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Nahost-Konflikt

Israel – Libanon – Zwischenfall?

Es ist der 29.11.2011, der „internationale Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk“. Ausgerechnet dieser Tag wird von der Nachricht gewalttätiger Übergriffe zwischen Israel und Libanon überschattet.

VONAnja Tuchtenhagen

Geb. 1983 in Kaiserslautern. Studium der Sozialwissen-schaften an der Uni Düsseldorf. Zahlreiche Auslandsaufenthalte in der arabischen Welt vor und während des Studiums. Zur Zeit berichtet sie für das MiGAZIN aus dem Nahen Osten.

DATUM30. November 2011

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RESSORTAktuell, Ausland

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Am selben Tag kommt es zu Raketenbeschuss in der Grenzregion der beiden Länder. Die Tagesschau titelt: „Israel vom Libanon aus mit Raketen beschossen“. Die ARD beruft sich in ihrem Bericht auf einen Sprecher der israelischen Armee, dem zufolge der Norden Israels aus libanesischem Staatsgebiet mit Raketen beschossen wurde. Dies sei, so der Sprecher, ein schwerer Vorfall und werde der libanesischen Regierung und den libanesischen Sicherheitskräften zum Vorwurf gemacht.

Israel hat auf den Angriff reagiert, indem es das Gebiet, aus dem die Raketen abgeschossen wurden, ebenfalls unter Beschuss nahm. Nach Angaben der libanesischen Armee schlugen sechs israelische Raketen in der Gegend zwischen Rmeish und Ayta ash-Shab ein. Das Dorf Ayta ash-Shab war im Krieg 2006 einer der Hauptaustragungsorte der Bodenkämpfe zwischen Hisbollah und israelischem Militär, wobei zirka 85 Prozent der Infrastruktur zerstört wurde und viele Zivilisten zu Tode kamen. Der aktuelle Beschuss, der erste seit zwei Jahren, habe auf beiden Seiten jedoch nur Sachschäden gefordert, so die Nachrichtenagentur AFP.

Auf israelischer Seite spricht man von vier aus dem Libanon abgeschossenen Raketen. UNIFIL, die internationale Schutztruppe, die im Süden Libanons stationiert ist, redet von mindestens einer Rakete und auf der offiziellen Homepage der Hisbollah ist man sich unterdessen sicher, dass nur eine Rakete abgefeuert wurde. Auf der Hisbollah-Homepage wird die Nachricht vom Schusswechsel daneben auch ganz anders aufbereitet. Deren Titel „Israel fires Rockets on South“ entnimmt man, dass Israel Raketen auf den libanesischen Süden abfeuere. Man sehe dies weiter als „schändlichen Angriff auf die libanesische Souveränität“. Bezüglich der potentiell Schuldigen äußert man sich seitens der Hisbollah nicht.

Beteiligung der Hisbollah?
Während in israelischen Internetforen bereits Gerüchte um erneute Hisbollah-Angriffe kursieren und man vielfach bereits glaubt, den Schuldigen zu kennen, lassen andere Stimmen verlauten, dass sie an einer Beteiligung Hisbollahs zweifeln. Deren Selbstverständins als libanesische Wiederstandsorganisation habe in der Vergangenheit zwar ab und zu Raketenbeschuss auf Nordisrael nach sich gezogen, jedoch habe die Hisbollah aktuell keinen konkreten Anlass, Israel anzugreifen, so der israelische Geheimdienstminister Dan Meridor zum israelischen Militärradio. Seine Vermutung scheint sich zu bestätigen.

Einem Bericht der englischsprachigen libanesischen Zeitung „The Daily Star“ zufolge, soll sich eine Splittergruppe Al-Qaidas zu dem Angriff bekannt haben. Von dem Geständnis und seinem Wahrheitsgehalt einmal abgesehen, habe man sowieso vermutet, dass eine Al-Qaida nahe Gruppe oder eine andere palästinensische Gruppierung verantwortlich sei, so der „Daily Star“ über Vermutungen innerhalb des israelischen Militärs.

Es liegt nahe, die Attacke als Solidaritätsbekundung zum palästinensischen Volk zu interpretieren, dessen Land seit 1948 aus den Augen vieler anti-israelischer Gruppierungen unrechtmäßig von Israel besetzt gehalten wird und den Palästinensern ihre Möglichkeit auf ein frei bestimmtes Leben nimmt.

Untergrabung palästinensischer Interessen
Der libanesische Präsident Michel Sleimann verkündete öffentlich, dass die Aktion nicht die arabische Solidarität mit den Palästinensern stärke, dass sie nicht den Interessen des palästinensischen Volkes diene und dass sie darüber hinaus die Resolution 1701 verletze. Angesichts all der unterschiedlichen Aussagen, Pressemitteilungen und Meinungen dürfte dies der kleinste gemeinsame Nenner aller beteiligten Fraktionen sein: Der Schusswechsel verstößt eindeutig gegen die Resolution 1701, die vom UN-Sicherheitsrat anläßlich des Sommerkrieges 2006 zwischen Libanon und Israel verabschiedet wurde und die eine „vollständige Einstellung der Feindlichkeiten“ postuliert.

Während UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon also am 29.11.2011 anlässlich des Solidaritätstages mit dem palästinensischen Volk in einer offiziellen Kundgebung dafür plädiert, als internationale Gemeinschaft für ein „historisches“ Friedensabkommen einzutreten, wird diese schöne Absicht bereits in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von unbekannten Gruppen durch Raketenbeschuss effektvoll untermauert.

Opfer externer Einflüsse
Der Vorfall erinnert daran, dass der Libanon seit jeher Einflussgebiet zahlreicher externer Akteure ist und auf libanesischem Territorium vor allem seit der Staatsgründung Israels immer wieder gewaltsame Konflikte ausgetragen werden. Die Präsenz der PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation ist seit den 60er Jahren ein gravierender Störfaktor gewesen in einem Land, das ohnehin schon Mühe hat, seine zahlreichen ethnischen und konfessionellen Bevölkerungsgruppen unter einen Hut zu bringen. Nachdem nun Arafat mit der PLO seinen Stützpunkt im Südlibanon bezogen hatte, von wo aus die palästinensischen Kampfeinheiten in Folge Angriffe auf Israel ausführten, verlagerte sich der Kampf um Palästina nach Norden ins Nachbarland. Als solches ist der Libanon und seine Bevölkerung weiterhin eng mit dem Schicksal der Palästinenser verbunden.

UNIFIL und libanesische Armee leiten nun nähere Untersuchungen zu dem Vorfall ein. Man kann nur hoffen, dass die Libanesen es schaffen, dem Treiben fremder Gruppierungen auf ihrem Boden im Interesse ihrer eigenen Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Der Raketenangriff schadet nicht nur den Belangen der Palästinenser, er läuft auch den Interessen der libanesischen und nicht zuletzt der israelischen Bewohner in der Grenzregion entgegen. Deren Hauptinteresse dürften Frieden und Sicherheit vor Angriffen aus der Nachbarschaft sein. Bleibt die Frage, wie lange sie vor Zerstörung und Kampf gefeit bleiben.

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2 Kommentare
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  1. Uwe sagt:

    ein sehr guter artikel bis auf dies hier
    „Es liegt nahe, die Attacke als Solidaritätsbekundung zum palästinensischen Volk zu interpretieren, dessen Land seit 1948 aus den Augen vieler anti-israelischer Gruppierungen unrechtmäßig von Israel besetzt gehalten wird und den Palästinensern ihre Möglichkeit auf ein frei bestimmtes Leben nimmt.“
    zitat : „….Realität ist auch, dass die Juden nach Zerstreuung und schwersten Verfolgungen wieder nach Erez Israel zurückgekehrt sind und noch zurückkehren. Aus ihrer Heimat Judäa, Samaria und Galiläa waren sie vor knapp 2000 Jahren von den Römern vertrieben worden.
    Was nun den Anspruch der Araber auf das heilige Land angeht, das übrigens in der Bibel durchgängig an vielen Stellen “Gottes Eigentum” genannt wird, so ist dieser historisch völlig unbegründet.

    Als Mark Twain 1868 das Land bereiste, das zu jener Zeit unter osmanischer Herrschaft litt, fand er eine heruntergekommene fast menschenleere Halbwüste vor. Lediglich in wenigen Städten (Jerusalem, Tiberias, Zafed u.a.) fand er eine geringe Bevölkerung vor, vor allem Juden, die dort seit Jahrhunderten lebten. Darunter auch wenige Araber. Beduinen durchstreiften mit ihren Herden die Wüste. Nach dem Koran darf ein von Muslimen zwischenzeitlich erobertes Gebiet nicht wieder aufgegeben werden. Hinzu kam, dass die Araber nach einem weiteren verlorenen Krieg gegen Israel 1967 in ihrer blühenden Phantasie, die mythologische Züge annahm, Jerusalem zur drittheiligsten Stätte des Islam erkoren. Diese Geschichtsklitterei, die auch von vielen Politikern im Westen geglaubt wird, ist umso merkwürdiger, weil weder vor 1948 noch danach Jerusalem von irgend einem hohen Würdenträger des Islam besucht wurde. Außerdem wurde die von Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert erbaute Basilika Santa Maria auf dem Tempelberg erst 70 Jahre nach dem Tode Mohammeds zur al-Aqsa Moschee entweiht. Es ist nach neuesten Erkenntnissen davon auszugehen, dass auch der Felsendom einst eine Kirche war. Es gibt also keine historischen Ansprüche der Araber und des Islam auf Jerusalem – und schon gar nicht auf den Tempelberg. (Unbeachtet bleiben übrigens auch die Surenverse 5,24 und 7,133, nach denen das Land westlich des Jordan den “Kindern Israel” gehört – allerdings von “Allah” gegeben!)
    Weder in der Charta der PLO von 1964 noch in der Charta der HAMAS von 1988 steht etwas von einem “plästinensischen Staat” oder von einer Hauptstadt Jerusalem. Beides wird ja vor allem von westlichen Politikern gefordert, die wenig oder keine Geschichtskenntnisse haben. Die Araber wissen ganz genau, dass es kein “palästinensisches Volk” gibt. Ein solches wurde von Arafat aus politischen Gründen erfunden und sollte ein Anrecht auf einen Staat “Palästina”, den es in der Geschichte ebenfalls nie gab, begründen. Wäre “Palästina” wirklich gewollt gewesen, so hätte es vor 1967 ohne weiteres gegründet werden können. Ansonsten ist Jordanien der Staat dieser Araber.

    Das tatsächliche Ziel von PLO und HAMAS ist aber die Zerstörung Israels und die Vereinigung dieses Gebietes mit der arabischen Nation, wie es Schwarz auf Weiß in Artikel 13 der PLO-Charta steht.

  2. jo jo sagt:

    die Araber haben wohl ein Anspruch auf „jerusalem und den Rest von „israel“



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