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Michael Groys © privat, bearb. MiG

Nach Thüringen

Menschen ernst nehmen

Jeder vierte Wähler in Thüringen hat bei der Landtagswahl die rechtsradikale AfD gewählt. Wie sollen wir damit und den AfD-Wähler umgehen? Ein Erklärungsversuch.

Von Dienstag, 29.10.2019, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30.10.2019, 22:34 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Wähler der AfD wollen mit ihren Ängsten und vor allem menschenverachtenden Aussagen gegenüber geflüchteten Menschen ernst genommen werden. Sie haben recht. Man muss es wirklich tun und sie ernst nehmen. Dabei gelangt man sehr schnell zur folgenden Erkenntnis: Wer Rechtsextremisten wählt, ist kein Protestwähler, sondern ein Wähler, der Rechtsextremisten wählt.

Wut ist grundsätzlich keine schlechte Angelegenheit. Man spricht dabei manchmal Dinge aus, die man sonst verschweigen würde. Mit der AfD kommen nun Dinge ans Licht, die offenkundig viele Menschen im Hinterkopf gehabt haben und schon immer sagen wollten. Es sind schreckliche Dinge, wenn man sie zu Ende denkt und danach handelt.

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Wenn man noch vor fünf Jahren gesagt hätte, worüber wir in diesem Land heute überhaupt erst diskutieren und was zur Debatte steht, wäre man vermutlich in die Nervenklinik eingeliefert worden. Heute muss man sich damit auseinandersetzen, und zwar überall, im Freundeskreis, in der Kneipe und auch in den Parlamenten.

Die AfD hat es geschafft, das Unanständige wieder populär zu machen: Sie hat rechtsextremes Gedankengut als Teil der regulären politischen Auseinandersetzung etablier. Es ist nicht mehr so ganz schmuddelig, über Ausländer schlecht zu sprechen und Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe Fähigkeiten abzusprechen.

Man muss sich heute auch erklären, wieso man Antifaschist ist. Ich meine gar nicht, dass man Teil von irgendwelchen Organisationen oder Vereinigungen ist, sondern lediglich aus Überzeugung, Nazis schlecht findet. Für die Wähler der AfD reicht Wut schon als Argument aus, um anschließend Menschenhass jeglicher Form zu reproduzieren.

Wer heute die AfD wählt, will genau das, was die Partei tagtäglich verkündet: Gut oder mindergut verpackten Rassismus und verklausulierte völkische Ideologie. Die Leute denken so und haben andere Menschen gefunden, die es ebenso so tun. Das muss man intellektuell begriffen und anerkannt haben, um damit entsprechen umzugehen.

Bei Worten allein wird dies aber nicht bleiben. Faschismus ist nämlich in erster Form auch Aktivismus. Dass heute im Tagestakt geflüchtete Menschen und Flüchtlingsunterkünfte angegriffen werden, ist nur die logische Folge des Faschismus. Im nächsten Schritt wird versucht, aus der Gewalt, Recht zu machen. Die Demokratie ist dabei das nützliche Mittel zur Macht. Die Nationalsozialisten, die geistigen Vorväter von Höcke, haben das mit Bravour hinbekommen.

Ist alles hoffnungslos und verloren? Kann diese Demokratie sich nicht wehren? Das ist auf jeden nicht der Fall. Man muss nur Recht und Ordnung konsequent gegenüber allen durchsetzen und auch denen, die Hitlergrüße in Chemnitz zeigen und meinen, dass sowieso nichts passiert. Auch für manch ein Hasskommentar bei Facebook sollte es Konsequenzen geben. Bei alledem ist der Rechtsstaat heute zu schwach. Das Ergebnis haben wird schon einst gesehen.

Ich plädiere dazu, Menschen, die AfD wählen, ernst zu nehmen und ihnen darzustellen, wohin ihr Denken und Wählen führen wird.

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