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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

Gelichter

Arierschokolade

Wieder steht ein großes Fußballturnier an und schwupps kommt der fest eingeplante Shitstorm von Rechtsaußen. Diesmal umhüllt von brauner Schokolade. Für Ferrero ist das eine Win-Win-Win-Situation, für die Politik auch. Mal sehen, was während der EM den Bundestag passiert. Von Sven Bensmann

Von Dienstag, 31.05.2016, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 31.05.2016, 21:24 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Es ist inzwischen eine schöne Tradition geworden: Wann immer jemand von nicht-arischer Natur auf dem heiligen Rasen eines deutschen Fußballfeldes steht, gibt es übermäßig deutsche Fans, die „Ihren“ Verein lieber im unteren Mittelfeld der Kreisklasse B als im europäischen Wettbewerb sähen, wenn dafür doch nur all die verschwinden würden, die ihrer Meinung nach nicht dazu gehören – das kann der neue ghanaische Wunderstürmer, der Gelsenkirchener Torwart in Dortmund, oder sogar der Hamburger oder Münchener vom andersfarbigen Verein sein – auch wenn man natürlich jetzt auch darüber streiten könnte, ob Borussia Dortmund oder Bayern München tatsächlich Fans im Rest von Deutschland hätten, wenn beide kaum über Kreisliga-Niveau herumtrampeln würden, so ohne Torgaranten wie Lewandowski, Robben oder Aubameyang.

Immer wieder trifft das auch, in der Mehrzahl überaus dubiose, Konzerne wie Ferrero, die Kindern gern weismachen wollen, dass Spitzensportler sich rund um die Uhr ihre Süßspeisen in den Wanst stopfen und dass diese Kinder nur genug Schokolade fressen müssen, um Fußballprofi zu werden.

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Denn die Spitzensportler, die für den DFB auflaufen und damit nicht zuletzt auch Deutschland international vertreten, sind inzwischen der inkarnierte Alptraum eines jeden AfD-Wählers: Lauter „Ausländer“, die bloß hier geboren sind und weniger guten deutschen Fußballern die Arbeitsplätze in der DFB-Auswahl wegnehmen, Typen, die hier „nix verlor’n“ haben. Und diese hat nun Ferrero, passend zu den anstehenden Festspielen der schweizer Geldwäschergilde von 1954, die diesen Sommer anstehen, auf seine Schokolade geklebt – statt des Hitlerjungen, der sonst auf diesen prangt.

Und schwupps kommt der, mutmaßlich fest eingeplante, Shitstorm von Rechtsaußen, sowie die erwartbare Solidarisierung von links der Rechtsaußen. Eine Gruppe, die sich als Pegida-Ableger in Baden-Württemberg bezeichnet, hatte den Anfang gemacht und gegen die Kinderbilder der Nationalspieler gehetzt. Selbst aus dem Dunstkreis der Grünen war daraufhin verlautbart worden, man greife nun schon aus Trotz selbst mal zum „Kinderriegel“. Ferrero hat logischerweise längst draufgesattelt mit einer Pressemitteilung und einem erwartbar darin enthaltenen Statement gegen Rassismus, das vermutlich schon im Zuge der Werbekampagne selbst konzipiert worden war.

Für Ferrero ist das also eine Win-Win-Win-Situation. Auf der einen Seite macht sich das Marketing mit der DFB-Lizenz bezahlt. Fans der „Mannschaft“ werden sicherlich gern zum Merchandise greifen, selbst wenn der ein oder andere Pegidist am Ende mit nur neun Spielern auflaufen wird. Sind immerhin neun verkaufte Packungen. Zum Zweiten ist die Aufmerksamkeit für die Werbekampagne mit dem „Eklat“ nun deutlich größer, der erwartbare Verkaufserlös steigt damit an. Und dann ist da noch der Effekt auf diejenigen, die Ferrero sonst schneiden. Wer sonst über Ferreros Marketing klagt, darüber, dass sie ihre Süßigkeiten speziell für Kinder bewerben und damit zur grassierenden Fettleibigkeit beitragen und dass sie dann ihre Süßigkeiten auch noch über Sportler bewerben, greift nun, schon um sich der eigenen Liberalität zu versichern, ebenfalls zur italienischen Schokolade. So bleiben auch die Boatengs und Gündoğans nicht im Regal liegen.

Dabei is es eigentlich ganz einfach:

  1. Ja, es ist ganz schön, dass migrantische Spieler für den DFB auflaufen. Dadurch ist aber weder Fußball plötzlich interessant, noch kann es den DFB von all seinen Sünden reinwaschen.
  2. Nein, es ist nicht berichtenswert, dass Nazis sich über Fußballergesichter auf Schokolade aufregen. Nazis finden in Stadien seit Jahrzehnten Anknüpfpunkte zu „Normalbürgern“, praktisch unbehindert von den Hausherren: den Vereinen. Das ist ein Skandal: Rassistische Ausfälle in Fußballstadien sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Rassisten treffen in der Fankurve offensichtlich den Geschmack einer breiten [sic!] Masse. Dass das außerhalb der Stadien nicht immer der Fall ist, hat dieser Vorfall gezeigt. Mehr nicht.
  3. Nein, das alles hat rein gar nichts mit Schokolade zu tun, egal wie braun diese ist.
  4. Und nein, man muss seine Kinder jetzt auch nicht mit dieser Schokolade vollstopfen, damit man kein Rassist ist. Dazu reicht es vollkommen aus, kein Rassist zu sein.

Jetzt zur Kinderschokolade zu greifen, macht einen nur zu einem: Zum Opfer einer nicht besonders originellen Marketingkampagne.

Und damit verabschiede ich mich dann auch ins Sommerloch, und zwar von all denen, die während einer „EM“ das Lesen auf die Termine der Spielpaarungen beschränken. Alle anderen werden hier in zwei Wochen dann vielleicht lesen, dass die Bundesregierung mal kurzerhand in dieser Zeit des Vergessens Milliarden für Kriegswaffen zur Flüchtlingsbekämpfung locker gemacht, den Schießbefehl erteilt oder auch die Schlachtung und den Verkauf genveränderten Laufmaises aus Käfighaltung erlaubt hat. Vielleicht sind beim Achtelfinale auch bereits CETA und TTIP ratifiziert. Lassen wir uns überraschen, diese Form von Betrug am Wähler hat ja bereits Tradition.

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