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Tunesien, Flagge, Fahne, Land, Tunis
Die tunesische Flagge © Tarek @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Raus aus Tunesien

„Wir werden es wieder und wieder versuchen“

Trotz drohender Inhaftierung oder Abschiebung versuchen jährlich Tausende Tunesier nach Italien zu gelangen. Die Corona-Pandemie hat die Krise in der Heimat deutlich verschärft.

Von Mittwoch, 26.08.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 25.08.2020, 17:53 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

In einem Schlauchboot liegt ein junger Mann auf eine Decke gebettet, über Schläuche wird er mit Sauerstoff versorgt. Zum zweiten Mal versucht die Familie, nach Italien zu kommen, zum zweiten Mal wird sie von der tunesischen Küstenwache abgefangen. „Wir werden es wieder und wieder versuchen“, sagt der Vater, der alles in Facebook-Videos dokumentiert. „Mal reicht es nicht fürs Essen, mal nicht für seine Medikamente. Ich kann nicht mehr“, schreit die Mutter verzweifelt. Sie habe es auf legalem Weg versucht, an alle Türen geklopft, sogar im Radio angerufen – vergeblich. Sie hofft auf medizinische Hilfe für den Sohn im Ausland.

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Das Video verbreitet sich schnell in den sozialen Netzwerken in Tunesien. Es ist eines von vielen in den vergangenen Wochen. Sie zeigen verzweifelte Menschen ebenso wie Teenager oder Mittzwanzigerinnen, die in Flip Flops und mit Sonnenhüten auf der italienischen Insel Lampedusa vom Boot steigen.

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Ihr aller Ziel ist es, in Europa zu bleiben, auch wenn Italien mit schnellen Abschiebungen droht. Die Zahl der Migranten, die aus Tunesien ohne Einreiseerlaubnis nach Italien gereist sind, ist diesen Sommer stark gestiegen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind von Januar bis Juli 6.600 Personen in Italien angekommen, nach Angaben der tunesischen Menschenrechtsorganisation FTDES mehr als 4.000 alleine im Juli. Fast 500 versuchte Überfahrten wurden demnach dieses Jahr von den tunesischen Behörden unterbunden, annähernd 7.000 Menschen festgenommen.

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Das Video zeigt eine tunesische Familie bei der Überfahrt über das Mittelmeer.

Wirtschaftliche Probleme

Tunesien leidet bereits seit Jahren unter wirtschaftlichen Problemen. Das Land hat sich von den ökonomischen Folgen des politischen Umbruchs 2011, zweier großer Anschläge 2015 und dem damit einhergehenden Einbruch der wirtschaftlich wichtigen Tourismusbranche nie richtig erholt. Viele Tunesier hatten nach den Neuwahlen im vergangenen Jahr Hoffnungen in die neue Regierung und in Präsident Kais Saied gesetzt. Doch die Corona-Krise machte diese zunichte.

Die Einnahmen im Tourismus sind 2020 um mehr als die Hälfte zurückgegangen, und viele Hotels haben diesen Sommer gar nicht erst aufgemacht. Gerade dort arbeiten jedoch viele Saisonkräfte, die sich so das Überleben für den Rest des Jahres sichern. Die tunesische Zentralbank geht für das zweite Quartal von einer Rezession von zehn bis zwölf Prozent aus. Die Zahl der Arbeitslosen ist im gleichen Zeitraum um 100.000 auf 18 Prozent gestiegen. Nach Unicef-Angaben stieg die Kinderarmut nach den strikten Corona-Maßnahmen von 19 auf 25 Prozent.

EU-Druck auf Tunesien

Allerdings kamen auch in früheren Jahren ähnlich viele oder noch mehr tunesische Migranten in Italien an. Die Zahlen von 2019 seien außergewöhnlich niedrig gewesen, sagte ein Sprecher des Tunesien-Büros von IOM. Über mehrere Jahre gesehen könne man also nicht von einem Anstieg sprechen. Auch habe sich die Migrationsroute über das Mittelmeer nicht von Libyen nach Tunesien verschoben. Die Mehrheit der aus Tunesien Flüchtenden seien Tunesier, nur einige hundert stammten aus Afrika südlich der Sahara.

Dennoch üben die europäischen Staaten zunehmend Druck auf Tunesien aus. Die italienische Innenministerin Luciana Lamorgese war innerhalb von drei Wochen zweimal in Tunesien, Anfang August gemeinsam mit Außenminister Luigi di Maio und Vertretern der Europäischen Union. Ziel des Besuchs war es, mit Präsident Saied zu verhandeln, wie mit den Migranten aus Tunesien umgegangen werden solle.

EU unterstützt tunesische Grenzüberwachung

Der EU-Kommissar für Nachbarschaftspolitik Oliver Varhelyi sprach von einem Neustart. Man wolle Beschäftigung in Tunesien stärken und irreguläre Migration bekämpfen. Er kündigte an, man werde dem Land zusätzliche zehn Millionen Euro für die Grenzsicherung zur Verfügung stellen. Mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, finanzieren in Tunesien unterschiedliche Grenzüberwachungsprogramme. Die tunesische Küstenwache kündigte vergangene Woche eine neue Sicherheitsstrategie an, um stärker gegen Schleusernetzwerke vorzugehen.

Die Menschenrechtsorganisation FTDES forderte, die wirtschaftliche Öffnung zwischen Europa und Tunesien müsse von einer neuen Politik begleitet werden, die es Tunesiern erleichtere, legal nach Europa zu gelangen. Die Organisation kritisierte, dass das Land sich dem europäischen Druck beuge statt auf Augenhöhe zu verhandeln. (epd/mig)

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