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Umpacken im Kopf: Ein Aufruf zu Vorurteilen

Die S²-Klasse des Kabarett, Serdar Somuncu, packt sein Hassias-Programm ein, während Fahri Yardım umparkt und Mercedes und BMW uns noch eine In-Memoriam-Gastarbeiter-Kampagne schulden und unbedingt auf die vakanten Migrantenkonten einzahlen sollten.

VONMarcello Buzzanca

 Umpacken im Kopf: Ein Aufruf zu Vorurteilen
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes Buch: „Periodischer Patriotismus: Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erschien Ende Mai 2013 im Verlag Sibylla Wegener“

DATUM31. März 2014

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Als ich das erste Mal die Opel-Kampagne „Umparken im Kopf“ sah, war ich irritiert: Eigentlich müsste es doch Umparken AUF dem Kopf heißen, betrachtet man Jürgen Klopp und seine Haarimplantate auf dem Haupt. Schließlich wächst ja so einiges in einem Park und anderswo gedeihen Vorurteile.

Die hat einer der UIK-Charaktere bestens be- und widerlegt: Fahri Yardım. In einem autoraritären Interview zum selbigen Thema sagt er Sätze wie „Von außen türkisiert“ und spricht darüber, wie er zwischen Widerstand, Trotz und Annahme hart haftender Vorurteile zu seinem Selbstverständnis kam – und das liegt irgendwo zwischen der Erkenntnis, dass die Vorurteile auch in ihm selbst liegen und dem Interesse an einem Land, in dem seine Eltern (wie er sagt) auf die Welt gekämpft worden sind.

Nicht weit von all diesem entfernt, also von Kampf um Haare, Hodiensen und Herkunftshehlerei, ist der Hassias Serdar Somuncu. Ich persönlich bin zwar gefühlte 30 Stuhlreihen in Distanz zu ihm, kann mich aber dennoch sehr klar in ihm erkennen und stelle irgendwann fest, wie fies Somuncus Fallen sind.

Lachst du nämlich zu laut über seine gnadenlosen Sprüche, hat sich seine Prophezeiung erfüllt: Er teilt aus, weil du es dich nicht traust und du lachst darüber, während er leidet. Für dich und deine Feigheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Deshalb ist er ja auch der Hassias und ich gerne sein Jünger! Zumindest an diesem Abend.

Ihn bedrohen sie, damit wir auf Kosten von Minderheiten, Minaretten und Marschmusik lachen, brüllen und Beifall spenden können. Aber gut, dafür wird er ja schließlich auch (und nicht zu schlecht) bezahlt. Also ist Mitleid hier ebenso fehl am Platz, wie seine Haare absent sind. Präsente hingegen verteilt Somuncu während der Dämmerung seines gottlosen und geilen Programms (das er übrigens bald nicht mehr spielen wird) keine, dafür aber heftige Hiebe.

Während er sich inbrünstig über Michel Friedmann, verhüllte Frauen und bettelnde, musizierende Rumänen auslässt, zucke ich zusammen, weil ich darauf warte, dass er endlich Sinti-Sizer sagt. Tut er aber nicht. Warum sollte er auch. Sind doch meine Gedanken. Stattdessen setzt er sich am Ende des Abends ans Klavier und singt und spielt „Purple rain“ von Prince. Keine Ahnung, warum. Klingt aber gut.

Ob er weiß, welche Saat er da in den harten Boden der Jahrhunderthalle Höchst gelegt hat, frage ich mich auf dem Weg nach draußen? Ob es ihn interessiert? Ihn, dessen Initialen geradezu Programm sind für seine früheren „Mein-Kampf“-Lesungen? Er sagt, man müsse radikaler als die Radikalen sein, sodass diese am Ende zurückschrecken, sich angewidert abwenden und denken: Das ist jetzt aber echt zu krass!

Am Ende – so die Hoffnung – parken und packen auch sie vielleicht um. Ihre Koffer, Köpfe und konkreten Konspirationstheorien. Einfach, weil ihnen jemand zuvorgekommen, ihre Ideologien intensiviert, karikiert und kulminiert hat.

Und wenn man’s nicht besser und bestialischer sagen und besessener beschreiben kann, dann einfach mal die Kresse halten und das Radikale ins Fundamentale treten. Dann wird die Erde schön glatt und der Samen kann in Ruhe ersticken.

Apropos packen, parken, Vorurteile und authentische Autoritäraritäten: Ich bin der Meinung, dass Mercedes und BMW eine In-Memoriam-Gastarbeiter-Kampagne gut zu Gesicht stünde. Einfach aus Dankbarkeit.

Denn ich vermute (konkrete Zahlen liegen mir noch nicht vor), dass beide Autohersteller ihren Wachstum nicht zuletzt auch dem Prestigedenken vieler vakanten Migrantenkonten verdanken. Denn wer was auf sich hielt, fuhr im Sommer mit einem deutschen Auto ins heimatliche Dorf ein. 190 E, 3er und 5er. Das waren die wahren Glückszahlen, um in Sachen Anerkennung den sprichwörtlichen 6er zu ziehen.

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