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Gegen die Flucht

Happiness und der Traum von einer Zukunft in Afrika

Nosa Okundia und Happiness Ehimen haben auf der Reise nach Europa fast ihr Leben verloren. Heute leben sie wieder in Nigeria und haben nur ein Ziel: Andere vom Höllentrip durch die Sahara abzuhalten. Ihre Gegner sind mächtig, reich und gut vernetzt.

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Steppe in Nigeria (Symbolfoto) © Jeff Attaway @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Nosa Okundia ist 30 und hat schon viele Leben gelebt: Er war der Sohn mittelloser Eltern, die eines Nachts bei einem Brand ihr Obdach verloren; ein Träumer, der in Europa sein Glück suchen wollte, ein Flüchtling und die Ware brutaler Schleuser. Im libyschen Kerker wurde der kahlgeschorene, schlaksige und zugleich muskulöse Nosa zum Sprecher der Internierten gewählt und brachte sie schließlich alle zurück nach Nigeria. Dort versucht er jetzt, andere von der Flucht abzuhalten: In Schulen, in Kirchengemeinden und auf Marktplätzen erzählt er seine Geschichte.

Die Herausforderung ist riesig, das weiß Nosa. 2016, als er aufbrach, flohen fast 40.000 Nigerianer vor Armut und Not über das Mittelmeer nach Italien. Und immer noch machen sich täglich Dutzende auf. Wie viele auf der Flucht sterben, weiß niemand. Sie verdursten, werden totgeprügelt oder erschossen, noch ehe sie das Mittelmeer erreichen.

Eine Freundin überzeugte sie

Mit ausdrucksloser Miene beobachtet Nosa das Treiben auf einem Busbahnhof am Rande der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Fahrgäste drängen in die dicht gepackten Busse. „Da sind einige dabei, die auf dem Weg nach Europa sind“, sagt er mit leiser, fester Stimme.

Neben Nosa Okundia steht seine Mitstreiterin Happiness Ehimen und nickt. Die 30-Jährige hat ihre Haare mit blonden Extensions verlängert. Auch sie hat den Höllentrip in Richtung Europa schon hinter sich. „Ich habe mir vorgenommen, Nigeria zu verlassen, als meine Mutter starb. Sie hatte nur Husten, aber wir hatten kein Geld für Medizin, und dann starb sie einfach.“ Eine Freundin überzeugte sie, ihr Glück in Europa zu versuchen.

In der Not klingt Flucht gut

Heute weiß sie, wie naiv das war. In ihrer Notlage aber klang die Flucht wie eine gute Idee. Anderen geht es ähnlich. Mal sind es Freunde, mal von Schleusern bezahlte Lockvögel, die angeblich helfen wollen.

Happiness war Mitte 20 und schöpfte zum ersten Mal in ihrem Leben Hoffnung. Beinahe hätte sie das ihr Leben gekostet. Wenn sie heute ihre Geschichte erzählt, setzen sich Jugendliche auf Kisten oder den staubigen Boden, in der Hand eine Limoflasche, und hören zu. Je länger sie redet, desto stiller wird es.

Das wird nicht reichen

In Happiness‘ Stimme liegt eine unerbittliche Dringlichkeit, etwa, wenn sie von der Nacht erzählt, in der ein Motorrad sie ohne Licht in halsbrecherischem Tempo über die grüne Grenze nach Niger brachte. Eine Frau blieb nach einem Unfall zurück. Fahrten auf der gedrängt vollen Ladefläche eines Pick-up unter der grellen Saharasonne, Schläge und Vergewaltigungen bei der Übergabe von einer Schleuserbande an die nächste. Wer einmal die mehr als 4.000 Kilometer lange Strecke bis zum Mittelmeer begonnen hat, ist zur Ware der Schleuser geworden.

Ihre Zuhörer sind nach solchen Schilderungen erschüttert, hat Happiness beobachtet. Sie hofft, dass das Gehörte nachhallt, dass die Jungen an den Versprechungen der Schleuser zweifeln, dem Drängen von Freunden und Verwandten widerstehen werden. Und doch sind sie und Nosa Realisten genug, um zu wissen: Das allein wird nicht reichen.

„Make the green greener“

Happiness und Nosa tragen das gleiche T-Shirt, auf dem ihr Motto gedruckt ist. „Make the green greener“, steht darauf, es bezieht sich auf das englische Sprichwort, nach dem das Gras woanders immer grüner ist als das eigene.

„Wir müssen es bei uns grüner machen, nur dann riskieren die Jungen nicht ihr Leben“, sagt Happiness. Nach ihren Vorträgen klappern die beiden deshalb Werkstätten und kleine Läden ab, um nach Ausbildungsstellen zu fragen. Es fehlt an Arbeit. Auch deshalb lockt Europa.

Was ist die Alternative zur Flucht?

„Wir erzählen unsere Geschichten, wir zeigen Videos, die wir mit dem Handy aufgenommen haben, aber trotzdem nehmen die meisten Leute unseren Rat nicht an“, sagt Happiness. „Sie fragen: Okay, wir sollen nicht nach Europa fliehen, aber was bietest Du uns stattdessen an?“

Wenn es nach den beiden ginge, würden sie Traumatherapien und Ausbildungen anbieten, die ganz praktisch etwas bringen. Ihr Traum: Ein Zentrum in Benin City, dem Knotenpunkt für nigerianische Migranten. Hier soll denen geholfen werden, die gehen wollen – vor allem aber denen, die von einer gescheiterten Flucht zurückkehren.

Rückkehr schwieriger als die Flucht

Denn die Rückkehr, sagt Nosa, sei fast schwieriger gewesen als die Flucht. Sein erspartes Geld hatte er auf der Flucht verbraucht, er hatte hohe Schulden, sein Ruf bei Familie und Freunden war dahin. Auch deshalb blieb er in Benin City, so wie die meisten Rückkehrer. Nach Hause können sie nicht.

So alleingelassen fragen sich viele bald, ob sie es nicht noch einmal versuchen sollen. Das wollen Nosa und Happiness mit ihrem Rückkehrerzentrum verhindern. Wer dort hinkäme, würde zudem die Aufklärungsarbeit der beiden unterstützen.

„Uns fehlt die nötige Ausstattung“

Nosa und Happiness machen sich keine Illusionen. Sie wissen, wie mächtig ihre Gegner sind. Menschenhändler müssen nicht viel befürchten, jedenfalls nicht in Nigeria. Mary George ist stellvertretende Chefin einer Sondereinheit der nigerianischen Polizei in der Hauptstadt Abuja, die Menschenhändlern ihr Handwerk legen soll. Mit ihren Kollegen sitzt sie im zweiten Stock eines ältlichen Flachbaus. „Wir sind bereit für unsere Aufgabe“, verkündet sie. „Aber uns fehlt die nötige Ausstattung.“

So fehle Geld, um Informanten zu bezahlen. Und selbst wenn jemand der zentralen Dienststelle in Abuja einen heißen Tipp gäbe, nutze das wenig. „Wenn wir zum Beispiel hören, dass irgendwo im Westen Nigerias ein Menschenhändlerring eine Gruppe Frauen schleust, dann fehlen uns die Fahrzeuge, um dahin zu kommen und einzugreifen. Das heißt, die Information ist wertlos für uns.“ Es gibt keine Experten, keine Datenbank. Mary George hat nicht mal einen eigenen Computer.

Kampf gegen Schleuser

Was sie nicht sagt, ergänzt Lesmore Gibson Ezekiel. Früher war er Pfarrer in der lutherischen Kirche. Jetzt unterstützt er als Direktor der Hilfsorganisation „Symbols of Hope“ den Plan von Happiness und Nosa, ein Rückkehrerzentrum aufzubauen. „Von den Sicherheitskräften, die die Schleuser bekämpfen sollen, arbeiten einige für die Schleuser“, sagt er. Die Kartelle, die den Menschenhandel organisierten, seien vermögend genug, um nigerianische Polizisten zu kaufen. Den Kampf gegen die gut vernetzten Schleuser müssten deshalb die Rückkehrer führen.

Noch ist das Zentrum nicht mehr als ein Wunsch, es fehlt das nötige Kapital, umgerechnet vielleicht 250.000 Euro. „Der Staat lässt uns im Stich“, ärgert sich Nosa. Trotzdem geben er und Happiness die Hoffnung nicht auf, sie leben für ihren Traum. Doch wenn der scheitert? Daran will Nosa nicht denken. „Ich werde bedroht, schon mehrere Schleuser haben mir gesagt: Ich gebe dir Geld, wenn du aufhörst, diese Geschichten zu verbreiten. Aber das beeindruckt mich nicht – ich mache weiter, immer weiter.“ (epd/mig)

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3 Kommentare
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  1. Peter Enders sagt:

    Endlich ein Artikel, der nicht so einseitig ist wie leider die allermeisten hierzulande. Und er weist hierauf hin: Wenn die die selbsternannten „Seenotretter“ (was sie in Wirklichkeit nicht sind) tatsaechlich Leben retten wollten, wuerden sie z. B. vor die Kueste Nigerias fahren.

  2. Ingo Giesen sagt:

    Hallo
    Vielen Dank für diese gute Infomation. wenn sie Infomationen erhalten, ob es weitergeht. Infomieren sie mich doch bitte. Ich halte so ein Rückkehrzentrum auch für notwendig.
    Mit freundlichn Grüssen
    Ingo Giesen
    Meßkap 15
    48147 Münster
    i.giesen@web.de

  3. Elfriede Reichert sagt:

    Herr Enders: wer berichtet einseitig?
    Und die „selbsternannten „Seenotretter“ – retten wirklich Leben. Haben Sie Berichte auf Migazin.de nicht gelesen, wieviele Menschen im Mittelmeer ertrinken?
    vor der Küste Nigerias wäre das nicht notwendig, ein Schiff einzusetzen. Die Flüchtlinge gehen nach Norden durch die Sahara..
    Die Schleuser versprechen den Menschen vielleicht Lügen; aber die Flüchtlinge machen sich auf den Weg, weil sie keine Alternative sehen. Die Schleuser sind für sie der Weg.
    Ein Rückkehrzentrum macht mehr Sinn, wenn Ausbildung und Arbeit ermöglicht wird = Alternativen!



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