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Alex W.'s Verteidiger

Man hat die Chance vertan, nach den Ursachen zu fragen

Veikko Bartel, Strafverteidiger von Alex W. im Dresdener Mordfall, spricht im Interview mit MiGAZIN über den Umgang der deutschen Presselandschaft mit dem Fall. Er sagt, "dass man in diesem Verfahren die Chance vertan hat", nach den Ursachen zu fragen.

Von Donnerstag, 10.12.2009, 8:11 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.09.2010, 3:11 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |   Drucken

Veikko Bartel, Strafverteidiger von Alex W. im Dresdener Mordfall, spricht im Interview mit MiGAZIN über den Umgang der deutschen Presselandschaft mit dem Fall. Er sagt, „dass man in diesem Verfahren die Chance vertan hat“, nach den Ursachen zu fragen.

Chance verpasst - Zeitung von Gestern © flickr.com/photos/cijmyjune (bearb. MiGAZIN)

Chance verpasst - Zeitung von Gestern © flickr.com/photos/cijmyjune (bearb. MiGAZIN)

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MiGAZIN: Herr Bartel, wie sind Sie dazu gekommen, Axel W. zu verteidigen?

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Veikko Bartel: Wie man als Strafverteidiger eben zu Mandaten kommt. Man erhält für gewöhnlich ein Schreiben oder einen Anruf aus der JVA, in dem der Betreffende um ein Gespräch oder gleich um die Übernahme der Verteidigung bittet . So auch in diesem Fall.

MiGAZIN: Wie haben Sie darauf reagiert?

Bartel: Als Anwalt beantragt man einen sog. Sprechschein für ein unüberwachtes Gespräch beim zuständigen Gericht und besucht den Betreffenden. Ich bin also in die JVA Dresden gefahren und habe mit ihm geredet. Allerdings erlaube ich mir die Bitte, keine weiteren Fragen zu stellen, die in das Mandatsverhältnis hineinreichen. Das unterliegt der anwaltlichen Schweigepflicht.

MiGAZIN: OK. Dann vielleicht etwas zu Ihrer Person. Wieso sind Sie Strafverteidiger geworden?

Bartel: Ich bin Strafverteidiger geworden, weil ich ein geradezu sentimentales Verhältnis zur Gerechtigkeit habe. Ich verstehe meine Arbeit als Verteidiger immer als eine solche, an gerechten Urteilen mitzuwirken, mich dafür einzusetzen, dass tatsächlich Recht gesprochen wird. Das heißt nicht, etwas zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, das wider das Gesetz passiert ist, sondern es hat etwas damit zu tun, zu verstehen und dann eine gerechte Strafe zu finden. Die Schuld eines alkoholkranken Diebes, der Schnaps klaut um seine Sucht zu befriedigen, wiegt eben bei weitem nicht so schwer wie die Tat eines Diebes, der aus Spaß an der Freude stiehlt.

Als Strafverteidiger braucht man einen tiefen Glauben an das Gute im Menschen. Es gibt so viele gute Menschen, die verdammt schlimme Dinge tun. Und man muss ergründen, wieso sie das taten, was man ihnen zur Last legt. Mutter Theresa, Mahatma Gandhi waren unglaublichen Menschen, aber die Beschäftigung mit ihnen sagt uns nichts über die Dämonen, die in uns allen sind.

Deshalb ist es für meine Arbeit auch nicht wichtig, welche Nationalität mein Mandant hat oder welche Religion oder Gesinnung. Ich habe vietnamesische Mandanten, Polen, Türken, Schwarzafrikaner; die gesamte Bandbreite, welche dieses Land zu bieten hat. Vor kurzem habe ich beispielsweise einen NPD-Mitglied verteidigt. Nicht, weil ich mit ihm politisch auf gleicher Stufe stehe, ganz im Gegenteil. Aber jeder Bürger dieses Landes hat das Recht auf die bestmögliche Verteidigung.

Und jeder, der in die Mühlen der Justiz gerät, benötigt Beistand, weil immer die Gefahr besteht, zum Spielball von Gerichten, Staatsanwaltschaften und Polizei zu werden. Bei ausländischen Mitbürgern ist diese Gefahr noch um vieles höher, weil sie zumeist ihre Rechte gar nicht kennen.

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