Debatte

Der Islam braucht mehr Weiblichkeit

Eine Zwei-Sekunden-Rolle in einem Werbespot reichten schon, um die muslimischen Gemüter zu erhitzen. Die Londoner Muslimin Mariah Idrissi hatte als erste Frau mit Kopftuch in einem H&M Werbefilm gespielt. Diese Aufregung führt zu einer Kernfrage: Können Muslime Freiheit? Von Muhammad Sameer Murtaza

Als Anfang Oktober bekannt wurde, dass die kopftuchtragende Londoner Muslimin Mariah Idrissi für zwei Sekunden in einem Werbespot für das Modeunternehmen H&M auftritt, glühten die sozialen Netzwerke. Unzählige Muslime, genauer: Männer, fühlten sich herausgefordert, ungefragt das Verhalten ihrer Glaubensschwester zu beurteilen. Da lass man dann Sätze wie: „Schämen sollte sie sich“, „Sie beschmutzt alle muslimischen Frauen“, „Sie ist eine Schande für den Islam.“

Das Ganze mag auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, aber auf den Zweiten führt es zu einer der Kernfragen für eine Religionsgemeinschaft, die gegenwärtige ihre größte Krise erlebt: Können Muslime Freiheit? Können sie einander in selbstbestimmten Lebenswegen tolerieren und sich dennoch als Gemeinschaft verstehen? Können sie sich gegenseitig einen Raum der Privatsphäre gewähren? Einen Schutzraum vor Einmischungen durch religiöse Autoritäten und neugierigen herrschsüchtigen Glaubensgeschwister? Ohne das Klischee von der unterdrückten muslimischen Frau bedienen zu wollen, so muss doch attestiert werden, dass man in der muslimischen Gemeinschaft dazu tendiert, Frauen nicht als einzigartige selbstbestimmte Individuen wahrzunehmen, sondern als regulierungsbedürftige Objekte.

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Neben kulturell bedingten patriarchalischen Vorstellungen sind viele Rollenzuschreibungen eng verknüpft mit der Erfolgsgeschichte des ideologischen Islams im 20. Jahrhundert. Ideologen wie Hasan Al-Banna, Sayyid Qutb, Zainab Al-Ghazali oder Abul A’la Maududi lehrten zwar die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, lehnten jedoch die Gleichberechtigung aufgrund biologischer Unterschiede ab. Al-Banna predigte, es gäbe eine separaten Männer- und eine separaten Frauengesellschaft. Beide sollten rigorose voneinander getrennt sein. Im Streben nach der Restauration politischer Macht in der muslimischen Welt, sollte die fromme Muslimin ihren Beitrag als Ehefrau, Hausfrau und Mutter leisten.

Psychologisch geschickt verpackte man diese Zwangsschablone in schmeichelnde Worte. Die Frau sei in dieser Rolle Königin, Herrin und Lenkerin ihres Hauses und ihres Ehemannes. Zudem sei sie die Lehrerin einer künftigen muslimischen Elite. Jede Frau aber, die einen anderen Lebensweg einschlage, würde die Wiedergeburt der islamischen Zivilisation gefährden. Damit war das schlechte Gewissen perfide für die politische Strategie instrumentalisiert.

Und doch nimmt die Rolle des Mannes als Ernährer und Verteidiger der Familie stets einen höheren Stellenwert im gesellschaftlichen Bewusstsein ein, als die Rolle einer Ehe- und Hausfrau. Somit führte ein solches aufgezwungene Frauenbild konsequent zu einer Abwertung derselben im männlichen Denken. Unter der Vorgabe, dass der Mann in der Gesellschaft partizipieren darf und somit zum Herrschen befähigt ist, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Frau dem Mann physisch wie geistig unterlegen und ihre Rolle als Hausfrau und Mutter letztendlich minderwertig ist.

Die ideologische Rollenzuschreibung hatte natürlich eine weitere Funktion, sollten doch Frauen aus dem öffentlichen Raum weitestgehend verdrängt werden. Misstrauisch beäugten die Ideologen das Vordringen der Frauen in männliche Domänen, unterstützt durch die progressive Islamauslegung des Philosophen Jamal Al-Din Al-Afghani und des Muftis von Ägypten Muhammad Abduh. Machtverlustängste taten sich auf, da der Ruf nach Emanzipation die männliche Annahme von der eigenen natürlichen und für selbstverständlich angenommenen Überlegenheit in Frage stellte.

Gesellschaftliche Unruhen würde es auslösen, wenn Männer und Frauen partnerschaftlich in der Gesellschaft zusammenwirken würden. Als unbeherrscht, sinnlich, hemmungslos und als Verführerin wurden Frauen stigmatisiert. Ein solches Denken ist nicht weit davon entfernt, die Frau gänzlich zu verhüllen, damit sie gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Verwundert es da, dass Wahhabiten hierzulande Musliminnen suggerieren, nur eine Frau, die Burka trage, sei eine freie Frau? Sollte es nicht nachdenklich stimmen, wenn man hierzulande immer öfters auf muslimische Onlineshops stößt, die den Gesichtsschleier als authentisches islamisches Kleidungsstück verkaufen? Abduhs Schüler, der ägyptische Jurist und Feminist Qasim Amin, verurteilte dieses Denken als entartet. Wie könne es sein, dass muslimische Männern ihren Müttern, Ehefrauen und Töchtern unterstellen, sich nicht beherrschen zu können und ihnen das schlimmste zutrauen, statt ihnen Vertrauen zu schenken?

Im Grunde lässt sich hinter all dem ein erschreckender Mechanismus erkennen, schließlich übertrugen herrschende Mehrheitsgruppen biologische Argumente in der Vergangenheit gerne auf Minderheiten, seien es Afro-Amerikaner, Menschen jüdischen Glaubens, oder aktuell, ausgelöst durch Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab, auf Menschen muslimischen Glaubens, um diese am gesellschaftlichen Aufstieg und Partizipation zu behindern. Stets verhindern angebliche biologisch determinierte Unzulänglichkeiten die volle Gleichberechtigung. Der faschistisch-autoritäre Charakter der im 20. Jahrhundert aufgekommenen islamisch-ideologisch Bewegungen kommt nicht umhin, Verschiedenheit mit Ungleichheit zu verwechseln. Wo immer er Unterschiede wahrnimmt, muss er nach der darin enthaltenen Unter- oder Überlegenheit suchen.

Damit übt der ideologisch verbrämte Islam eine strukturelle religiöse Gewalt gegen Frauen aus, die sich aus alltäglichen Wertvorstellungen und Normen speist, die Frauen physisch und psychisch verletzen und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung schädigen.

Was lässt den Menschen in der Welt gelingen? Es ist die Freiheit, so der Philosoph Muhammad Iqbal. Wenn es Muslimen nicht gelingt im Kleinen, zwischen den Geschlechtern, Gleichberechtigung zu zulassen, dann werden sie auch weiterhin im Großen scheitern. So bleiben Muslime im Strudel autoritärer Islamentwürfe gefangen.

Der bedauerlicherweise in Vergessenheit geratene Gelehrte Abdoldjavad Falaturi, der in den 1970er und 1980er Jahren Professor für Islamwissenschaft an der Universität Köln war, machte in der Geschlechterdebatte einen bemerkenswerten Einwurf. Er stellte fest, dass das arabische Wort für Barmherzigkeit (raḥma), das zentral für das muslimische Denken von Gott ist, zugleich verwandt ist mit dem arabischen Wort für Mutterleib (raḥim). „Das Gott-Mensch-Verhältnis bekommt somit im Islam mütterliche, also weibliche Züge“, schrieb Falaturi. So lasse sich eine Analogie ziehen, also eine Ähnlichkeit bei noch größerer Unähnlichkeit, zwischen der göttlichen Barmherzigkeit und dem Schöpfungsakt auf der einen Seite und auf der anderen Seite zur Nächstenliebe und der Fähigkeit der Frau zu Gebären. Männern bleibe diese Tiefeneinsicht auf ewig verborgen. Sie sind somit unabdingbar auf die Tiefenerfahrung des Weiblichen in ihrer Analogie zur göttlichen Barmherzigkeit angewiesen. Der nicht zu leugnende Geschlechterunterschied wird bei Falaturi als Bereicherung verstanden. Muslimische Frauen haben demnach ihrer Religionsgemeinschaft sehr vieles und sehr gewichtiges zu sagen. Daran gehindert werden sie jedoch durch überholte Rollenzuschreibungen.

Es braucht also Stimmen, die selbstkritisch auf die strukturelle Gewalt unter Muslimen hinweisen. Debatten, die Machotum und Sexismus in der eigenen Gemeinschaft anprangern. Diskussionen, weshalb bei muslimischen Veranstaltungen Männer und Frauen strikt voneinander getrennt werden und diese Trennung nicht einmal vor Ehepartnern Halt macht. Und selbstverständlich sind wir als Gemeinde insgesamt auf weibliche Gelehrtinnen und deren Koraninerpretationen angewiesen. Damit diese Gehör finden, braucht es mutige Verbandsvorsitzende und Moscheevorstände, die über den Tag hinaus denken können und behutsam, Schritt für Schritt, Gelehrtinnen Raum in den Moscheen geben.

Was revolutionär klingen mag, ist eigentlich nur nüchterner Pragmatismus. Die klassischen muslimischen Strukturen sind zusammengebrochen. Alle Islambewegungen des 20. Jahrhunderts haben letztendlich versagt. Utopien eines wiederhergestellten Kalifats haben Gewalt und Terror über die muslimischen Kernländer gebracht. Muslime werden also nicht umhin kommen, ihre Traditionen und diversen Interpretationen der Religion kritisch zu hinterfragen. Manches wird beibehalten werden können, anderes nur selektiv fortgeführt oder vielleicht ganz verworfen werden. Die Geschlechterfrage werden wir Muslime wohl komplett neu denken müssen. Zumal in Deutschland viele Moscheen einzig durch die ehrenamtliche Arbeit von Frauen am Leben gehalten werden und immer mehr Musliminnen in den Verbänden in Spitzenpositionen drängen.

Gingen Muslime einzig von der Offenbarungsurkunde aus, so wären sie nicht schlecht aufgestellt. Weder kennt der Koran einen Sündenfall ausgelöst durch die Frau, noch einen Fluch Gottes, der die Herrschaft des Mannes über die Frau erklärt. Die Frau als Verführerin ist ebenso wenig ein Topos des Korans. Und weibliche Imame gab es bereits zu Lebzeiten des Propheten. Von ihm selbst ernannt, allerdings nur für den privaten Raum. 1 [3] Eine Konzession an die patriarchalische Gesellschaft des 7. Jahrhunderts. Aber was hindert uns daran das, was damals nicht zur Gänze möglich war, heute zu verwirklichen? Ist das nun ein zeitgemäßes oder liberales Islamverständnis? Keines von beiden. Um einen Satz katholischer Reformer aufzugreifen: Es gilt die Lehre zu bewahren und zugleich die benachteiligten und verwundeten Menschen zu begleiten.

  1. Umm Waraqa, die den Qur’an auswendig gelernt hatte, wurde vom Propheten angewiesen, dass sie die Leute ihres Hauses (im Gebet) leiten solle, und sie hatte einen Gebetsrufer und leitete die Leute ihres Hauses (im Gebet). (Ahmad)