Kino: The Grandmaster

Was trainiert der Bruce?

Ich wische jetzt sämtliche Einwände gegen Wong Kar-wais "The Grandmaster" beiseite, so gut hat er mir gefallen – die Evolution des Gong-fu ist in den letzten dreißig Jahren rasant vonstatten gegangen. Das sieht man im Kino.

Von Freitag, 05.07.2013, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:48 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Ip Man tauchte aus den Vermutungen und Legenden weltweiter Eastern-Begeisterung als Lehrer von Bruce Lee auf. Das war in den 1970er Jahren, damals trafen sich Gastarbeiter sonntags auf dem Bahnhof, dem Ort ihrer Ankunft in Deutschland. In den Bahnhofskinos lief Erotik und Gong-fu/Kung Fu/Wushu. Dazu brauchte man nicht viel Deutsch zu können, die Bilder sprachen.

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Kampfkunstfilme kamen aus Hongkong und folgten unentwegt dem Schema von bösen, blöden und dicken Besatzungsjapanern versus edler Chinese, klassisch mit Zopf. Das war Holzhacker-Karate gegen Peking Oper und Löwentanz, letztlich war das alle gegen Bruce Lee – und Bruce Lee gewann immer. Deshalb stellte sich die Frage: Was trainiert der Bruce? Die Antwort lautete: (Ursprünglich) Wing Tsun/Wing Chun.

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Nun bringt Wong Kar-wai die alte Geschichte im Stil von „Es war einmal in Amerika“ auf die Leinwand. Die S. Leone-Referenz wird auch zitiert: in einem blumig-blutigen Abriss der Biografie des Großmeisters Ip Man. Tony Leung spielt den Spezialisten. Er zeigt einen zurückhaltenden, stets abwägenden, niemals aus sich herausgehenden Mann. In der ersten Szene nimmt er im nächtlichen Wolkenbruch eine Übermacht auseinander, mit himmlisch statuarischen Bewegungen – ein Sternentanz von Kraft, um eine Mitte, in der keinesfalls ein betäubter Wille steht.

Wing Tsun/Wing Chun folgt vier Prinzipien: 1. Ist der Weg frei, stoß vor. 2. Ist der Weg nicht frei, bleib kleben. 3. Ist die gegnerische Kraft größer, gib nach. 4. Zieht der Gegner sich zurück, folge. Ip Man verkörpert diesen effektiven Minimalismus. Der Zuschauer erkennt, wie sehr Gong-fu der Zustand dieses Mannes ist.

Ich wische jetzt sämtliche Einwände gegen den „Grandmaster“ beiseite, so gut hat er mir gefallen – die Evolution des Gong-fu ist in den letzten dreißig Jahren rasant vonstatten gegangen. Das sieht man im Kino. Kampfkunst-Folklore, Kunstgewerbe und reaktionäre Propaganda finden nicht statt.

Ip Man, geboren 1893 in der Provinz Guangdong, repräsentiert einen südlichen und weichen (innerlichen) Stil. „Weich“ soll an dieser Stelle nichts heißen, jedenfalls hat Ip die Muße vom vollendeten siebten Lebensjahr an, sich ununterbrochen in sein Gong-fu zu vertiefen, nichts anderes interessiert ihn, bis er vierzig ist. In der Zwischenzeit gründet er eine wunderschöne Familie und besiegt den nördlichen Großmeister in einem Bordell namens „Goldener Schwan“ im Kuchenkampf, eine Variation der Papiertigerei. Unter Umständen ist es schwieriger, Papier klein zu kriegen als etwas Kompaktes zu demolieren.

Der unterlegene Großmeister hat eine traumhafte Tochter, die Ip Man dann auch herausfordert. Er klärt die Konditionen: „Gong-fu ist Präzision. Wenn was kaputt geht, hab ich verloren.“

Ich kann in solchen omnipotenten Konter-Sätzen (sie kontern die Erwartungen) baden. Zhang Zi-Yi spielt die Siegelbewahrerin eines Stils, der dann mit ihr zumindest in seiner Ehrenhaftigkeit ausstirbt. Sie selbst stirbt in Schönheit und als Opium-Elfe.

Ab vierzig geht’s bergab, singt Hildegard Knef. Davon kann auch Ip Man ein Lied singen – zurzeit der japanischen Invasion. Sein Stolz verbietet ihm dies und das, im Grunde ist schon atmen im besetzten China Kollaboration. Ip Man verliert alles, geht nach Hongkong und zieht da desillusioniert eine Wing Chun-Schule auf, die vermutlich aus rechtlichen Gründen nicht Wing Tsun-Schule heißt. Es gibt auch einen Schurken im Film, selbstverständlich paktiert der mit dem Feind – Verräter auch an der Familie, also auf der ganzen Linie. Ich sage das, um die Überschaubarkeit der konfuzianischen Handlung und ihre vereinfachte Psychologie nicht zu verschweigen.

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