Studie über Muslime

Friedrich ist besorgt. Muslime aber auch!

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist besorgt – gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland sollen integrationsunwillig sein. Muslime sind ebenfalls besorgt – über die Art und Weise, wie ihr Bundesinnenminister das gedeihliche Zusammenleben torpediert.

Von Freitag, 02.03.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 08.01.2020, 15:45 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist besorgt – laut Bild-Zeitung (nicht Studie!) lehnen „gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland“ Integration ab. Muslime sind ebenfalls besorgt – ihr Bundesinnenminister legt seiner Politik nicht etwa die Erkenntnisse seiner eigenen Studie zugrunde, sondern populistische Schlagzeilen aus dem Boulevard. Hätte Friedrich einen Blick in die Studie geworfen, wüsste er, dass die Ergebnisse der Studie „keinesfalls“ auf alle „in Deutschland lebenden Muslime hochgerechnet werden können“. So jedenfalls die Autoren der Studie ausdrücklich.

Muslime sind auch besorgt, weil Friedrichs Ministerium die Studie ausgerechnet der Bild-Zeitung exklusiv vorgelegt und so eine gesunde und ausgewogene Meinungsbildung der Öffentlichkeit verhindert. 24 Stunden vor der offiziellen Vorstellung der Studie hat das MiGAZIN beim Ministerium angerufen, die Studie angefordert und ein „Nein“ zu hören bekommen. Zu diesem Zeitpunkt lag die Studie in der Bild-Redaktion längst auf dem Tisch. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bundesinnenminister der Bild-Zeitung auch schon ein Statement zur Studie abgegeben, das die Bild-Schlagzeile „Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren“ unterstreicht. Erst nach Veröffentlichung der Studie und Bekanntwerden der Inhalte rudert Friedrich zurück und stellt sich am Nachmittag der Presse. Er appelliert, den Fokus doch bitte nicht auf Einzelergebnisse zu legen, sondern auf das Gesamtbild. Und die sei durchaus positiv. Ein schwacher Trost für die Muslime, nachdem ihre vermeintliche Integrationsunwilligkeit wieder einmal und mit großer Unterstützung des Bundesinnenministeriums nahezu lückenlos verbreitet wurde.

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Download: Die 760-Seiten-Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ kann auf www.bmi.bund.de kostenlos heruntergeladen werden. Eine Analyse des Berliner Forscherteams HEYMAT zur Studie stellt das MiGAZIN zur Verfügung.

Muslime sind aber auch deswegen besorgt, weil ausgerechnet ihr Bundesinnenminister die lang ersehnte Ruhe, die Normalität, das Schweigen während der Gedenkfeier für die Neonazi-Opfer schon nach wenigen Tagen unterbrochen hat und über die Bild-Zeitung wieder Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremisten schüttet. So fördert er Antipathie entgegen jeder Vernunft. Die Autoren der Studie jedenfalls kommen zu dem Ergebnis, dass derartige Medienberichte Segregationstendenzen auf beiden Seiten fördern.

Muslime sind unterm Strich aber auch deswegen besorgt, weil ihr Bundesinnenminister wieder einmal unter Beweis gestellt hat, dass er weder in der Lage ist, Integration zu fördern noch weiß, wie das geht. Denn die Wissenschaftler haben auch herausgefunden, dass Diskussionen im Stile Sarrazins kontraproduktiv sind, lediglich dazu führen, dass Muslime sich ausgeschlossen fühlen und „mit einer noch stärkeren Abgrenzung von der Kultur der deutschen Mehrheitsgesellschaft“ reagieren.

Ist das gewollt, muss man den Hut nehmen. Friedrich hat‘s geschafft – wieder einmal.

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  1. Optimist sagt:

    @ TedBaxter

    Stimme Ihnen voll zu, allerdings andersrum. Es gibt so viele offensichtliche rechts Gesinnte in diesem Forum, da macht es wenig Sinn auf die einzelnen Kommentare einzugehen, weil die Art der Vorwürfe so viele sind und zT komplexe Themen in einen Topf geworfen werden, daß man bei den meisten Statements gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll. Zudem ist die Sprache derart abfällig und erniedrigend, daß das auf der Gegenseite als pure Provokation ankommt.

    Solcherlei Beiträge verzerren die Diskussionen. Konstruktivität kann man auf diesem Niveau nicht erreichen. Das ist auch der Grund, warum ich persönlich kaum Stellung zu irgendwelchen Inhalten beziehe und mittlerweile selber auf dem selben Niveau konter. Ich hab einfach keine Lust mehr, sachlich zu argumentieren, wenn mir dann so ne neunmalkluge Pappnase meine Argumente einfach wegwischt und mir dann mit Vergleichen ankommt wie :“Ja, aber schaut mal, wie es in Arabien, Pakistan, Iran usw gehandhabt wird.“ (eins von vielen dämlichen Beispielen).

    Meinungsfreiheit schön und gut, ist aber hier eher destruktiv, wenn solche verblendeten Typen wie ein Suggubus, Rechenratz und Konsorten unbelehrbar nur ihre Vorurteile und Hasspredigten loswerden wollen.

    Das MiGAZIN hat seiner Leserschaft gegenüber eine Verantwortung, insbesondere solche Trolle mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und manch offensichtliche Absichten nicht noch zusätzlich zu unterstützen und eine Plattform zu bieten. Macht auf diese Weise echt keinen Spaß.

    Ich habe hier schon Dinge geäußert, die würde ich einem Deutschen in einem persönlichen Gespräch schon allein aus Höflichkeit niemals so ins Gesicht sagen, weil das zT extrem abwertend ist. Wenn man uns aber derart oberflächlich und vorurteilsbeladen wie hier ankommt, dann muss man sich auch nicht über unsere Antworten wundern.

    Wir sind keine Gäste mehr hier. Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft. Wir wollen in der 3. und zT 4. Generation die selben Rechte haben und als ein Teil dieser Gesellschaft akzeptiert werden. Wenn das nicht geschieht, ist es doch logisch, daß wir uns abwenden. Frei nach dem Motto: „Ich soll für alles der Sündenbock sein und für alles hinhalten? Wenn das sowieso das öffentliche Bild über uns ist, dann benehme ich mich auch so, dann ist es wenigstens berechtigt. Schlimmer kanns ja eh nicht mehr werden. Man hat uns ja schließlich sogar pseudowissenschaftlich geringere geistige Fähigkeiten bescheinigt.“. Dann ist ja alles in Butter, pure Trotzreaktion.

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