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Jubel nach dem 2:1 der Deutschen Fußball Nationalmannschaft gegen Schweden © MiG

WM in der Moschee

Unter muslimischen Jugendlichen beim Deutschlandspiel

Samstag. Deutschland spielt gegen Schweden. Rund 30 muslimische Jugendliche haben sich in einer deutschen Moschee getroffen, um das Spiel zu sehen. Ich wünschte mir, das gesamte Land hätte diese jungen Menschen beobachten können. Von Nima Mehrabi

Von Montag, 25.06.2018, 5:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 28.06.2018, 17:30 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Am vergangenen Samstag gab es in einer Moschee in Köln ein Programm für junge Menschen, dessen Highlight das gemeinsame Anschauen des Spieles Deutschland gegen Schweden gewesen ist. Zu diesem Anlass waren an der Zahl etwa 25-30 Jugendliche unter 21 Jahren gekommen, allesamt muslimisch und einen Migrationshintergrund aufweisend, mit Eltern aus verschiedensten Herkunftsländern.

Dort, wo normalerweise auf dem Boden gesessen wird, wie es in islamischen Gotteshäusern üblich ist, hatten sich die Jugendlichen mehrere Sitzreihen aus Klappstühlen aufgebaut und den Raum komplett abgedunkelt, sich durch diese Maßnahmen eine Art Kinoatmosphäre geschaffen. Muslimisches Public Viewing dort, wo normalerweise Gebete verrichtet werden, wo sich fromme Menschen vor Gott verbeugen, in Richtung Mekka gewandt sich niederwerfen.

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Ich setzte mich in die hinterste Reihe, wollte mich dem Blickfeld der Jugendlichen entziehen, ihnen mit meinem mindestens einem Jahrzehnt mehr auf dem Buckel ihre Laune nicht dämpfen. Im Gegenzug dafür hatte ich nun selbst einen guten Ausblickpunkt, konnte während des Spiels die angespannten Konturen ihrer Gesichter betrachten, das zittrige Beben ihrer Körper erkennen, immer dann, wenn sich im Spiel wieder eine Schlüsselszene auftat.

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Große Enttäuschung

Und ich wünschte mir, das gesamte Land hätte diese jungen Menschen beobachten können, wie ich sie beobachten konnte, ganz Deutschland hätte sie gesehen, wie ich sie gesehen habe. Welch große Enttäuschung sie doch nach der 32. Spielminute überkam, als das erste Tor geschossen wurde, Schweden das Runde in das Eckige Deutschlands befördert hatte. Weltuntergangsstimmung, schmerzverzerrte Gesichter. Als hätte der Ball nicht nur das Tor getroffen, sondern wäre er ihnen mit voller Wucht auf ihre Schädel gedonnert worden, solch eine Mimik hatten sie aufgesetzt. Einen Ausdruck, den sie bis zur Halbzeit beibehalten sollten.

Dann kam die zweite Hälfte, es waren gerade einmal drei Minuten vergangen, da sehe ich sie plötzlich hüpfen, sehe sie hochspringen. Freude, Jubel, Ausgleich! Es steht eins zu eins, Deutschland ist wieder im Rennen. Die Jugendlichen sind wieder munter, sind erneut zum Leben erwacht, die Zuversicht ist zurückgekehrt. Von nun an sprangen ihre Körper so eifrig wie der Ball selbst, wiegten sie sich im Rhythmus des Spiels, streckten sich nach links und rechts. Mal voll Sorge, zu kassieren, mal voll Hoffnung, zu versenken. So ging es weiter, bis zur 90. Minute, eine ganze Weile voller Möglichkeiten, ohne dass der Ball irgendeine Torlinie überquerte.

Jubeltaumel

Nun wurden weitere 5 Minuten angekündigt, Nachspielzeit, für all die Zeit, in der nicht gespielt werden konnte. Von da an dauerte es nicht mehr lange, ich weiß nicht mehr wie viel Minuten vergangen waren, da versank der gesamte Raum nun in Jubeltaumel, sprang einer höher als der andere, rief der eine seine Freude lauter als der nächste heraus. Es war Stimmung wie im Stadion, nur befanden wir uns in einer Moschee, vor uns die Kanzel und die Gebetsnische, waren umgeben von arabischen Kalligraphien.

Einige zig Sekunden später, und die gesamte Szenerie wiederholte sich noch einmal, bebte die Moschee von Neuem, überall fröhliche Gesichter; Abpfiff – das Spiel war aus. Die deutsche Nationalmannschaft hatte gewonnen, unsere Jugendlichen fühlten sich höchstpersönlich wie Sieger, schwellten ihre Brüste wie stolze Hähne. Als die Lichter schließlich angingen, strahlten sie so sehr, dass eigentlich keine Lampe vonnöten gewesen seien. Die ganze Freude wurde nur noch dadurch abgerundet, dass jemand nun zum Mikrophon eilte und alle Anwesenden dazu aufrief, den Segensgruß auf den Propheten Muhammad und seine Familie zu sprechen – ein Aufruf, dem alle Anwesenden lautstark nachkamen.

Deutsche Moschee

Und all das, was ich geschrieben habe, all das, was ich beschrieben habe, ist geschehen in Deutschland, in einer deutschen Moschee, gefüllt mit muslimischen Jugendlichen, die eine aufrechte Liebe zu ihrer Heimat empfinden. Dies alles, trotz all der strukturellen Benachteiligungen auf Wohnungsmarkt und Jobsuche; dies, trotz all den Generalverdächtigungen, mit denen sie ständig konfrontiert werden; dies, trotz der ständigen negativen Berichterstattung über ihre Religion in den Medien dieses Landes.

Und wie schön wäre es doch, wenn man nun allmählich endlich beginnen könnte, all diese Jugendlichen als Kinder dieses Landes zu betrachten; und wie traurig wäre es hingegen, wenn man diese jungen Menschen auf eine Weise vergrault, dass sie keine Liebe mehr zu Deutschland empfinden.

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