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Migration und Integration in Deutschland

Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Expertengremium:

Latenter Antisemitismus bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung

Jeder Fünfte in Deutschland weist nach Angaben eines Expertengremiums latenten Antisemitismus auf. Zugleich wurden im dritten Quartal 2011 insgesamt 194 antisemitische Straftaten registriert. Das teilt die Bundesregierung mit.

Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland weisen nach Angaben eines Expertengremiums latenten Antisemitismus auf. Diese Größenordnung gäben die vom „unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus“ ausgewerteten demoskopischen Untersuchungen übereinstimmend an, heißt es in einem als Unterrichtung durch die Bundesregierung vorliegenden Bericht des Gremiums zum Antisemitismus in Deutschland.

Darin wird „das rechtsextremistische Lager als nach wie vor wichtigsten Träger des Antisemitismus“ in der Bundesrepublik benannt. Dieser Befund werde „insbesondere durch die Tatsache unterstrichen, dass mehr als 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten durch Täter begangen werden, die dem rechten Spektrum zugeordnet werden“. Während der Antisemitismus im rechtsextremen Spektrum zum konstitituven Bestandteil der Ideologie und des Lagerzusammenhalts gehöre, sei dies beim Linksextremismus nicht der Fall, schreibt der 2009 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einberufene Expertenkreis weiter.

Weitverbreitete Vorurteile
Wie aus der rund 200 Seiten umfassenden Unterrichtung weiter hervorgeht, nimmt die Bundesrepublik im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hinsichtlich der Verbreitung antisemitischer Einstellungen einen Mittelplatz ein. Dabei sei zu betonen, dass Deutschland „trotz einer beständigen Auseinandersetzung mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und trotz einer weitgehenden öffentlichen Tabuisierung des Antisemitismus“ im Allgemeinen höhere Werte erreiche als Italien, Großbritannien, Niederlande und Frankreich. Dass die Bundesrepublik im europäischen Vergleich trotzdem einen mittleren Platz einnehme, sei „vor allem auf zum Teil extrem hohe Antisemitismuswerte in Polen, Ungarn und Portugal zurückzuführen“.

Der Bericht zeigt den Autoren zufolge, dass „in der deutschen Mehrheitsgesellschaft in erheblichem Umfang antisemitische Einstellungen in unterschiedlichen inhaltlichen Ausprägungen vorhanden sind, die wiederum auf weitverbreiteten Vorurteilen und tief verwurzelten Klischees beziehungsweise auf schlichtem Unwissen über Juden und Judentum basieren“. Angesichts moderner Kommunikationsformen, wie sie insbesondere im Internet bestünden, sei „eine Verbreitung dieses Gedankenguts kaum zu unterbinden“. Die weitgehende Tabuisierung des Antisemitismus im öffentlichen Diskurs, die bisher für die Bundesrepublik kennzeichnend gewesen sei, drohe damit „entscheidend an Wirksamkeit zu verlieren“. Besonders gefährlich erscheine die „Anschlussfähigkeit des bis weit in die gesellschaftliche Mitte reichenden und nicht hinreichend geächteten Antisemitismus für rechtsextremistisches Gedankengut“.

Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus
Zugleich verweist der Expertenkreis darauf, dass in Deutschland „auf den unterschiedlichen Ebenen von Staat und Gesellschaft gute Voraussetzungen für eine aktive Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen“ bestünden. Künftig müsse es „um die Optimierung und den abgestimmten Ausbau beziehungsweise die Ergänzung vorhandener Strukturen gehen“. Dazu bedürfe es des Zusammenwirkens von Bund, Ländern, Kommunen, Verbänden, Kirchen und Initiativen sowie „spezifischer Maßnahmen auf den einzelnen Ebenen von Politik und Gesellschaft“, schreiben die Autoren des Berichts.

Download: Der „Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze“ kann als kostenloser Download bereit.

Zugleich legen sie eine Reihe konkreter Handlungsvorschläge vor. So empfehlen sie beispielsweise, dass die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ antisemitische Stereotypisierungen und antisemitische Inhalte im Internet thematisiert und ihrerseits entsprechende Empfehlungen erarbeitet oder dass über die bestehenden Angebote für Opfer rechtsextremer Gewalt hinaus speziell auch für Opfer antisemitischer Übergriffe Hilfsangebote bereitgestellt werden.

194 antisemitische Straftaten im 3. Quartal 2011
Wie aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, wurden im dritten Quartal 2011 insgesamt 194 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gemeldet. Darunter waren sechs Gewalttaten und 46 Propagandadelikte mit insgesamt 13 verletzten Personen.

183 Delikte gingen dabei auf das Konto von Rechtsextremisten, sieben Delikte wurden von Ausländern begangen. Von den ermittelten 106 Tatverdächtigen wurde keine Personen festgenommen, Haftbefehle wurden ebenfalls nicht erlassen. (hib/STO/bk)

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9 Kommentare
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  1. Caspar sagt:

    Immerhin ist das ein kleineres Problem als Anti-Islamischer Rassismus. Ich frage mich eh warum in Deutschland das Thema Antisemitismus unverhältnismäßig häufig thematisiert wiird – bei nur 100.000 Juden in Deutschland.

    Vielleicht weil der Zentralrat der Juden im Rundfunkrat sitzt ?

  2. H.Germann sagt:

    Vielleicht könnte uns MIGAZIN ja einmal Studienergebnisse über den Antisemitismus gegenüber Juden von in Deutschland lebenden Menschen islamischen Glaubens hier zur Verfügung stellen.Wäre doch interessant.
    Und würde einem ausgewogenen Bild sehr nützen. Es gibt diese Studien ja.

  3. Bert sagt:

    Passend dazu:

    http://www.welt.de/die-welt/politik/article5926062/Oezdemir-beklagt-Antisemitismus.html

    Grünen-Chef Cem Özdemir beklagt antisemitische Tendenzen unter muslimischen Zuwanderern. „Wer sich offen zu seinem Judentum bekennt, muss sich in einigen Stadtteilen Berlins nicht nur vor Rechtsradikalen in Schutz nehmen, sondern leider auch vor Menschen mit Migrationshintergrund“, sagte Özdemir der „Zeit“.

  4. u. h. sagt:

    Ein nicht unbekannter jüdischer Professor in Deutschland sagte bei einer Podiumsdiskussion am 14. 9. dieses Jahres, Antiislamismus komme ihm so vor wie Antisemitismus. Ist beides im Wesen etwa dasselbe? Antworten auf diese Frage würden mich interessieren. Übrigens: Ich treffe wesentlich häufiger mit Muslimen zusammen als mit Juden, einfach, weil sie in Deutschland häufiger sind (und manchmal, nicht immer, äußerlich auffallen).

  5. e-xyz sagt:

    @Alle
    Vielleicht könnte die UN einfach das Israel/Palästina-Problem lösen, um dem Antisemitismus des Wind aus den Segeln zu nehmen.
    Wieviele von diesen Antisemiten haben, jemals Kontakt zu einem Menschen mit jüdischen Glauben gehabt? Sie hassen, dass was sie aus den Medien suggeriert wird. Also etwas was sie nie kennengelernt haben.
    Das ist zu verurteilen, leider werden Menschen von Vorurteilen gelenkt.

  6. Uwe sagt:

    @e-xyz
    bezüglich dieses von dir angesprochene problem, siehe mein comment

    >> http://www.migazin.de/2011/11/30/zwischenfall/ <<

    so einfach wird sich das problem nicht lösen lassen, leider, und so wird die einzige demokratie im nahen osten weiterhin unter beschuss, verbal und militärisch, stehen

  7. Pepe sagt:

    lol. Deutsche wollen die Aufmerksamkeit von sich ablenken, indem sie den politisch motivierten Antisemitismus junger Muslime in Deutschland thematisieren.

    Deutsche hassen Juden aus rassistischen Gründen. Einige Moslems hassen Juden aus Ignoranz und aus politischen Gründen.

    /Diskussion.

  8. e-xyz sagt:

    Hi Uwe,
    Ihre geschichtliche Darstellung in allen Ehren, aber alles Behauptungen und nichts wissenschaftliches. So ist es halt in Deutschland, man darf keine Kritik an Israel üben, es ist Ihnen aberzogen worden.
    Fakt ist ein Land namens Israel gabs nie vorher. Palästina aber schon.
    Jetzt gibts Israel aber kein Palästina mehr.
    Jesus von Nazareth kam aus Judäa hundert Jahre später wurde es in Palästina umbenannt, Israel gibts erst seit 1948.
    Ihre plumper Versuch dieses Gebiet mit biblichen Darstellungen dem jüdischen Volk zuzusprechen ist nichts anderes als eine Geschichtsverfälschung.
    Das jüdische Volk, hat seinen Lebensraum in Kriegen verloren und wurde nur noch beherrscht (Römer, etc.), wem das nicht gefiel, der ist nach Europa gegangen und lebte in dieser Diaspora.
    Stellen Sie sich mal vor, die Mauren würden nun Teile Spaniens fordern, weil man mal dort gelebt haben. Wäre Schwachsinn, stimmts?
    Dieser Konflikt ist nichts anderes, als das Resultat des europ. Antisemitismus. Europa hat diesem Volk unrecht getan und nach Israel getrieben, dann hat man den Palästinensern unrecht getan und tut es noch. Der Verfolgte wurde nun zum Jäger.
    Die Europäer haben mit Mist gebaut und die Palästinenser dürfen es nun ausbaden und werden im Stich gelassen. Für Länder die die Demokratie in die Welt tragen (Lybien, Afghanistan, Irak, Vietnam, etc.) ist das ein Armutszeugnis.
    Keiner traut sich was zu sagen, typisches 3 Affen Prinzip in Europa und in den USA. Das Problem hätte schon längst gelöst werden können.
    Man hat die Schnauze voll von Israel Politik, aber sagt nichts in der Öffentlichkeit.
    http://www.focus.de/politik/ausland/g20-sarkozy-und-obama-ziehen-ueber-netanjahu-her_aid_682288.html
    Oder ganz aktuell man traut sich was zu sagen.
    http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/americas/united-states/111203/damn-peace-table-panetta-israel
    Echte Freunde sagen sich die Wahrheit und schmieren sich keinen Honig um den Mund.

  9. […] Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft weiter verbreitet, als viele es wahr haben wollen. Natürlich kennt niemand einen Juden, den er hasst. Wie sollte man auch? Bewusste Berührungspunkte sind rar. Die einzigen Kenntnisse basieren auf tradiertem Halbwissen und jeder Menge Stereotypen. Dies ist der Quell von Ressentiments, die den Nährboden für antisemitische Gedanken und Handlungen bilden. Mitten in der Gesellschaft, unter Muslimen wie unter Nicht-Muslimen, nicht nur an den extremistischen Rändern, wie eine Studie 2011 herausfand. […]



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