Anja Seuthe, Muslime, Islam, Religion, Kopftuch
Anja Seuthe © privat, Zeichnung MiGAZIN

Muezzinruf in Köln

Es geht um Präsenz, Heimat und Repräsentation

In Köln soll der Muezzin Muslime zum Gebet rufen dürfen. Der Aufschrei ist groß, aber unbegründet. Denn der Islam ist zweifelsohne Kölner Geschichte. Wird er jetzt auch Kölner Gegenwart?

Von Donnerstag, 14.10.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 13.10.2021, 22:28 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Ab jetzt darf der Muezzin in Köln zum Freitagsgebet rufen. Das finde ich gut! Auch wenn es nicht ganz neu ist. Andere, zugegeben kleinere, Städte haben das in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder gehabt, gerade auch während der Corona-Pandemie. Zu denen, wo das auch vorher schon möglich war, gehören unter anderem Kiel, Dortmund, Düren und Siegen. Ich erinnere mich noch daran, dass in der Kleinstadt Meinerzhagen schon um die Jahrtausendwende der Adhan von der dortigen Moschee ertönte. Lokal war das immer ein Thema. So ein Aufschrei, wie jetzt in Köln, blieb überall aus.

Warum ausgerechnet Köln? Als eines der reichsten katholischen Bistümer der Welt ist das Erzbistum in Köln vier Milliarden Euro schwer. Da ist der Kölner Dom noch nicht eingerechnet, der als einer der weltweit größten gotischen Kirchenbauten zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und in Spitzenzeiten von mehr als 30.000 Touristen täglich besucht wird. Köln ist von jeher eine erzkatholische Stadt. Der Katholizismus macht sich auch im Alltag bemerkbar. Das Erzbistum unterhält über die Caritas unter anderem 664 Kindertagesstätten, 124 offene Ganztagsschulen, 43 Krankenhäuser, 366 katholische öffentliche Büchereien und mit Domradio einen eigenen Radiosender. Der Beginn der katholischen Fastenzeit wird mit dem Kölner Karneval gefeiert, und am Aschermittwoch sind Aschekreuze auf der Stirn kein ungewöhnlicher Anblick in der Stadt.

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„Der Islam ist zweifelsohne Kölner Geschichte. Gegenwart ist der Islam trotzdem noch nicht.“

Warum also Köln? Neben den knapp 33 Prozent der Bevölkerung der Stadt, die sich derzeit zum Katholizismus bekennen, lag beim letzten Zensus 2011 der Anteil der Muslime schon bei knapp 12 Prozent. In Köln befinden sich seit Jahrzehnten die Deutschland- und/oder Europazentralen unterschiedlicher islamischer Organisationen. Dabei handelt es sich nicht nur um die DITIB. Auch die IGMG, der Verband der Islamischen Kulturzentren, der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland und sogar der Liberal-Islamische Bund haben ihren Sitz in Köln. Schon 1965 öffnete mit der Barbarossa-Moschee die erste Moschee ihre Türen und wurde für 50 Jahre eine Gebets- und Versammlungsstätte für die Kölner Muslime. 2015 wurde das Gebäude abgerissen. Der Mihrab, die nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische samt Kanzel, wurde vom Kölnischen Stadtmuseum übernommen. Der Islam ist zweifelsohne Kölner Geschichte.

Gegenwart ist der Islam trotzdem noch nicht. Mit dem Abriss der Barbarossa-Moschee wurde die betreffende Gemeinde heimatlos. Es ist heute schwerer, eine Genehmigung für eine Moschee zu erhalten, als in den 60er Jahren. Das Kopftuch ist zum Stein des Anstoßes geworden, Berufsverbote werden gerichtlich bekräftigt. Muslimische Männer gelten im öffentlichen Diskurs als potenzielle Terroristen, muslimische Frauen als unterdrückte Opfer. Vor der Realität der hier lebenden Muslime werden die Augen verschlossen.

Nehmen Sie den im September 2021 neu gewählten Bundestag. Wissen Sie, wie viele Muslime Sie in Berlin vertreten und mit über Ihre Gesetze entscheiden? Nun, zumindest acht. Vielleicht sind es mehr, denn nicht jeder gibt seine Religion an. Und einem Muslim kann man es heute in der Politik sicher nicht verdenken, wenn er das Feld zur Religion leer lässt. Aber acht Personen haben in den offiziellen Biografien den Islam als ihre Religion angegeben. Was schätzen Sie, für welche Partei diese Muslime im Bundestag sitzen? Wahrscheinlich stimmt das, denn dieses acht Muslime verteilen sich auf ganze vier Parteien: CDU, SPD, Grüne und Linke. Was, denken Sie, ist da der Frauenanteil? Wahrscheinlich liegen Sie da falsch, denn es handelt sich um sieben Frauen und nur einen Mann.

„Aber die Muslime sind nicht weg, wenn sie unsichtbar (Kopftuch) und unhörbar (Muezzinruf) sind.“

Vielleicht fragen Sie sich, was das alles mit dem Muezzinruf in Köln zu tun hat? Sehr viel. Denn es geht hier um die Präsenz des Islam in der Öffentlichkeit, um Heimat und um Repräsentation. Muslime sind seit Jahrzehnten in Deutschland beheimatet, sie haben einen Platz in der Gesellschaft und bringen sich vielfältig ein. Trotzdem wird weiter versucht, sie in der Öffentlichkeit auszulöschen. Aber die Muslime sind nicht weg, wenn sie unsichtbar (Kopftuch) und unhörbar (Muezzinruf) sind. Die Muslime sind weiterhin hier. Viele sind hier geboren, deutsche Staatsbürger und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Sie sind in Köln zu Hause.

Tatsächlich sind es wohl auch nicht die Kölner, die sich jetzt beschweren. Denn wer in Köln hat denn schon Angst vor einer Islamisierung? Das Zusammenleben funktioniert seit Jahrzehnten, die Kirchen sind präsent wie eh und je, es gibt keine Leere, die der Islam füllen könnte oder müsste. Es gibt kein Bedrohungsszenario. Die Kölner Muslime sind einfach nur Nachbarn, Kollegen, Freunde. Und man gönnt Ihnen ihre Religion. Hier lebt das Grundgesetz, das ja eine freie Religionsausübung gewährleistet. Und die Öffentlichkeit gehört nun einmal allen, den Karnevalisten, den Weihnachtsmärkten und auch den Muslimen. Frau Reker, die Oberbürgermeisterin von Köln, spricht von gegenseitigem Respekt und der vielfältigen Kölner Identität. Sie hat recht!

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