Religionssoziologe kritisiert

Volkszählung bringt keine präzisen Ergebnisse zur Religion

Die aktuelle Volkszählung wird nach Aussage des Religionssoziologen Nils Friedrichs keine präzisen Ergebnisse zur religiösen Landschaft in Deutschland bringen. Weil der Fragebogen nicht deutlich zwischen Religion und Weltanschauung trenne, würden die Ergebnisse verzerrt.

Mittwoch, 29.06.2011, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 01.07.2011, 1:37 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die Verfasser des Zensus übersehen nach Ansicht Friedrichs, „dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft eine andere Qualität besitzt als ein religiöses Bekenntnis. Wer einer Glaubensgemeinschaft angehört, muss sich nicht zwangsläufig auch zu ihr bekennen.“

Erstmals in der Geschichte der Volkszählungen fragt der Zensus nicht nur nach der formalen religiösen Zugehörigkeit, sondern auch nach dem Bekenntnis zu einer Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung. Bei Frage 7 des Bogens können die Befragten ihre offizielle Mitgliedschaft angeben; zur Auswahl stehen zum Beispiel die römisch-katholische oder evangelische Kirche, evangelische Freikirchen, orthodoxe Kirchen oder jüdische Gemeinden. Wer hier nichts Zutreffendes findet, kann sich in Frage 8 freiwillig zu einer Religion oder Weltanschauung bekennen.

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Durch diese Bekenntnisfrage erhofft das Bundesamt für Statistik, verlässliche Daten zu denjenigen zu erhalten, die keiner öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft angehören. Es ist nach Einschätzung Friedrichs jedoch ein Fehler, dass die offiziellen Mitglieder einer Religionsgemeinschaft nicht ebenfalls nach ihrem Bekenntnis gefragt würden. „Wenn religiöse Bekenntnisse und religiöse Zugehörigkeit nicht konsequent unterschieden und jeweils vollständig erfasst werden, können die Ergebnisse der Erhebung nicht aussagekräftig für Religion in Deutschland sein.“ So hat laut Friedrichs jemand, der formal einer Glaubensgemeinschaft angehört, nicht die Möglichkeit, sich zu etwas anderem zu bekennen.

Nils Friedrichs ist Mitglied der Graduiertenschule und promoviert zum Thema „Persönlichkeit, Religiosität und Toleranz: Eine empirische Studie zur Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen und Religiosität bei der Wahrnehmung fremder Religionsgemeinschaften in Deutschland“. Bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. Detlef Pollack.

Religion und Weltanschauung werden nach Auffassung des Wissenschaftlers im Fragebogen des Bundesamts für Statistik ebenfalls zu sehr gleichgesetzt: „Selbst wenn jede Religion eine Weltanschauung darstellt oder beinhaltet, muss nicht jede Weltanschauung automatisch auf Religion verweisen.“ So könnten auch Sozialismus, Humanismus oder ein überzeugter Atheismus als Weltanschauungen verstanden und vertreten werden, schreibt der Soziologe.

Die Fragestellung des Zensus zur Religion ruft nach Einschätzung des Experten ein weiteres Problem hervor: Muslime, Buddhisten und Hinduisten könnten in der ersten Frage zum Thema Religion nur ankreuzen, keiner öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft anzugehören, weil es diese für ihre Religion nicht gebe. Deshalb werden sie nach den Worten des Wissenschaftlers in der nächsten Frage nach ihrem persönlichen Bekenntnis zu einer Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung gefragt. Das aber lasse sich als weitere Frage nach der offiziellen Zugehörigkeit zu einer Religion deuten und schnell missverstehen. Damit wird die Bekenntnisfrage beim Christen- und Judentum etwas anderes messen als beim Islam, Hinduismus und Buddhismus. (frö/vvm/eb)

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  1. M.Kurth sagt:

    Die Antwort vom Zensus zeugt von Pastoralhörigkeit oder/und Unfähigkeit unserer gewählten Volksvertreter

    Zitat „Die Fragen nach der Religionszugehörigkeit und nach dem Glaubensbekenntnis resp. der Weltanschauung sind in das Zensusgesetz 2011 nach der Behandlung des Gesetzentwurfes im Innenausschuss des Deutschen Bundestages aufgenommen worden. Die Formulierung im Gesetz in § 7 Abs. 4 Nr. 18 und 19 Zensusgesetz 2011 stammen direkt aus diesen Beratungen, hierfür gab es weder Formulierungsvorschläge von den Statistischen Ämtern, noch wurden sie im Rahmen eines sog. Pretestes getestet.

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