Kippur, an dem der Anschlag stattfand, nicht vor der Synagoge gestanden. Die Türen zum Synagogen-Gelände seien an jenem Tag geschlossen gewesen, wie immer während der Gottesdienste, sagte der 57-Jährige.

Vergleich mit KZ-Anwohnern

Bei dem Anschlag hatte der Angeklagte Stephan B. am 9. Oktober 2019 vergeblich versucht, in die Synagoge einzudringen. Anschließend erschoss er zwei Menschen und verletzte weitere. Die Bundesanwaltschaft hat ihn wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Mordes in mehreren Fällen sowie weiteren Straftaten angeklagt.

Privorozki sagte, als Nebenkläger wolle er verstehen, wie ein Mensch von einem Antisemiten zum Mörder geworden sei und welche Rolle die Eltern spielten. Er könne nicht verstehen, dass Mutter und Vater nicht gewusst haben wollen, dass der Sohn „diese Operation“ vorbereitete. Dies erinnere ihn daran, dass auch Anwohner von Konzentrationslagern damals von nichts gewusst haben wollen, „obwohl der Rauch aus den Krematorien sichtbar war“, sagte Privorozki.

„Extrem traumatisch“

Eine 30-jährige Rabbinerin, die sich während des Anschlags in der Synagoge befand, berichtete vom Trauma ihrer Familie, die den Holocaust überlebt habe. Den Tag des Anschlags selbst beschrieb sie als „extrem traumatisch“. Besonders schwer sei es für sie gewesen, dabei von ihrer 15 Monate alten Tochter, auf die eine Babysitterin während des Gottesdienstes aufpassen sollte, getrennt zu sein. Sie habe sich an die Geschichte ihrer Großmutter, die Auschwitz überlebt habe, erinnert gefühlt, sagte die gebürtige New Yorkerin, die seit Anfang 2019 mit ihrem Mann in Berlin lebt. Die Fürsorge im Krankenhaus in Halle, in das die Gläubigen nach dem Anschlag gebracht wurden, hob sie als vorbildlich hervor.

Eine 29-jährige Zeugin kritisierte die Untersuchungen des Bundeskriminalamtes zu den Online-Aktivitäten des Angeklagten als unzureichend. Dieser habe ja sogar selbst angegeben, ein „kleines Rädchen im Großen“ zu sein. Die notwendige Absicherung von Synagogen führe nicht dazu, dass sie sich sicherer fühle, sagte sie: „Ich finde das alarmierend.“ (epd/mig)

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