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Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) © Tobias Schwarz/AFP

PKS 2025

Dobrindt inszeniert Kriminalstatistik und schweigt zu Behördenrassismus

Bundesinnenminister Dobrindt inszeniert die Polizeiliche Kriminalstatistik öffentlichkeitswirksam auf der Bundespressekonferenz – und verknüpft die Zahlen mit Migration. Expertin warnt vor Fehlinterpretation der Zahlen. Die Türkische Gemeinde sieht eine deutliche Schieflage.

Montag, 20.04.2026, 15:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 20.04.2026, 15:04 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Die Polizei hat 2025 bundesweit weniger Straftaten registriert. Doch schon der politische Umgang mit den neuen Zahlen zeigt, wie umkämpft die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weiter bleibt. Denn Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stellte den Rückgang auch in Zusammenhang mit dem Rückgang von Migration.

Kriminologinnen und Verbände warnen dagegen davor, aus der PKS einfache Wahrheiten über Kriminalität oder Migration abzuleiten. Die Statistik erfasst das Hellfeld, also Straftaten, die der Polizei bekannt wurden. Sie erfasst außerdem Tatverdächtige und nicht Verurteilte. Das bedeutet: Die Statistik gibt keinen Aufschluss darüber, wie viele Strafanzeigen nicht angezeigt wurden und wie viele Tatverdächtige für schuldig erklärt und verurteilt wurden – beides wichtige Faktoren im Umgang mit der Statistik, wie Experten wiederholt mahnen.

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Insgesamt, so die Statistik, wurden 2025 rund 5,5 Millionen Straftaten registriert, 5,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Ohne ausländerrechtliche Verstöße lag der Rückgang bei 4,4 Prozent. Die Zahl der Gewaltverbrechen sank auf rund 212.300 Fälle, also um 2,3 Prozent. Einfluss auf die Statistik hatten mehrere Sondereffekte: die Teillegalisierung von Cannabis sowie weniger Verstöße gegen Aufenthalts-, Asyl- und Freizügigkeitsrecht.

Expertin warnt vor Fehlinterpretation der Zahlen

Aufgeladen ist der Blick auf den Anteil nicht deutscher Tatverdächtiger, weil Dobrindt ihn ausdrücklich ansprach. Er lag 2025 bei 35,5 Prozent, wenn ausländerrechtliche Verstöße herausgerechnet werden. Genau hier setzen Fachleute mit ihrer Kritik an.

Die Kriminologin Susann Prätor warnt vor Fehlinterpretationen: In die Gruppe der nichtdeutschen Tatverdächtigen fallen auch Menschen ohne Wohnsitz in Deutschland, etwa Touristen oder Saisonarbeiter. Zudem ist die Gruppe im Schnitt jünger und männlicher als die Gesamtbevölkerung. Beides erhöht das statistische Risiko, in der PKS aufzutauchen, ohne dass damit schon etwas über Ursachen gesagt wäre.

Mehrfach verzerrte Statistik

Hinzu kommt das Anzeigeverhalten. Prätor verweist auf Forschung, nach der Gewaltdelikte deutlich häufiger angezeigt werden, wenn ein Opfer beim Tatverdächtigen eine ausländische Herkunft vermutet. Konkret: Menschen, die als „fremd“ wahrgenommen werden, tragen ein dreifach höheres Risiko, angezeigt zu werden, als Menschen, die als „deutsch“ wahrgenommen werden. Während bei deutschen Tätern und Opfern nur in 7,9 Prozent der Fälle die Polizei eingeschaltet wird, steigt die Anzeigequote bei nichtdeutschen Tatverdächtigen auf 22,4 Prozent.

Die Aufteilung der Statistik nach Deutschen und Ausländern gibt aber auch schon deshalb ein verzerrtes Bild ab, weil bei der Einbürgerung eine Auslese stattfindet: Wer kein sauberes Führungszeugnis hat oder andere kriminalitätsbegünstigende Faktoren wie Arbeitslosigkeit aufweist, wird nicht eingebürgert. Umgekehrt bekommen nur Personen einen deutschen Pass, die statistisch gesehen ein vergleichsweise niedriges Kriminalitätsrisiko aufweisen. Auch das verschiebt die Statistik zugunsten der „Deutschen“ und zum Nachteil der „Ausländer“.

Türkische Gemeinde: Dobrindt nutzt PKS zur Stimmungsmache

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) wirft Dobrindt deshalb vor, die PKS politisch zu inszenieren. Mehtap Çağlar sagt: „Die Veröffentlichung des polizeilichen Tätigkeitsberichts wird immer dazu genutzt, Stimmung gegen Menschen mit Migrationsgeschichte zu machen.“ Es sei bekannt, dass Kriminalität primär soziale Ursachen hat, erklärt TGD-Bundesvorsitzende Çağlar.

Tatsächlich beweisen Dunkelfeldstudien, dass die Migrationsgeschichte keine Rolle spielt, sobald Faktoren wie der Bildungsweg oder der sozioökonomische Hintergrund vergleichbar sind. „Wenn wir also ernsthaft über Kriminalität in Deutschland reden wollen, brauchen wir Studien, die die Sozialstrukturen von Menschen beleuchten und keine Strichlisten der Polizei oder eine irreführende Aufteilung zwischen ausländischen und deutschen Straftätern.“

Kritik am Umgang mit Studien

Kritik erntet Dobrindt auch wegen seines Umganges mit einer Studie über Rassismus in deutschen Behörden. Sein Ministerium hatte die langjährig und aufwändig erstellte Studie kurz vor den Osterfeiertagen am Freitagnachmittag kommentarlos auf der Internetseite des Ministeriums unter Publikationen abgelegt. Anders als üblich gab es weder eine Pressekonferenz noch eine schriftliche Presserklärung. Öffentlich bekannt die Studie eher zufällig.

Die TGD wirft Dobrindt deshalb vor, die PKS öffentlich zu inszenieren, die großangelegte Rassismus-Studie in Behörden jedoch zu ignorieren. „Dieses Signal kommt in den Communitys auch so an“, so Çağlar. (dpa/mig) Leitartikel Politik

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