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Spracherziehung 5/5

„Fremd“spracherwerb im Kleinkindalter

Die richtige Spracherziehung - Soll man Kindern zuerst die Muttersprache oder die Landessprache beibringen oder doch gleich mehrsprachig erziehen? Ein fünfteiliges MiGAZIN-Special mit Ergebnissen der Bilingualismusforschung und Tipps für die Praxis.

Von Freitag, 11.03.2011, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 14.03.2011, 2:22 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Mir ist ein linguistisches Experiment bekannt, das die Beteiligten aus Spaß an der Freud betrieben, ohne es zunächst zu bemerken. Nach einem Ferienaufenthalt in Frankreich wurden mit dem damals dreijährigen Kind die französischen Wendungen weiter verwendet, die das Kind in den Ferien erworben hatte. Vorsicht! Das sollte man nur tun, wenn man eine Fremdsprache sehr gut beherrscht und wenn es einen Kontext gibt, in dem das Erlernen gerade dieser Sprache sinnvoll ist. Da die Kontakte der Mutter zum Nachbarland aus der Kindheit herrührten und sie beruflich und auch im Freundeskreis in Deutschland viel mit Franzosen zu tun hat, war dies für die Familie sinnvoll. Gelungen ist das Experiment darum, weil es Spaß gemacht hat und weil ihr die wichtigsten Regeln zum Spracherwerb bekannt waren.

Nach einer gewissen Aufwärmphase, in der sie jeden Tag im Alltag gebräuchliche Wörter durch Wiederholen in Französisch-Deutsch-Französisch anbot – erst einzelne Wörter, dann übliche Wortkombinationen, dann gängige Sätze -, ging sie dazu über, das Französische an bestimmte Situationen zu „binden“. Da in der Familie diese Sprache nicht mit einer Person verbunden war – es wurde ja hauptsächlich Deutsch gesprochen, was damit als Muttersprache im Fokus des Sprechenlernens blieb – hat die Mutter bestimmte Situationen definiert, in denen sie ausschließlich Französisch mit ihrem Kind sprach: auf dem Fahrrad, beim Zubettbringen, sowie bei einigen Spielen und Bilderbüchern. So konnte das Kind die Sprachen immer unterscheiden.

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Der Erfolg ergab sich aber aus der Situation, dass es eine französische Kindergruppe in dem Ort gab, wo die Familie lebte. Diese wurde regelmäßig besucht, woraus sich weitere Verbindungen ergaben, die es ermöglichten, sich in sprachauthentischen Umgebungen zu bewegen. In der Gruppe wurden pro Nachmittag andere Themen spielerisch erarbeitet – also etwa „die Feuerwehr“, wobei ein Singspiel, das Betrachten eines Bilderbuchs, sowie das Basteln eines Helms das Angebot bildeten. Im Urlaub war der Effekt dann schnell der, dass nach ein paar Tagen der Umstellung das inzwischen ältere Kind mit neuen Freunden von dannen zog und sich zunehmend fließend unterhalten lernte – und so ist es heute noch, obwohl inzwischen ausschließlich die Schule den Französischunterricht übernommen hat.

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Bei dem jüngeren Geschwisterkind war die Spracherziehung nicht mehr so leicht, weil ein systematischer Aufbau der Fremdsprache wie beim älteren Kind nicht mehr möglich war – und für dieses die Sprachwechsel ein reines Durcheinander sein mussten. Er hat sich lange geweigert, überhaupt Französisch zu sprechen, konnte sich aber in Frankreich dennoch frei bewegen und auf andere zugehen, weil es alles zu verstehen schien bzw. ihm die Sprachumgebung vertraut war. Und mit ein bis zwei Wörtern Antwort kam es lange zurecht. Inzwischen hat es auch Französisch als erste Fremdsprache in der weiterführenden Schule gewählt – wir werden sehen, wie das weiter geht. Spannend! Die erklärte Absicht der Mutter war es lediglich, den Kindern einen leichten Zugang zu einer Kultur zu ermöglichen, die ihr viel bedeutet. Was die Kinder schließlich daraus machen, ist deren Sache. Ganz nebenbei hat sie sich das Leben auch erleichtert, weil die Kinder auf sie in Frankreich nicht angewiesen sind.

Gute Aussichten
Nicht ganz, denn die Bildungspolitik hinkt den wissenschaftlichen Erkenntnissen nach wie vor hinterher. Es ist erschreckend, dass die Ausbildung von Ärzten, Lehrern, Pflegepersonal, Psychologen und sogar Sprachtherapeuten eine Schulung in Sachen Mehrsprachigkeit nicht systematisch vorsieht. Hier herrscht dringender Nachholbedarf. Bis die trägen Bildungssysteme hier aufholen, werden unsere Kinder vermutlich längst erwachsen sein. Darum ist sofortiges Handeln erforderlich. Das können Sie auf der privaten Ebene tun – und wenn Sie nicht zuviel von offiziellen Stellen erwarten und wissen, wo es lang geht, dann kann dabei nicht so viel schief gehen. Prüfen Sie für sich, was sich richtig anfühlt. Probieren Sie aus und beobachten Sie IHR Kind. Geben Sie Ihre Einsichten an die weiter, die sich dafür interessieren. Suchen Sie gemeinsamen nach besseren Wegen. Es ist alles offen und vieles möglich. Und es ist niemals zu spät, mit dem Lernen zu beginnen. Und das gilt für uns Erwachsene gleichermaßen.

Ausgewählte Bücher zum Thema:

  • Leist-Villis, Anja (2004): Zweisprachigkeit im Kontext sozialer Netzwerke. Unterstützende Rahmenbedingungen zweisprachiger Erziehung am Beispiel griechisch-deutsch. (Mehrsprachigkeit Band 15) Münster: Waxmann.
  • Montanari, Elke (2002): Mit zwei Sprachen groß werden. Mehrsprachige Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule. München: Kösel.
  • Röhner, Charlotte (Hg.) (2005): Erziehungsziel Mehrsprachigkeit. Diagnose von Fehlentwicklung und Förderung von Deutsch als Zweitsprache. Weinheim u.a.: Juventa.
  • Toprak, Ahmet (2000): Sozialisation und Sprachprobleme. Eine qualitative Untersuchung über das Sprachverhalten türkischer Migranten der zweiten Generation. Frankfurt/Main: IKO.

Hinweis: Dies ist der fünfte und letzte Teil des MiGAZIN-Specials „Mehrsprachig aufwachsen ist der Normalfall“. Hier geht es zum ersten Teil.

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