MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Ich bin auch eure Kanzlerin.

Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Debatte

Es braucht Debatten, die Machotum und Sexismus anprangern

Eine Zwei-Sekunden-Rolle in einem Werbespot reichten schon, um die muslimischen Gemüter zu erhitzen. Die Londoner Muslimin Mariah Idrissi hatte als erste Frau mit Kopftuch in einem H&M Werbefilm gespielt. Diese Aufregung führt zu einer Kernfrage: Können Muslime Freiheit? Von Muhammad Sameer Murtaza

Kopftuch, H&M, Werbung, Spot, Werbespot
Szene mit Mariah Idrissi aus dem H&M Werbespot © H&M

VONMuhammad Sameer Murtaza

 Es braucht Debatten, die Machotum und Sexismus anprangern
Muhammad Sameer Murtaza ist Islamwissenschaftler und Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Dort forscht er aktuell zu einer Friedenslehre und Lehre der Gewaltlosigkeit aus den Quellen des Islam. Kürzlich erschien von ihm im Springer Verlag "Gewaltfreiheit, Politik und Toleranz im Islam".

DATUM29. Oktober 2015

KOMMENTARE9

RESSORTLeitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Damit übt der ideologisch verbrämte Islam eine strukturelle religiöse Gewalt gegen Frauen aus, die sich aus alltäglichen Wertvorstellungen und Normen speist, die Frauen physisch und psychisch verletzen und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung schädigen.

Was lässt den Menschen in der Welt gelingen? Es ist die Freiheit, so der Philosoph Muhammad Iqbal. Wenn es Muslimen nicht gelingt im Kleinen, zwischen den Geschlechtern, Gleichberechtigung zu zulassen, dann werden sie auch weiterhin im Großen scheitern. So bleiben Muslime im Strudel autoritärer Islamentwürfe gefangen.

Der bedauerlicherweise in Vergessenheit geratene Gelehrte Abdoldjavad Falaturi, der in den 1970er und 1980er Jahren Professor für Islamwissenschaft an der Universität Köln war, machte in der Geschlechterdebatte einen bemerkenswerten Einwurf. Er stellte fest, dass das arabische Wort für Barmherzigkeit (raḥma), das zentral für das muslimische Denken von Gott ist, zugleich verwandt ist mit dem arabischen Wort für Mutterleib (raḥim). „Das Gott-Mensch-Verhältnis bekommt somit im Islam mütterliche, also weibliche Züge“, schrieb Falaturi. So lasse sich eine Analogie ziehen, also eine Ähnlichkeit bei noch größerer Unähnlichkeit, zwischen der göttlichen Barmherzigkeit und dem Schöpfungsakt auf der einen Seite und auf der anderen Seite zur Nächstenliebe und der Fähigkeit der Frau zu Gebären. Männern bleibe diese Tiefeneinsicht auf ewig verborgen. Sie sind somit unabdingbar auf die Tiefenerfahrung des Weiblichen in ihrer Analogie zur göttlichen Barmherzigkeit angewiesen. Der nicht zu leugnende Geschlechterunterschied wird bei Falaturi als Bereicherung verstanden. Muslimische Frauen haben demnach ihrer Religionsgemeinschaft sehr vieles und sehr gewichtiges zu sagen. Daran gehindert werden sie jedoch durch überholte Rollenzuschreibungen.

Es braucht also Stimmen, die selbstkritisch auf die strukturelle Gewalt unter Muslimen hinweisen. Debatten, die Machotum und Sexismus in der eigenen Gemeinschaft anprangern. Diskussionen, weshalb bei muslimischen Veranstaltungen Männer und Frauen strikt voneinander getrennt werden und diese Trennung nicht einmal vor Ehepartnern Halt macht. Und selbstverständlich sind wir als Gemeinde insgesamt auf weibliche Gelehrtinnen und deren Koraninerpretationen angewiesen. Damit diese Gehör finden, braucht es mutige Verbandsvorsitzende und Moscheevorstände, die über den Tag hinaus denken können und behutsam, Schritt für Schritt, Gelehrtinnen Raum in den Moscheen geben.

Was revolutionär klingen mag, ist eigentlich nur nüchterner Pragmatismus. Die klassischen muslimischen Strukturen sind zusammengebrochen. Alle Islambewegungen des 20. Jahrhunderts haben letztendlich versagt. Utopien eines wiederhergestellten Kalifats haben Gewalt und Terror über die muslimischen Kernländer gebracht. Muslime werden also nicht umhin kommen, ihre Traditionen und diversen Interpretationen der Religion kritisch zu hinterfragen. Manches wird beibehalten werden können, anderes nur selektiv fortgeführt oder vielleicht ganz verworfen werden. Die Geschlechterfrage werden wir Muslime wohl komplett neu denken müssen. Zumal in Deutschland viele Moscheen einzig durch die ehrenamtliche Arbeit von Frauen am Leben gehalten werden und immer mehr Musliminnen in den Verbänden in Spitzenpositionen drängen.

Gingen Muslime einzig von der Offenbarungsurkunde aus, so wären sie nicht schlecht aufgestellt. Weder kennt der Koran einen Sündenfall ausgelöst durch die Frau, noch einen Fluch Gottes, der die Herrschaft des Mannes über die Frau erklärt. Die Frau als Verführerin ist ebenso wenig ein Topos des Korans. Und weibliche Imame gab es bereits zu Lebzeiten des Propheten. Von ihm selbst ernannt, allerdings nur für den privaten Raum.1 Eine Konzession an die patriarchalische Gesellschaft des 7. Jahrhunderts. Aber was hindert uns daran das, was damals nicht zur Gänze möglich war, heute zu verwirklichen? Ist das nun ein zeitgemäßes oder liberales Islamverständnis? Keines von beiden. Um einen Satz katholischer Reformer aufzugreifen: Es gilt die Lehre zu bewahren und zugleich die benachteiligten und verwundeten Menschen zu begleiten.

  1. Umm Waraqa, die den Qur’an auswendig gelernt hatte, wurde vom Propheten angewiesen, dass sie die Leute ihres Hauses (im Gebet) leiten solle, und sie hatte einen Gebetsrufer und leitete die Leute ihres Hauses (im Gebet). (Ahmad)   []
Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

9 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. meipse sagt:

    Im Koran heißt es: „O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn, Der euch aus einem einzigen beseelten Lebewesen (nafs) geschaffen hat, aus ihm sein Partnerwesen (zaudsch) geschaffen hat und aus beiden viele Männer und Frauen sich vermehren ließ.“ (4:1)
    Aus der koranischen Darstellung geht im Gegensatz zur Bibel nicht hervor, daß der erste Mensch ein Mann gewesen ist und erst danach seine Frau geschaffen wurde. Das Wort nafs (Wesen, Seele) ist grammatisch feminin, bezeichnet aber kein bestimmtes Geschlecht. Das Wort zaudsch, das hier mit Partnerwesen übersetzt wurde, ist grammatisch maskulin, bezeichnet aber ebenso wenig ein bestimmtes Geschlecht. Ginge man nach der Grammatik, hätte Gott also sogar erst ein weibliches und danach ein männliches Wesen erschaffen, aber das ist hier gar nicht die Frage um die es geht. Für den Koran ist es schlicht egal, ob zuerst der Mann oder die Frau da war, denn der Mensch ist von vorneherein als Paar angelegt.
    An anderer Stelle im Koran (53:54 u. 75:39) wird hervorgehoben, daß die beiden Teile (Partnerwesen) eines solchen sich ergänzenden Paares männlich und weiblich sind, nicht jedoch männlich und männlich oder weiblich und weiblich, woraus sich verstehen läßt, daß im Islam keine „Homo-Ehe“ zulässig ist.
    Erstaunlicherweise gibt es in China schon seit langer Zeit Imaminnen, also weibliche Vorbeterinnen, jedoch in nur für Frauen vorbehaltenen Moscheen. Insbesondere im Gemeinschaftsgebet kann nicht auf die Geschlechtertrennung verzichtet werden, da es hier in den dicht geschlossenen Reihen der Betenden zu körperlichem Kontakt der Betenden kommt und die Hinteren den Vorderen während der Ausführung bestimmter Bewegungen aus nächster Nähe auf ihre Hinterteile blicken, weswegen der Prophet Muhammad – Friede sei auf ihm – anordnete, daß die Frauen ihre Reihen in einem gewissen Abstand hinter denjenigen der Männer bilden sollen – während alle einem (männlichen) Vorbeter folgen. Während des Gebets soll sich der Betende auf sein Gebet, sein Gespräch mit Gott konzentrieren, sein Herz auf Ihn ausrichten und nicht durch weibliche Reize davon abgelenkt werden. Daher ist ein Gebet, in dem Männer und Frauen gemischt in den Reihen stehen, auf jeden Fall abzulehnen.
    Ansonsten bleibt die Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit grundsätzlich darauf beschränkt, daß einer fremde Männer und Frauen sich nicht gegenseitig anstarren und nicht unmittelbar in körperliche Berührung kommen sollen (wozu auch ein Händedruck gehört).

  2. Manuel sagt:

    @meipse

    Es ist ziemlich egal, was im Koran drin steht, denn am Ende macht jeder Muslim so ziemlich das was er für richtig und angemessen hält. Die meisten Muslime interessieren sich nicht die Bohne für die Grammatik im Koran.

    Wenn ich mir die Kleidervorschriften für muslimische Frauen anschaue, dann kann ich nicht verstehen, wie man unter so viel Stoff einen männlichen von einem weiblichen Hintern unterscheiden kann. Es wird ja wohl kaum eine Muslima im Minirock in einer Moschee beten!?
    Warum man eine Frau nicht berühren darf, stellt für mich auch ein Rätsel da. Was bedeutet, denn diese Berührung für Muslime? Ist das schon eine Art Sex oder sexuelle Fantasie? Ist das nicht eigentlich ein extrem kindisches Verhalten und für unsere europäischen Traditionen extrem unmanierlich?

    Von einer modernen Religion verlange ich solche Dogmen ernsthaft in Frage zu stellen. Wenn dies nicht möglich ist, dann muss der Islam sich ernste Vorwürfe machen lassen.

  3. K. El-Qasem sagt:

    Als Anregung sind die im Artikel geäußerten Gedanken sicher interessant, aber sie werfen einiges durcheinander oder lassen Anderes unbeachtet. Wenn wir die Rolle der Mutter und HAusfrau betrachten, dann müssen wir feststellen, dass diese in den uns bekannten nichtmuslimischen Gesellschaften auch kaum Ansehen genießt bzw. als minderwertug gesehen wird. Den Grund dafür im ISlam zu suchen, erübrigt sich in diesen Fällen. Doch auch hier finden wir eine naturalisierende Argumentation, die ganz ohne Islam auskommt. Die skizzierte ENtwicklung, die der Moderne zuzurechnen ist, spricht vielmehr für einen Import eines Frauenbildes im Rahmen kolonialistischer Prozesse: Die Sicht auf Frauen als „unbeherrscht, sinnlich, hemmungslos und als Verführerin“ entarnt schon Edward Said als eine Projektion aus dem Konstrukt des Orientalismus. Ebenso wie die Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Raum in Europa schon lange gängige Praxis war, bevor sie in muslimischen Ländern Einzug erhielt. Nicht dass es dadurch besser würde, aber was eigentlich zu beklagen ist, ist doch, dass Muslim_innen nicht in der Lage sind von diesen Fremdzuweisungen frei zu machen, und diese im Gegenteil ihre eigene Argumentation durchdringen. Diskursiv betrachtet lässt sich das erklären, falsch wäre es, dabei zu bleiben. Die ideologische Mechanismus, der hier bedient wird, der eines Othering, ist dabei weniger ein muslimischer oder in den Lehren des Islam verhafteter, eher ein diesen Fremder, bildet aber in modernen Ideologien doch das Paradigma schlechthin. Muslim_innen täte daher eine Besinnung auf ihre Konzeption der Welt ganz gut, um aus dieser heraus eigene Standpunkte zu entwickeln.

  4. Antoinette de Boer sagt:

    Mich interessiert das Zusammenleben zwischen Migranten und „Bio-deutschen“ schon sehr lange,besonders unter dem Aspekt,wie können wir uns insgesamt besser kennen-und verstehen lernen.Mein Eindruck ist der,dass die Muslime gerne in ihrer eigenen „Blase“ bleiben möchten,was sicher ganz unterschiedliche Gründe hat und zum Teil auch verständlich ist.Aber es bringt uns als Gesellschaft nicht weiter.Ich finde das Gedankengut von z.B.Muhammad Sameer Murtaza sehr inspirierent und wünschte mir,dass mehr interreligiöse Kontakte stattfinden könnten ,o h n e Hintergedanken ! Jeder sollte in seinem Glauben und seiner Lebensphilosophie frei sein und respektiert werden,solange es ein friedliches Zusammenleben ermöglicht.Auf diesem Wege könnten sich auch Mann und Frau auf Augenhöhe begegnen,was doch selbstverständlich sein solllte.

  5. Antoinette de Boer sagt:

    Warum dürfen die Männer in der Moschee immer in dem,oft schönen Hauptraum beten und die Frauen müssen sich während des Betens in einen oft schmucklosen Nebenraum begeben ? Ich empfinde das ziemlich entwürdigend. Ich kann in gewisserweise verstehen,dass die Form und Enge während des Gebetes eine Durchmischung der Geschlechter nicht wünschenswert erscheinen lässt,weil sich vielleicht fremder ungewollter Körperkontakt ergeben könnte,oder eine unangenehme Sicht auf Hinterteile. ABER: Man könnte sich doch durchaus vorstellen,dass der Hauptraum in der Moschee in 2 Abteilungen ,eine männliche und eine weibliche Abteilung unterteilt wird,sodass eine Gleichwertigkeit unter den Geschlechtern möglich ist .W a r u m geht das n i c h t ?

  6. posteo sagt:

    Antoinette de Boer sagt: Man könnte sich doch durchaus vorstellen,dass der Hauptraum in der Moschee in 2 Abteilungen ,eine männliche und eine weibliche Abteilung unterteilt wird,sodass eine Gleichwertigkeit unter den Geschlechtern möglich ist .W a r u m geht das n i c h t ?
    ———————————————————————————
    In vielen Kirchen war es bis in die jüngste Zeit üblich, dass Männer und Frauen separat in den durch den Mittelgang getrennten Bankreihen saßen. So könnten beide Geschlechter auch den großen Gebetssaal nutzen, indem nebeneinander befindliche Blöcke bilden.

  7. Müllerin sagt:

    Antoinette de Boer sagt: Man könnte sich doch durchaus vorstellen,dass der Hauptraum in der Moschee in 2 Abteilungen ,eine männliche und eine weibliche Abteilung unterteilt wird,sodass eine Gleichwertigkeit unter den Geschlechtern möglich ist .W a r u m geht das n i c h t ?
    _________________________________________________________

    Weil es in der Regel von den Männern nicht gewünscht wird. Diese sind es letztlich, die den Islam für sich definieren.

  8. Otto W sagt:

    Man könnte den Hauptraum auch wöchentlich abwechselnd nutzen. Lösungen gäbe es viele, es fehlt halt nur der Wille…
    Überkommene Traditionen sind abzuschaffen, den örtlichen und zeitlichen Maßstäben anzupassen und zu überdenken.

  9. Mandi sagt:

    Und Frauen wie meipse finden diese Diskriminierung der Frau auch noch cool. Unglaublich.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...