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Gestrichen © MiG

Rommel und Ich

Von meiner Sozialisation mit rassistischen Helden

Ich war ein schwäbisches Kind. Wenn sie sich jetzt wundern, nehmen sie sich einen Moment Zeit, um das zu sortieren, und lesen Sie dann weiter. Es geht nämlich nicht um meine Hautfarbe. Nicht direkt:

Von Montag, 29.05.2017, 4:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 30.05.2017, 17:36 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

In der Nähe der schwäbischen Stadt Ulm liegt ein kleiner Ort namens Herrlingen. Wenn meine Familie Besuch bekam, packte mein Vater manchmal Gäste und Familie in sein Auto und fuhr mit uns dort hin. Wir bekamen häufiger Besuch und so kann ich die Geschichte, die mein Vater in Herrlingen erzählte, heute auswendig.

Es ist die Geschichte des Todes von Generalfeldmarschall Rommel, dem „Wüstenfuchs“. Dem, der von Hitler abgesandt wurde, um in Nordafrika die italienische Kolonialmacht in LibyenLibyen im Kampf gegen die britischen Kräfte in Ägypten zu unterstützen. Dem, der – inzwischen in Hitlers Ungnade gefallen – eines Tages von zwei Generälen abgeholt und zum Selbstmord genötigt wurde. „In einer Viertelstunde bin ich tot.“, soll er zum Abschied zu seiner Frau gesagt haben – stramm, ungebrochen. Dieser Feldmarschall war einer meiner ersten Helden. Er war ein Nazi!

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Meine gesamte Jugend hindurch hatte ich das Gefühl, es existiere eine mir fremde Unstimmigkeit im Verhältnis zu manchen meiner Helden. Als dürfe ich sie nicht uneingeschränkt lieben. Für Michael Night galt das natürlich nicht. Auch an der Genialität MacGyvers besteht für mich bis heute kein Zweifel. Erst im langsamen und beschwerlichen Zuge meiner andauernden intellektuellen Emanzipation sah ich, dass ich mich von vielen von ihnen verabschieden muss.

Meine Sozialisation ist die eines deutschen Kindes. Der Rassismus im Denken und Handeln um mich macht auch die Überprüfung meiner Helden notwendig und seit ich das verstanden habe, bin ich dazu verdammt, mich von vielen von ihnen zu verabschieden. Dabei will ich doch nur einmal wieder richtig Fan sein!

Kürzlich traf es Hannah Arendt. Hannah Arendt! Ich fühle mich ihr wirklich verbunden, auch wenn ich Manches von dem was sie schrieb nie verstand. Leider verstand ich sie recht gut, als ich dieses Zitat von ihr las: „Der biblische Mythos von der Entstehung des Menschengeschlechts wurde auf eine sehr ernste Probe gestellt, als Europäer in Afrika und Australien zum erstenmale mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten.“

Was bleibt mir, als sie von meiner Liste zu streichen?

Bei anderen fiel es mir leichter. Der verstorbene Popstar der Polit-Geriatrie Helmut Schmidt sagte schon in den Siebzigerjahren Dinge wie: „Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen.“

Ich wollte stets nur mit seinem Selbstbewusstsein rauchen. Schwamm drüber.

Der Literaturkritiker Dennis Scheck warnte öffentlich vor den „Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“ im Zusammenhang mit dem N-Wort in Kinderbüchern. Darüber kann man diskutieren. Dumm nur, dass er sich als Kommentar zur Debatte das Gesicht schwarz anmalte. Es war unausweichlich: Ich musste ihn von meiner Liste streichen.

Martin Luther bringt mich in Teufels Küche. Als Protestant ist er einer der wichtigsten Stifter der Kirche, zu der ich gehöre und gleichzeitig ein Antisemit erster Güte. Fan werde ich wohl nie ganz werden können.

Und was soll ich mit den Philosophen, von deren blanken Rassismus mir in keiner Schulstunde, in keinem gelesenen Buch berichtet wurde. Sie hätten mich allesamt zum Tier, zum Untermenschen erklärt. Georg Wilhelm Friedrich Hegel war der Meinung: „Der Neger stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar. […] Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.“

Gestrichen!

Voltaire hielt die Juden für den: „Abschaum der Menschheit“ und Immanuel Kant bewies seine ganze anthropologische Kompetenz mit diesem Menschen-Ranking: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“

Beide sowas von gestrichen.

Aber was bleibt mir nach all den Streichungen. Ich weigere mich die Lücken auf meiner Heldenliste durch Teilnehmer des Promi-Dinner zu ersetzen. Ich kann auch nicht so tun, als hätte Hannah Arendt kein wahres, kluges Wort geschrieben. Ich könnte meinen Horizont erweitern. Ich könnte lesen, was Ken Saro-Wiwa geschrieben hat. Eintauchen in die Geschichten von Rotimi Babatunde. Ich könnte Navid Kermani auf YouTube ansehen und auf recherche-international.de stöbern. Ich könnte versuchen zu akzeptieren, dass meine Sozialisation mehr Auseinandersetzung fordert mit dem, was mir als Bildung angeboten wurde. Und ich könnte trotz der Verletzungen versuchen, mit der Differenziertheit auf die Dinge zu blicken, die ich bei anderen vermisse. Manchmal klappt es. Manchmal nicht.

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