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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Studie über Muslime

Friedrich ist besorgt. Muslime aber auch!

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist besorgt – gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland sollen integrationsunwillig sein. Muslime sind ebenfalls besorgt – über die Art und Weise, wie ihr Bundesinnenminister das gedeihliche Zusammenleben torpediert.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist besorgt – laut Bild-Zeitung (nicht Studie!) lehnen „gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland“ Integration ab. Muslime sind ebenfalls besorgt – ihr Bundesinnenminister legt seiner Politik nicht etwa die Erkenntnisse seiner eigenen Studie zugrunde, sondern populistische Schlagzeilen aus dem Boulevard. Hätte Friedrich einen Blick in die Studie geworfen, wüsste er, dass die Ergebnisse der Studie „keinesfalls“ auf alle „in Deutschland lebenden Muslime hochgerechnet werden können“. So jedenfalls die Autoren der Studie ausdrücklich.

Muslime sind auch besorgt, weil Friedrichs Ministerium die Studie ausgerechnet der Bild-Zeitung exklusiv vorgelegt und so eine gesunde und ausgewogene Meinungsbildung der Öffentlichkeit verhindert. 24 Stunden vor der offiziellen Vorstellung der Studie hat das MiGAZIN beim Ministerium angerufen, die Studie angefordert und ein „Nein“ zu hören bekommen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Studie in der Bild-Redaktion längst auf dem Tisch. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bundesinnenminister der Bild-Zeitung auch schon ein Statement zur Studie abgegeben, das die Bild-Schlagzeile „Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren“ unterstreicht. Erst nach Veröffentlichung der Studie und Bekanntwerden der Inhalte rudert Friedrich zurück und stellt sich am Nachmittag der Presse. Er appelliert, den Fokus doch bitte nicht auf Einzelergebnisse zu legen, sondern auf das Gesamtbild. Und die sei durchaus positiv. Ein schwacher Trost für die Muslime, nachdem ihre vermeintliche Integrationsunwilligkeit wieder einmal und mit großer Unterstützung des Bundesinnenministeriums nahezu lückenlos verbreitet wurde.

Download: Die 760-Seiten-Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kann auf www.bmi.bund.de kostenlos heruntergeladen werden. Eine Analyse des Berliner Forscherteams HEYMAT zur Studie stellt das MiGAZIN zur Verfügung.

Muslime sind aber auch deswegen besorgt, weil ausgerechnet ihr Bundesinnenminister die lang ersehnte Ruhe, die Normalität, das Schweigen während der Gedenkfeier für die Neonazi-Opfer schon nach wenigen Tagen unterbrochen hat und über die Bild-Zeitung wieder Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremisten schüttet. So fördert er Antipathie entgegen jeder Vernunft. Die Autoren der Studie jedenfalls kommen zu dem Ergebnis, dass derartige Medienberichte Segregationstendenzen auf beiden Seiten fördern.

Muslime sind unterm Strich aber auch deswegen besorgt, weil ihr Bundesinnenminister wieder einmal unter Beweis gestellt hat, dass er weder in der Lage ist, Integration zu fördern noch weiß, wie das geht. Denn die Wissenschaftler haben auch herausgefunden, dass Diskussionen im Stile Sarrazins kontraproduktiv sind, lediglich dazu führen, dass Muslime sich ausgeschlossen fühlen und „mit einer noch stärkeren Abgrenzung von der Kultur der deutschen Mehrheitsgesellschaft“ reagieren.

Ist das gewollt, muss man den Hut nehmen. Friedrich hat‘s geschafft – wieder einmal.

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13 Kommentare
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  1. Mirakel sagt:

    Friedrich ist eben von der CSU. Der ist so sozialisiert worden. Der kann ja gar nicht anders.

    Herr Friedrich ist sozusagen nicht in den außer-bayerischen Politikbetrieb integrierbar. 🙂

    Über ihr „gedeihliches Zusammenleben“ kann man übrigens streiten.

  2. Horst Weihser sagt:

    Muslime sind in die westtliche Welt nicht integrierbar. Diese Studie beweist es wieder einmal!

  3. Migrantin sagt:

    Deutsche sind in die moderne Welt nicht integrierbar. Der Kommentar von Horst Weihser beweist dies wieder einmal!

  4. Anne sagt:

    @Horst Weihser: haben Sie die Studie gelesen oder nur die BILD-Zeitung?

  5. Alpay sagt:

    @Anne: Akzeptieren Sie bitte die Haltung und die Einstellung der Menschen die sich trauen hier was zu posten. Die Studie(n) und Statistik(en) sind egal, es geht nur noch um Bestätigung. Herr Weiher ist ein „Deutscher“ der sich Sorgen um „unseren“ Volkskörper macht. Und da muss ich ihm recht geben, es reicht nicht dem Dreisatz-Argument (die sind Nützlich und die nicht) zu entsprechen. Es läuft doch alles glatt in diesem Sinne: Wir zehren die Radikalen aus ihren dunklen Ecken und lassen Sie allabendlich aufeinander los. Und wir hier, wir können uns eine bunte Republik erdenken.

  6. TedBaxter sagt:

    Alpay: „Volkskörper“

    Nazi-Sprache vom Feinsten.

    Lieber Forenbetreiber, was haben solche Kommentare hier zu suchen? Auf so eine Meinungsfreiheit kann ich verzichten! Sowas ist keine Meinung mehr, sondern nur noch Dreck.

    Migranten kommen hierher um vielleicht Tröstung zu finden. Und dürfen sich dann solche Kommentare antun. Ich bitte Sie! Sie haben hier das Hausrecht, üben Sie es auch aus.

    Es ist widerlich genug, dass die rechtsradikalen Dorfdeppen dieser Nation alle möglichen Foren mit ihrem Dreck fluten, weil sie kein funktionierendes soziales Umfeld haben, das ihre bescheuerten Ansichten ernst nähme. Es muss doch nicht auch noch hier sein, oder? Richten Sie einen Hafen ein, wo Migranten ein wenig Trost erhalten, weil sie verstanden werden!

  7. Rechenratz sagt:

    das ist der Integrationswille, den wir so lieben:

    http://www.derwesten.de/staedte/hagen/hasper-moschee-verein-macht-beim-interkulturellen-familienfest-nicht-mit-id6412087.html

    Aber natürlich sind auch wir Deutsche hier Schuld, wir könnte ja schließlich Döner verkaufen.

  8. Alpay sagt:

    ach rechenratz, sie sind ja soooo nicht alleine: Sadegh Hedayat (1903-1951) gilt als Begründer der klassischen Moderne der iranischen Literatur, der nach neuen Ausdrucksformen für die Prosa suchte. In seinen Erzählungen übte er immer wieder Kritik am Islam und den sozialen Verhältnissen im Iran. 1951 setzte er in Paris seinem Leben durch Freitod ein Ende.
    Karawane Islam beschreibt in satirischer Weise einen Missionszug islamischer Prediger und Rechtsgelehrter nach Europa. Die Reise der Abordnung endet allerdings bereits in Berlin, von wo aus die Bekehrung Europas zum Islam beginnen sollte: nach nur zwei Tagen hat sich die Gruppe in völligem Chaos aufgelöst, der Missionszug ist gescheitert. Das dritte Kapitel, das zwei Jahre später in Paris spielt, bringt dann eine unerwartete Wende…
    Die Ablehnung autoritärer Strukturen und Ideologien weist Hedayat als Vertreter der iranischen Aufklärung aus. Ohne seine kulturelle Identität zu verleugnen, orientierte er sich an den Ideen der westlichen Welt, fest überzeugt, daß die Völker des islamischen Kulturkreises sich nur dann emanzipieren könnten, wenn sie die Ideale der Aufklärung aufnähmen. Als einen wesentlichen Faktor für die Rückständigkeit seiner Heimat sah er den Islam und die Macht des Klerus an, gegen die sich seine spitze Feder immer wieder richtete.“ ich hab das kopiert weil ich faul werde….

  9. Sinan A. sagt:

    Die Studie wirkt schon arg gestelzt. Die engstirnige Thematik, die ganze Sprache der Autoren („fremd, fremd, fremd“) wirkt wie bestellt und geliefert.
    Naika Foroutan hat schon genial festgestellt, das Wort Abitur kommt in den ganzen Werk nicht vor, obwohl doch Bildung ein Gradmesser sein sollte.

    Ich hab auch mal drüber geschaut. Anmerken könnte man vieles, z.Bs. bei den Interviews. Da wurden Gespräche geführt mit 6 Familien, die über migrantische Beratungsstellen vermittelt wurden. (Im Klartext: Pflegefälle) Die Autoren behaupten, es handele sich bei 4 von 6 um türkische Gastarbeiterfamilien. Und sie nennen die Interviewten konsequent erste, zweite und dritte Generation, um das zu untermauern. Gleichwohl brauchte man 3 Dolmetscher, um sich zu verständigen, zwei davon für arabisch (!)

    Das kauf ich den Autoren nicht ab. Die vermeiden es nämlich auffallend, dem Leser mitzuteilen, seit wann diese Familien in Deutschland sind, obwohl das ebenfalls ein Gradmesser für Integration sein sollte. Ganz sicher handelt es sich hier nicht um Gastarbeiterfamilien aus dem 1960ern, und ganz sicher saßen da nicht in erster, zweiter und dritter Generation in Deutschland lebende, sondern einfach Großeltern, Eltern und Kinder, die als Flüchtlinge hierher gekommen sind.

  10. BiKer sagt:

    @sinan

    du hast recht: der autor der studie in der sz:

    Zum einen sind das viele Menschen aus Nordafrika, Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak und dem Nahen Osten, die aus politischen Gründen hier sind und noch nicht sehr lange. Die haben noch starke Bindungen ins Herkunftsland, in das viele auch zurückkehren möchten.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/autor-der-studie-zu-muslimen-in-deutschland-sarrazin-fuehlt-sich-bestaetigt-das-ist-tragisch-1.1298747


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