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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Essay

Die Antiflüchtlingskrise

Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das Gejammer will nicht enden. Ein Kontra gegen den faktenfremden, unsolidarischen Zeitgeist. Von Timo Al-Farooq

Flüchtlinge, Idomeni, Polizei, Flüchtlingslager, Grenze
Flüchtlinge in Idomeni / Griechenland warten auf Grenzöffnung © Tim Lüddemann @ flickr.com (CC 2.0), Tim Lüddemann

VONTimo Al-Farooq

Timo Al-Farooq, B.A. in Regionalstudien Asien/Afrika, Humboldt-Universität Berlin. Mehr von ihm kann man auf freitag.de lesen.

DATUM20. Juli 2017

KOMMENTARE9

RESSORTLeitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: freitag.de.

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„Merkels Marschbefehl“ titelte letztes Jahr das konservative Nachrichtenmagazin Cicero auf dem Cover der Septemberausgabe, als das „zweite Sommermärchen“, das „Wunder von München“ bereits ein Jahr her war. Die multiplen Unwahrheiten, die diese martialische Überspitzung konnotierte (Flucht und Migration als Kriegserklärung; der subtile Vorwurf, Merkels humanitäre Geste sei eine Art Volksverrat, was ins selbe ignorante Horn blies wie das von Pegidisten und AfDlern; Überdramatisierung der Geflüchtetenzahl), sind immer noch symptomatisch für die mittlerweile zwar abgeebbte, aber leider noch nicht endgültig begrabene Debatte über Für und Wider von Geflüchtetenaufnahme. Und das trotz Grundrecht auf Asyl im Grundgesetz und der UN-Flüchtlingskonvention.

Obwohl die Statistik nach wie vor eine eindeutige Sprache spricht, scheint es immer noch bei großen Teilen der Bevölkerung nicht angekommen zu sein: Trotz Fluchtbewegungen, wie es sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte, waren die Zahlen der Neuankömmlinge im Rahmen der sogenannten „Flüchtlingskrise“ (über 1 Million Menschen 2015) im prozentualen Verhältnis zur EU-Bevölkerung (743,1 Millionen) gesehen auch für den arithmetisch Eingeschränktesten als äußerst marginal zu erkennen (0,13 %!). Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es die meisten in eine handvoll EU-Staaten zog, blieben die Zahlen trotzdem in überschaubarem Rahmen: 476,000 gestellte Asylanträge 2016 im demographisch dahindümpelnden Deutschland (83 Millionen) konstituieren immer noch keine überproportionale Bürde (0,57%!). Demnach hätte das merkelsche „Wir schaffen das“ kein Mantra, sondern redundante Selbstverständlichkeit sein sollen.

Im Klartext heißt das: Es gab 2015 hierzulande, in Österreich, Frankreich, UK oder Schweden schlichtweg keine „Flüchtlingskrise“. Das Gegenteil zu behaupten ist nicht nur eine Ohrfeige für all die Staaten, die nicht nur erst seit dem syrischen Bürgerkrieg und der ISILisierung dieses Landes und des Iraks Geflüchtete aufnehmen (Libanon, Jordanien, Kenia, Bangladesch, um nur einige zu nennen), sondern auch für die EU-Außengrenzenstaaten Griechenland und Italien, die wegen ihrer geographischen Lage schon seit Jahren Erstankunftsort für Geflüchtete aus Drittländern sind und mit Hilfe des ungerechten Dublin-Verfahren auch noch auf ganz legale Weise von anderen EU-Staaten mit der Versorgung und Verwaltung von Neuankömmlingen alleine gelassen werden können.

Nein, die „Krise“ wurde erst durch die verursacht, die in ihr eine sehen wollten: verunsicherte Teile der Gesellschaft, deren Verunsicherung mehr über ihren Rassismus aussagt als über ihre Ängste; Teile der Politik – etabliert wie start-up, rechts wie links, die die reaktive und reaktionäre Feindseligkeit Ersterer versuchen in Wählerstimmen umzumünzen; Teile der Medien, die ihr Bildungs-und Aufklärungsmandat aus ökonomischen Gründen vernachlässigen und das drucken, sagen und senden, was die landläufige Meinung zu sein scheint.

Sie alle in Personalunion konstruierten das Narrativ dieser vermeintlichen „Flüchtlingskrise“, die nichts weiter als eine „Antiflüchtlingskrise“ war und dies auch bis heute geblieben ist: Denn nicht die Zahl der Geflüchteten war das Problem, sondern der Grad der Antipathie, die ihnen von breiten Teilen europäischer Transit- und Aufnahmegesellschaften entgegenschlug und somit – trotz einer gesellschaftlich breit verankerten Willkommenskultur in einigen Staaten – lediglich jene Krise brachlegte, in der sich unser europäischer, ach so aufgeklärter Humanismus mal wieder befindet. Diese eigentliche Krise findet ihren Ausdruck in europäischer Abschottungspolitik und menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Geflüchteten; in unserer historischen und neokolonialen Mitschuld an Fluchtursachen und unserer seligen Unwissenheit diesbezüglich; sowie in unserer Gleichgültigkeit gegenüber globalen Konflikten und Kriegen und daher in unserem Missmut gegenüber eigenen, proaktiven Handlungsimperativen.

Alle wollen nach Europa? Quel narcissisme!

Nur weil Europa der Geburtsort von Demokratie und Dampfmachine, Sozialversicherung und beutellosem Staubsauger ist, halten wir uns für soviel besser als der Rest der Welt (trotz anderer äußerst fragwürdiger Errungenschaften wie Kolonialismus, Faschismus, Weltkriege und Holocaust): Und aus bifokaler Selbstliebe erliegen wir tatsächlich dem Irrglauben, alle Notleidenden dieser Welt wöllten in unser ach so unbescholtenes Europa. Gehts noch vermessener?

Fakt ist: Die meisten Geflüchteten – ob temporär oder dauerhaft – leben überall, nur nicht in Europa. Davon wiederum leben die meisten Geflüchteten in den Nachbarstaaten des jeweiligen Landes, aus dem sie geflohen sind (eine halbe Million Somalis leben im Nachbarland Kenia und 440,000 in Äthiopien, aber nur 115,000 im fernen UK; 160,000 Geflüchtete aus Eritrea – dem sich am schnellsten entvölkernden Land der Welt – leben im benachbarten Äthiopien (eigentlich ein Erzfeind) und im Sudan, während im vergangen Jahr nur 46,000 in die EU gekommen sind). Dies hat gute Gründe: der Nachbarstaat dient meistens nicht als Sprungbrett in den Westen, sondern als Warteraum für die Rückkehr in die Heimat, auch wenn diese Jahrzehnte auf sich warten lässt und sich vielleicht auch nie erfüllt, wie im Falle der halben Million aus dem Buddhistenmehrheitsstaat Myanmar geflohenen muslimischen Rohingyas in grenznahen Geflüchtetencamps in Bangladesch. Ganz zu schweigen von den Millionenen Palästinensern, die seit Jahrzehnten in Jordanien und im kleinen Libanon leben, zum Teil seit der Nakba und besonders im Letzteren dank dessen fragiler konfessioneller und politischer Gemengelage unter schwierigsten Lebensbedingungen.

Darüber hinaus hat nicht jeder die finanziellen Mittel oder den langen Atem, es bis nach Europa oder zu schaffen (nochmal: Schlepper sind nicht billig, und Balkan-und Mittelmeerroute keine südafrikanische Garden Route). Und drittens: Viele wollen einfach nicht nach Europa! Heimatverbundenheit ist ein universelles Phänomen, die meisten Menschen wollen ihre Heimat schlichtweg nicht verlassen: Antiflüchtlinge mit rassistischen Brettern vor ihren minderbemittelten Köpfen sollen das endlich mal kapieren.

Für uns hierzulande, die der Fremdsprache der Bedachtheit oft nicht mächtig sind, heißt all das übersetzt: Solange in Frankreich oder den Beneluxstaaten keine Hungersnot ausbricht und in Polen oder Tschechien kein Bürgerkrieg, werden wir hier in Deutschland nie eine „Flüchtlingskrise“ haben, die in europäischen Staaten wie Griechenland und Italien schon eher diesen Namen verdient, so einfach ist das. Und angesichts der „Lasten“, die sozioökonomisch schwächere Staaten wie Äthiopien und Bangladesch (beide zählten vor nicht vor all zu langer Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt) schon seit Jahren, gar Jahrzehnten „stemmen“, sollten wir uns auf diesem wohlhabenden Kontinenten schämen, wenn wir wegen eines Bruchteils Geflüchteter mit Alarmismus und Abschottung reagieren. Zumal unser Wohlstand in einem nicht unbeträchtlichem Umfang – historisch wie heute – auf Ressourcenausbeutung und wirtschaftliche Benachteiligung eben jener postkolonialen Regionen basiert, aus denen heute Menschen hierher fliehen. Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka hatte bei einer Podiumsdiskussion im Berliner HKW letztes Jahr über die „Flüchtlingskrise“ gesagt, Europa solle gefälligst alle Geflüchteten aufnehmen, die hierher kommen, und das als Reparationszahlung für seine Kolonialverbrechen betrachten, die bis heute ungestraft geblieben sind. Da ist was Wahres dran.

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9 Kommentare
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  1. Mike sagt:

    Da verstellt linke Ideologie doch gewaltig den Blick auf die Realität.

  2. Glückseis sagt:

    @Autor
    Also nur nochmal ums zu erwähnen, weil man nach lesen dieses Artikels den Eindruck gewinnt Deutschland bzw, die EU wäre Migrantenfeindlich:

    Die EU hat lediglich 510 Mio. Einwohner (743 Mio.???), lässt man Südost-, Osteuropa und Italien mal aussen vor, weil das nur Transitländer sind bzw. kein Flüchtling da bleiben will, dann sind es nur noch 338 Mio. Einwohner auf die Flüchtlinge verteilt werden könnten. Die Eurozone steckt in einer Krise und es mussten mit Milliarden von Steuergeldern banken und Staaten gerettet werden. Es gibt bereits eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

    2015 wohnten bereits 11,6 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund 1. Generation in Deutschland, also 14% der Bevölkerung. Mit den Migranten 2. und 3. Generation waren es 17 Mio. also 21%.

    Es ist also bei weitem nicht so, dass Deutschland vor der Flüchtlingskrise auf extrem niedrigem Niveau war, das wird aber bei der Pro-„Flüchtlings“propaganda (Gänsefüßchen weil es eigentlich um Migration geht) überhaupt nicht berücksichtigt. Übrigens könnte die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen verfünffacht werden, wenn das zurückkehren der Flüchtlinge in ihre jeweiligen Länder ausnahmslos obligatorisch wäre.

    Zahlen sind zu leicht zu manipulieren. Was ist also mit den Menschen? Wer kommt?
    Ob Deutschland 100 Mio. Menschen oder nur 1 Mio. aufnehmen kann hängt auch von den Menschen (Werten, Kultur und Attitüde) ab die kommen. So viel unideologisches und pragmatisches Denken muss bei reellen Problemen an den Tag gelegt werden. Millionen von Menschen aufzunehmen ist nunmal weder cool, angenehm oder bereichernd. Man kann dem was gutes abgewinnen, aber es ist und bleibt in erster Linie eine Last, Arbeit und teilweise mit Undankbarkeit verbunden. Da bringt es nichts, jedem mit dem verbalen Knüppel eine über zu braten, wenn er ihre „infinity immigration politic“ ablehnt.

  3. Lieber Mike,

    da bin ich ja beruhigt, dass Du mich für links hälst! Denn meine Freunde und Bekannten halten mich – zu meiner großen Verärgerung und trotz wiederholter Beteuerungen des Gegenteils – leider fast allesamt für ziemlich konservativ. Aber wenigstens glaubst Du mir, dass mein Herz links schlägt: Danke Dir dafür!

    Mit den besten Grüßen,

    Timo

  4. Timo Al-Farooq sagt:

    @Mike:

    „Selbst wenn Deutschland alle Flüchtenden der Welt aufnähme, hätte es dieselbe Bevölkerungsdichte wie Japan.“

    https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/ein-truemmerfeld

  5. Mithrandir sagt:

    Timo, es geht nicht um die Bevölkerungsdichte. Es geht um den Sozialstaat. Sicher, man kann alle Flüchtenden der Welt, was auch immer deren Fluchtgrund seinen mag, aufnehmen und in Lagern mit Wasser und Brot versorgen. Ähnlich wie es die Türkei macht. Aber wem wäre damit geholfen? 90% aller Flüchtenden flüchten, um ein besseres Leben zu bekommen. Das funktioniert aber mit diesem Sozialstaatsmodell nur begrenzt. Wenn 90% nicht arbeiten können, weil keine Jobs, keine Qualifikation etc, dann wird das System nicht mehr funktionieren. Schon allein deshalb ist eine Zuwanderungsbegrenzung notwendig. Alles andere ist gut gemeint, aber nicht möglich.

  6. Müllerin sagt:

    @Mithrandir: Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. Langfristig wird und muss es gelingen, diesen Personenkreis auch am Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu laufen erste Projekte, deren Erfolg sich noch zeigen muss. Gleichzeitig ist es aber richtig, dass nicht jeder Geflüchtete in Deutschland dauerhaft aufgenommen werden kann. Daher prüft das BAMF (sollte es) nach der jeweiligen Frist immer, ob die Gründe der Gewährung von Schutz immer noch vorliegen. Liegen diese nach Prüfung aber nicht mehr vor, kann Flüchtlingen auch ein Aufenthalt in Deutschland wieder entzogen werden. Wirklich dauerhaft hier ist nur, wer mindestens eine Niederlassungserlaubnis besitzt. Gleichzeitig sollte Politik auch darauf ausgerichtet sein, die URSACHEN von Flucht zu bekämpfen und nicht nur die Flüchtenden an der Einreise zu hindern.

  7. Mithrandir sagt:

    Liebe Müllerin,

    „Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. “

    90% war jetzt nur ein x-beliebiger Wert. Ich denke aber, dass ein Großteil der Flcühtinge keine Arbeit finden wird. Weil es gar nicht soviel Arbeit für Unterqualifizierte gibt. Dank Automatisierung und Digitalisierung werden in viele weiteren Arbeitsbereiche zunehmend weniger Menschen gebraucht, vor allem im Niedriglohnsektor. Fachkräfte sind ja kaum dabei, wie auch? Deshalb muss es eine flüchtlingsObergrenze geben, alles andere ist fahrlässig.

  8. […] Bleiberecht möchte auf ein Essay von Timo Al-Farooq aufmerksam machen. Veröffentlicht im MIGAZIN. „Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das […]



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