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Anja Hilscher, Migazin, Autorin, Muslima, Islam, Religion
Anja Hilscher © privat, Zeichnung: MiG

Kritische Masse

Gegen die Diskurshoheit mächtiger weißer Männer

Die Tage der Diskurshoheit der mächtigen weißen Männer sind gezählt. Die "Kritische Masse", die neue MiGAZIN-Kolumne, wird, "inshaallah", ihr winziges Schärflein dazu beitragen.

Von Mittwoch, 26.08.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 27.08.2020, 14:39 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

Kritische Masse! Wie gefällt Ihnen dieser Kolumnentitel? Ich finde ihn, ehrlich gesagt, ganz geil. Was daran liegen könnte, dass ich ihn ausgesucht habe. „Kritische Masse“ – in der Kernphysik heißt so die Mindestmasse, ab welcher eine Kernspaltung in Gang gesetzt wird. Nun gibt es wenige Dinge, von denen ich weniger verstehe als von Kernphysik. Aber egal. Das Prinzip fasziniert mich.

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Im Islam gibt es eigentlich kein Naturphänomen, das nicht symbolträchtig wäre. Hinter allem und jedem steht eine Struktur, die sich auch woanders wiederfinden, ein Grundprinzip, das sich auch auf andere Bereiche übertragen lässt. Die ganze physikalische Welt ist eine Metapher. Und das ist der Grund, weshalb ich es für keine gute Idee halte, wild an ihr herumzugestalten: Arten ganz nach Belieben auszurotten, zu züchten oder genzumanipulieren. Knapp 800 Mal, hat mal einer nachgezählt, wird man im Koran zum Forschen, Meditieren, Nachdenken und Naturbeobachten aufgefordert.

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Auch das Prinzip der kritischen Masse finden Sie überall: Ob es um die Verbreitung von Sars-CoV19, den Klimawandel oder einen Meinungsumschwung geht. Ab einem bestimmten Punkt gibt’s kein Halten mehr. Die Nazis brauchten zur Machtgreifung weder Gewalt noch die absolute Mehrheit im Parlament. Ein knappes Drittel, sagen Sozialpsychologen, reicht aus, um einen Meinungsumschwung durchzusetzen. Besonders, wenn man mit charismatischen Führungspersönlichkeiten aufwarten kann – wie Adolf oder dessen aktuellem Wiedergänger (zwei zauberhaft virile Prachtbürschchen!).

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Oder wenn man, etwa mithilfe von Social Bots und Trollen, den Eindruck erwecken kann, man repräsentiere in Wirklichkeit die Mehrheit. Das klappt deshalb, weil – tut mir leid, Sie mit dieser brutalen Wahrheit konfrontieren zu müssen! – die Mehrheit der Menschen charakterlose Lemminge sind. Sie tun immer das, von dem sie denken, dass es gerade en vogue ist. Wirklich alles: Schalke feiern, Völker ausrotten, für oder gegen Rassismus sein, Aliens oder die Jungfrau Maria sehen oder Tuberkulose kriegen. Je nachdem.

Warum also „kritische Masse“? Wir denken dabei vielleicht an Hiroshima, aber das Prinzip an sich ist ja neutral. Eigentlich meine ich es eher positiv. Im Sinne von Engelskreis statt Teufelskreis. Ich glaube nicht, dass Alice Weidel je Kanzlerin wird. Und Klimawandel? Keine Ahnung. Ziemlich traurige Sache. Aber irgendwie wird’s schon weiter gehen. Wenn auch vielleicht nicht für uns, sondern für eine andere Spezies. Man muss beizeiten abtreten können, wie weiland die Dinosaurier. Sonst wird’s erfahrungsgemäß nämlich schnell peinlich. Wie bei Heino oder Kim Jong-il. Der ist zwar seit vielen Jahren tot, aber trotzdem noch nordkoreanischer Generalsekretär. Und zwar bis zum Tag des Jüngsten Gerichts – oder dessen nordkoreanischer Entsprechung.

Ich weiß, es ist hoffnungslos naiv, aber was will man auch erwarten von einer Islamkonvertitin? Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis die „kritische Masse“ erreicht sein und das eintreten wird, was man manchmal als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet. Sprich: Alles kippt. In der Wirtschaft, Politik, Pädagogik, in den Medien und in unserer Psyche. Wohin, weiß ich nicht genau. Spannend wird es jedenfalls. Abwarten und Tee trinken! Und genau das wird das Leitmotiv dieses neuen Zeitalters sein: „Abwarten und Tee trinken!“ Erstmal chillen und drüber schlafen.

Denn das gegenwärtige Zeitalter ist vor allem von einer Grundhaltung bestimmt: einem pathologischen Kontrollzwang. Wissen Sie zum Beispiel, weshalb Elon Musk den Mars besiedeln will? Weil der Mann nachts nicht schlafen kann! Er fürchtet nämlich, dass die Menschheit die Erde zugrunde richten wird. Ach nee… tatsächlich? Er hat also Angst vor Menschen wie sich selbst, die maßgeblich genau dazu beitragen, denn wenn die Grundhaltung und der Ansatz falsch sind, nützen auch Elektroautos nichts. Marsbesiedelung als Therapie? Ich weiß nicht. Ich vermute ja, dass er mit Meditieren, Beten und gezieltem Chillen eventuell mehr erreichen würde.

Beten und Medititieren wurde ja lange als Synonym für Nichtstun und Sich-aus-der-Welt-zurückziehen verstanden, also eher etwas für frustrierte Loser mit Sozialphobie. Mal wieder ein Beispiel dafür, dass christlich-abendländische Vorstellungen fälschlicherweise für allgemeingültig gehalten werden. Im Islam ist das nämlich nicht dasselbe. Das Ziel zumindest ist ein anderes, deshalb haben wir auch keine Klöster. Anzustreben ist, das Beten und Innere-Einkehr-Halten mit dem weltlichen Alltag zu verweben. Vergleichbar mit dem 10. der „Zehn Ochsenbilder“ im Zen-Buddhismus.

Die Spiritualität muss irgendwann alltagstauglich sein und sich im alltäglichen Leben bewähren. Frei bewegt sich der Mensch dann „… zwischen Fischbuden und Kneipen. Er erhebt sich nicht über andere und wird nicht als fremd betrachtet. Reinheit und Beschmutzung sind einerlei, aber mächtiges Lachen ist häufig zu hören“. So erklärt es jedenfalls der www.zen-guide.de.

Das mit dem Lachen ist sehr wichtig. Die moderne, digitalisierte Welt, in der wir mit Fake News und Widersprüchlichkeiten aller Art auf Schritt und Tritt konfrontiert sind, führt zu einem psychischen Ausnahmezustand, in der das Gehirn aufgrund der kognitiven Dissonanzen ununterbrochen ERROR! ERROR! ERROR! funkt. Da gibt es langfristig nur drei mögliche Arten der Bewältigung: 1. Krank werden 2. Amok laufen oder 3. Lachen. Und abwarten, dass neue Synapsen gebildet werden, die den Widerspruch nicht mehr als Widerspruch empfinden. Ich finde 3 am empfehlenswertesten.

Momentan merk ich aber, ehrlich gesagt, von der lustigen spirituellen Kettenreaktion noch nicht so fürchterlich viel. Im Moment ist es nicht gerade imageträchtig, sich als religiöser oder spiritueller Mensch zu outen – und dann womöglich noch darüber öffentlich abzulabern! Unterhaltungswert hat das freilich – aber auf die große Karriere sollten Sie danach eher nicht mehr hoffen. Besonders ungünstig ist es, wenn Sie der islamischen Weltanschauung anhängen.

Allerdings – es gibt Grund zur Hoffnung. Ich nehme tatsächlich einen kleinen Schimmer, ein leichtes radioaktives Leuchten am Horizont wahr! Es ist nämlich schon so ca. ein rundes Jahrzehnt her, dass ich mir beim Lesen der TAZ meine Augen reiben musste: Da schrieb tatsächlich nicht nur eine ominöse „Kübra“ eine Kolumne – sondern war sogar noch mitsamt ihrem Kopftuch dort abgebildet! Unglaublich!

Heute hat es Kübra Gümüşay (die Frau mit den drei Üs), mit ihrem Buch „Sprache und Sein“ tatsächlich bis in die obersten Ränge der SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft – ebenso wie ihre schwarze Freundin Alice Hasters! Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Tage der Diskurshoheit der mächtigen weißen Männer, die vermutlich samt und sonders eine ziemlich schlechte Kindheit hatten und ihren Kontrollzwang bewältigen, indem sie unseren Planeten in Schutt und Asche legen, gezählt sind. Die „Kritische Masse“ wird, inshaallah, ihr winziges Schärflein dazu beitragen. Ich weiß nicht, ob Sie meinen vielleicht etwas verworrenen Gedanken folgen können. Möglicherweise wird’s ja in den nächsten Kolumnen etwas klarer – garantieren kann ich Ihnen das aber nicht.

Wie auch immer: stay tuned! Und immer schön weiterdenken!

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