MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Österreichische Befindlichkeiten

Stell dir vor man feiert Faschismus und niemand schaut hin

Jahr für Jahr finden in der Gegend um Bleiburg/Pliberk in Kärnten Gedenkveranstaltungen statt, bei denen die Symboliken der faschistischen Ustaša-Milizen das Bild beherrschen. Die österreichischen Behörden tolerieren dies, und auch die Medien finden keinen Anlass zur Berichterstattung.

VONHelga Suleiman

Die Autorin schreibt aus dem Nachbarland für das MiGAZIN. Sie publizierte über Integrationspolitiken, u.a. Musliminnen in der Arbeitswelt. Über den Aufbau einer Migrantinnen-Selbstorganisation war sie in der Jugendarbeit, in der antirassistischen Beratung und internationalen Lernwerkstätten tätig. Sie arbeitet als Bildungsberaterin und ist in der Friedensbewegung aktiv. Geschichtestudium.

DATUM4. Juni 2013

KOMMENTARE3

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Es war ein deutsches Medium, die Frankfurter Rundschau – kein Blatt, das sich ansonsten regionalen Vorgängen in Österreich widmet – das am 14.3.2013 eine Recherche von Danijel Majic veröffentlichte. Möglichweise war man auf das Spektakel aufmerksam geworden, weil ein verfassungsschutzbekannter Jungfaschist aus Stuttgart mit einigen Gleichgesinnten angereist war. Der Mann mit Namen Tolić wirbt im Web unumwunden für die kroatische rechtsradikale A-HSP, einen Ableger der HSP, jener „Partei des Rechts“, deren militanter Flügel in den 1930iger Jahren die faschistische Ustaša-Bewegung organisierte.

Auf der Internetseite Tolićs stieß der Autor auf typisch rechtsextreme Stereotype, wie das von der Verschwörung der Freimaurer und dem Weltjudentum, welche die Ausrottung der weißen Rasse planten. Auf der Veranstaltung um Bleiburg, im kleinen Ort Loibach/Libuče sind Hitlergrüße nicht selten. Doch Verletzungen des Verbotsgesetzes wollen die Behörden in Kärnten nicht gesehen haben, so ihr Statement aus dem Jahr 2010 an das Wiener multiethnische Magazin biber – dem einzigen inländischen Medium, das dieses Ereignis einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte.

Doch wie kommt es dazu, dass sich der kroatische Faschismus in Österreich derartig offen feiern darf?

Der Anlass ist traurig: Zwischen zehntausend und 100 000 Menschen sind in den Kriegstagen des Mai 1945 im Grenzgebiet zwischen Kärnten und Slowenien umgekommen. Zahlen und Umstände sind nach wie vor umstritten. Nach der Kapitulation des kroatischen Vasallenstaats flohen Ustaša und andere Verbände, die mit der deutschen Wehrmacht kollaboriert hatten vor der vorrückenden jugoslawischen Volksbefreiungsarmee. Das Ziel der 45-65 Kilometer langen Kolonne, unter ihnen auch ZivilistInnen, war Österreich. Dort erhofften sich die Flüchtlinge eine Aufnahme durch die britische Besatzungsmacht. Die jedoch übergab die bis dahin Überlebenden – gemäß dem zuvor getroffenen Abkommen mit Marschall Tito –an die jugoslawische Volksarmee. Um das Bleiburger Feld kam es zu Exekutionen und Hinrichtungen, sogenannte Todesmärsche sind überliefert, zahlreiche Massengräber wurden gefunden.

Nach wie vor gibt es Diskussionen um den historischen Ablauf der Geschehnisse im Jahr 1945, für die auch die britische Besatzungsmacht Verantwortung trägt, weil sie die Aufnahme der Flüchtlinge verweigert hat.

In den vergangenen Jahren haben kroatische Regierungsvertreter von nationalistischer bis hin zu sozialdemokratischer Gesinnung den Gedenkfeierlichkeiten beigewohnt. Dies mutet merkwürdig an, zumal Gedankengut und Symbole der Ustaša in Kroatien verboten sind und als Wiederbetätigung gelten. Erst 2012 hatte das Parlament in Zagreb die Schirmherrschaft aufgekündigt mit dem Argument, dass man kein „Happening“ unterstützen wolle, auf dem faschistische Symbole gezeigt und Verbrechen der Ustaša relativiert würden.

Der Erzbischof von Split, Marin Barišić, sah keinen Anlass, sich dem Parlamentsbeschluss anzuschließen. Er führte die diesjährige Gedenk-Prozession in Loibach/Libuče an. Schaurig, denn zahlreiche katholische Geistliche hatten das Ustaša Regime und dessen Politik der ethnischen Säuberungen aktiv mitgetragen. Alojzije Stepinac, der damalige Erzbischof von Zagreb, ist eine umstrittene Figur. Der von Papst Johannes Paul II. 1998 selig Gesprochene hatte die faschistische Diktatur von Anfang an begrüßt und die Ustaša zwar in den Mitteln, aber niemals in ihren Zielen kritisiert.

Solch ein Ziel war „die Wiederherstellung des freien und unabhängigen kroatischen Staates auf dem gesamten historischen und ethnisch geschlossenen Gebiet des kroatischen Volkes.

Die vom Ustaša-Staat nach Vorbild des Dritten Reiches erlassenen Rassengesetze waren Grundlage für die brutale Ermordung von Angehörigen der serbischen, jüdischen und Roma-Sinti Bevölkerungsgruppen sowie AntifaschistInnen im KZ Jasenovac, dem größten Vernichtungslager in Südosteuropa.

Doch wie will man dem Erzbischof von Split vorhalten, an diese Verbrechen bei seiner Ansprache in Loibach/Libuče nicht zu erinnern, wurde doch der Ultranationalist und Ustaša -Verehrer Franjo Tuđman von Teilen der österreichischen Staatsträgerschaft geradezu hofiert. Es spielte keine Rolle, dass der seine rassistischen Ansichten über bosnische Moslems, Juden und Roma offen kundtat. Er bediente die Kulturkampfargumentation, wonach das katholische Kroatien die kulturelle Wasserscheide sei, die den Westen vom orthodoxen und muslimischen Balkan trenne; – das ist erst weniger als 25 Jahre her.

Buchtipp zum Thema: Hannes Hofbauer (Hg.): Balkankrieg: Zehn Jahre Zerstörung Jugoslawiens, Edition Brennpunkt Osteuropa. Gänzlich umgearbeitete und erweiterte Auflage. Promedia-Verlag

Bereits 1991 besuchte der frisch gewählte kroatische Präsident Wien. Das kam einer symbolischen Anerkennung des angestrebten kroatischen Staates gleich. Dahinter standen die schon jahrelang besonders durch den damaligen ÖVP-Außenminister Mock vorangegangenen Bestrebungen zur Unterstützung der kroatischen und slowenischen Separationsbewegungen. Wirtschaftliche Interessen waren der eigentliche Antrieb. Mit dem Generalsekretär der Industriellenvereinigung wurde der Ausbau der Phyrnautobahn an die Adria verhandelt.

Und auch Deutschland unter Helmut Kohl hatte es eilig mit der Anerkennung. Seit den 70iger Jahren gab es Kontakte des BND zu Franjo Tuđman. Prompt waren es Kohl und Genscher, die gegen den Willen anderer EU-Länder gemeinsam mit Österreich die Anerkennung forcierten.

Die EU hingegen zögerte den kroatischen Beitritt bis nunmehr 1. Juli 2013 hinaus; – war der kroatische Nationalismus als Kriegsmotor lange gut, wollte man in friedlicheren Zeiten nichts mehr von ihm wissen. Im labilen EU-Gefüge hätte er Destabilisierungstendenzen verstärken können.

Und auch erst nach der Ära Tuđman, in der versucht worden war, die Geschichte Kroatiens vom Kommunismus zu reinigen, kam es zu einer neuerlichen Revision des Geschichtsbilds.

Seitdem erfahren Traditionen des Gedenkens an den antifaschistischen Kampf ein Wiederaufleben. So wurde in Novigrad/Cittanova am 1.3.2013 dem 68. Jahrestag der Ermordung von Irma Benčić gedacht. Die junge Partisanin wurde gegen Kriegsende von deutschen Soldaten erschossen. Antifaschistische Verbände fordern die Wiederumbenennung der lokalen Volkschule auf ihren Namen.

Auch für Bleiburg/Pliberk ist das Ringen um historische Fakten und Interpretation der Geschehnisse nicht abgeschlossen.

Wenn allerdings das kroatische Parlament die Schirmherrschaft für die Gedenkfeier mit Hinweis auf die Ustaša -Verherrlichung verweigert, fragt sich, warum das österreichische Parlament ihm in dieser Argumentation nicht folgt und die Ustaša-Aufmärsche untersagt. Befürchtet man denn, dass die österreichische Rolle im Jugoslawienkrieg ins nähere Blickfeld rückt? Dass diese Rolle als Anstifterin der Fronten und als Unterstützerin eines rassistischen und antisemitischen Kriegsverbrechers Franjo Tuđman Schwierigkeiten mit sich bringen könnte? Als mitverantwortlich für Krieg und Terror mag man nicht dastehen.

So ist es nur folgerichtig, dass gerne weggeschaut wird, wenn Ustaša-Fans mit erhobenem rechtem Arm in Bleiburg/Pliberk aufmarschieren und faschistische Parolen brüllen.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Balkan sagt:

    Über die Verehrung von Alojzije Stepinac in Wien habe ich mich ebenfalls gewundert. Das hier ist ein Photo aus dem Wiener Stephansdom wo diesem […] gedacht wird

    http://sphotos-e.ak.fbcdn.net/hphotos-ak-frc1/197600_1011629741409_8573_n.jpg

  2. Djingo sagt:

    Ex-Präsident Tudjman ein Ultranationalist, Kriegsverbrecher und Ustascha Verehrer?
    Seit den 70er Jahren hatte der BND Kontakt mit ihm?
    Er ist rassistisch und Antisemit? Rassistische Ansichten gegenüber Moslems?

    puhhh… heftige Anschuldigungen..
    War Tudjman nicht selbst Partisan und kämpfte gegen das Ustascha Regime, Tito´s jüngster General, Präsident von Partizan Belgrad (dem Armee Fußballverein) ?

  3. Djingo sagt:

    war es nicht der Staat Kroatien der während des Krieges in Bosnien-Herzegowina bosnisch-herzegowinische muslimische Kriegsflüchtlinge aufnahm? Das muslimische Regime unter Alija Izetbegovic bekam alle Waffen und Nahrungsmittel über Kroatien. Ja, sogar die Mudjahedin Truppen aus den arabischen Ländern kamen über Zagreb in das von Izetbegovic verwalteten Gebieten in B&H.
    Auch wurde 1995 dank Kroatien ein Massaker wie in Srebrenica verhindert, als man die nordwest. muslimische Enklave Bihac von mehrjähriger serbischer Belgagerung befreite. (der damalige türkische Präsident Demirel bat Tudjman damals um ein Eingreifen).

    Allgemein ist Tudjman ein Kommunist, seinem Nachnamen zu urteilen vielleicht sogar JÜDISCHEN Ursprungs, der die Machtäusserungen des jugoslawischen Geheimdienstes (UDBA) nach Tito´s Tod erkannt hat und mit Ihnen stark zusammenarbeitete. (Später war der UDBA Chef Josip Manolic) unter Tudjman auch der Chef des kroat. Geheimdienstes.
    Falls also der BND enge Beziehungen führte, dann zum jugoslawischen Geheimdienst..
    Allgemein sollten Sie mal schauen wer Kroatien regiert. Kinder von Partisanen, Ex-Parteimitglieder.. (ok,bald wird das Brüssel tun)
    Eine Lustration erfolgte in Kroatien nicht.. anders wie z.B. in Polen..

    Zu Bleigburg:
    Hier sollten die Opfer in Vordergrund gestellt werden. Falls einzelne Personen mit faschistischen Symbolen dort auftauchen, dann ist dies die Aufgabe der österr. Polizei diesen einen Platzverweis zu geben (Anzeige nicht möglich, das die Ustascha Symbole in Österreich nicht verboten sind).
    Mich stört es ausserdem, dass in Ihrem Beitrag (kopiert von Herrn D. Majic, der anscheinend als Kroate große Symphatisien zum Sozialismus pflegt) gegen die katholische Kirche propagiert wird. In Bleiburg wird auch an zahlreiche muslimische Opfer gedacht, somit ist ein Iman für die musl. Gläubigen vor Ort.. erwähnt wird das nciht, da es nicht in die „Story“ passt? Oh man..

    Und wenn Sie über die Ustascha Bewegung schreiben, lassen Sie bitte die HSP aussen vor.. Dieser Partei gehörten vor dem 2. WK überwiegen Kroaten jüdischen Glaubens an!

    Ich bin generell gegen totalitäre Regime, sei es Faschismus oder Kommunismus. Wenn auf der einen Seite der Faschismus verurteilt wird,
    muss man auch die jährlichen Gedenkfeiern zu Tito und den heutigen „Tag des Antifaschismus“ verurteilen, da dort Symbole des ehemaligen sozialistischen Staates und Tito´s hochgelobt werden, obwohl dieses Regime unter dem „roten Stern“ zahlreiche Opfer und Vertreibungen verursachte.. Nicht zuletzt erinner ich Sie an die Stadt Vukovar 1991



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...