Start Up statt Flucht

In Äthiopien bauen junge Männer sich ihre eigene Zukunft

Äthiopien © Global Panorama @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

30 Millionen junge Männer und Frauen sind in Äthiopien arbeitslos. Ihre Proteste haben die Regierung zu einem Reformkurs gezwungen. Im Westen des Landes sollen Start Ups den bisher Hoffnungslosen Arbeit und eine Zukunft geben. Von Marc Engelhardt

Damea Werras Zukunft summt und sticht. Die kleinen, besonders aggressiven Wildbienen umschwirren den jungen Äthiopier, doch der regt sich nicht. Hinter seiner Schutzkleidung lächelt Werra sogar. „Nach dem Abschluss stand ich mit nichts da, es gab keine Arbeit und ich musste zurück auf den Hof meiner Eltern“, erzählt der 24-Jährige. Doch zwischen den bröckelnden Lehmhütten seiner Kindheit gab es außer gelegentlichen Transportjobs mit einem Handkarren nichts zu tun. „Dann hörte ich von der Möglichkeit mit den Bienen, und da habe ich sofort zugegriffen.“

Werras Imkerei ist nur ein Puzzlestück in einem Projekt, das aus arbeitslosen Jugendlichen selbstständige Mitarbeiter von Start-ups machen soll. Und zwar nicht etwa in der boomenden Hauptstadt Addis Abeba, sondern in Dano, einer ländlichen Region sechs Autostunden weiter westlich. Hierher kehren viele der jungen Männer zurück, wenn nach einem mühsam errungenen Abschluss ihre Hoffnungen auf einen Job betrogen worden sind. Sie hängen rum, nehmen Drogen und werden immer wütender, weiß auch Damea Werra. Vor zweieinhalb Jahren erhoben sich die jungen Leute, protestierten überall in der Region und stießen damit einen Wandel an, der das Land dauerhaft verändert hat.

„Bevor der Wandel kam, haben dich die Beamten hier geschlagen oder ins Gefängnis gesteckt, selbst wenn Du sie nur um Hilfe gebeten hast“, erinnert sich Werra. Viele seiner Freunde seien deshalb geflohen, auch aus Angst, denunziert zu werden. Dann wurde im April der 42-jährige Abiy Ahmed Ministerpräsident, gefühlt ist er einer von ihnen. „Die Gefahr ist jetzt vorbei, und die Leute kommen zurück und bauen sich etwas auf.“ Dabei hilft ihnen das Start-Up-Zentrum, das die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ in Dano aufgebaut hat. Mehr als 400 junge Frauen und Männer sind heute nicht mehr unzufrieden, sondern Teil einer wachsenden Unternehmerszene.

Made in Dano

Ihre Grundlage ist die Landwirtschaft. Doch anstatt wie früher die Ernten zu verkaufen und die lukrative Veredelung anderen zu überlassen, bilden die Start Ups von Dano die ganze Wertschöpfungskette ab. So hat die deutsche Stiftung Werra beigebracht, wie er die traditionellen, in den Bäumen hängenden Bienenkörbe durch dauerhaft verwendbare Bienenstöcke ersetzen kann. „Früher habe ich pro Jahr 3.000 (etwa 92 Euro) Birr mit dem Honig aus einem Stock verdient, jetzt sind es 20.000 und mehr“, freut der sich. Werras Honig wiederum wird von einem anderen Start-Up aufgekauft, ein weiteres reinigt ihn, verpackt ihn in Gläser und organisiert den Vertrieb. So entsteht Honig 100 Prozent made in Dano.

Das gleiche gilt für die jungen Leute, die Nigersaat anbauen, eine traditionelle Ölfrucht, ähnlich dem Raps. Lokale Start Ups übernehmen auch hier die gesamte Veredelung, von Ernte und Pressung bis hin zu Flaschenabfüllung und Verkauf. Bei jeder Stufe bleibt ein bisschen Gewinn hängen, von dem junge Männer wie Dschamal Awol profitieren. „Wenn wir abends von der Arbeit nach Hause gehen, dann sind wir mental zufrieden und körperlich geschafft“, bilanziert der Vorarbeiter der Presse das Ergebnis. „Die arbeitslosen Jugendlichen sind dagegen hungrig, ängstlich, frustriert, viele sind abhängig.“

„Wir wollen unser Leben verbessern.“

Die Arbeit ist hart. Es ist heiß in der Werkshalle, die Ölpresse wummert. Eimerweise schüttet eine Arbeiterin im Overall gereinigte Ölsaat in die Presse, ein Arbeiter entfernt den Ölkuchen, der sich bei der Presse bildet. Er wird später in einer anderen Halle des „Agro Processing Center“, wie das Herzstück des Projekts offiziell heißt, zu Kraftfutter verarbeitet – von einem weiteren Start Up, dessen Mischungen bei Viehhaltern so beliebt sind, dass die Produktion kaum nachkommt. „Wir schuften wirklich, aber wir wollen unser Leben verbessern“, sagt Sisay Bayissa. „Wer das nicht schafft und arbeitslos bleibt, hat keine Perspektive, wird womöglich kriminell – es ist schrecklich.“

30 Millionen junge Menschen in Äthiopien haben keinen Job. Daran, ob sie ihr Glück finden oder sich im Extremfall radikalen Separatisten anschließen, dürfte sich entscheiden, ob der Reformkurs von Premier Abiy Erfolg haben wird. „Unsere Ressourcen sind begrenzt, wir können nicht einmal alle Probleme in diesem Distrikt lösen“, gesteht Demere Anno von „Menschen für Menschen“ in Dano ein. „Aber die jungen Leute, die nach fünf, sechs Jahren ohne Arbeit bei uns anfangen, schöpfen wieder Hoffnung und richten sich hier ein Leben ein, anstatt zu kämpfen oder von einer Flucht ins Ausland zu träumen.“ (epd/mig)

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