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Viel zu verlieren – Rechtsextremismus und Islamismus vereint im Antisemitismus

Toulouse, Frühling 2012. Eine Terrorserie erschüttert den Süden Frankreichs. Ein rechtsextremer, ausländerfeindlicher Hintergrund der Taten hätte nicht überrascht. Der Täter war aber ein französischer Islamist. Auch das überraschte nicht.

VONRoman Lietz

 Viel zu verlieren – Rechtsextremismus und Islamismus vereint im Antisemitismus
Der Autor ist Projektorganisator für Integrationsprojekte und Interkultureller Trainer. Er lebt und arbeitet in Berlin. Seit Ende 2011 engagiert er sich im Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multikonfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundesebene für Integration engagieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspektivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM24. Mai 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Toulouse, Frühling 2012. Eine Terrorserie erschüttert den Süden Frankreichs. Sie ist kurz und heftig. Der Attentäter wird schon nach wenigen Tagen gestellt, leider zu spät, denn sieben Franzosen sind von ihm zu diesem Zeitpunkt schon regelrecht exekutiert worden. Das Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freunden der Opfer. Die Sorge gilt der Radikalisierung der europäischen Gesellschaft.

Auf Grund des Profils der Ermordeten – sie waren Franzosen mit nordafrikanischem Hintergrund oder waren jüdischen Glaubens – lag die Vermutung nahe, es handele sich beim Attentäter um einen französischen Rechtsradikalen. Zu präsent sind uns die bestialischen Taten aus Ütoya und die Mordserie des NSU. Zugegebenermaßen, ein rechtsextremer, ausländerfeindlicher Hintergrund der Taten hätte nicht überrascht. Das ist schlimm und sagt etwas über das Stimmungsbild der Gesellschaft, in der wir leben, aus. Der Täter war aber kein französischer Nationalist, er war französischer Islamist. Dieses Täterprofil überrascht die Gedankenspiele ebenfalls nicht. Auch das ist schlimm und aussagekräftig.

Wie kommt es zur Verwechslung von Rechtsradikalismus und Islamismus, zweier grundverschiedener, wenn auch ähnlich menschenverachtender Ideologien? Das Verstörende ist, dass beide Formen des Extremismus die gleichen Opfer ins Visier nehmen. Opfer, denen sich die Täter auf chauvinistische Weise überlegen fühlen: Juden.

Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft weiter verbreitet, als viele es wahr haben wollen. Natürlich kennt niemand einen Juden, den er hasst. Wie sollte man auch? Bewusste Berührungspunkte sind rar. Die einzigen Kenntnisse basieren auf tradiertem Halbwissen und jeder Menge Stereotypen. Dies ist der Quell von Ressentiments, die den Nährboden für antisemitische Gedanken und Handlungen bilden. Mitten in der Gesellschaft, unter Muslimen wie unter Nicht-Muslimen, nicht nur an den extremistischen Rändern, wie eine Studie 2011 herausfand.

Sicherlich nehmen die wenigsten Menschen eine Waffe zur Hand. Zum Glück. Aber die Täter, sowohl Rechtsextreme als auch Islamisten, bewegen sich in einem Umfeld, welches Antisemitismus ignoriert oder toleriert, wenn nicht gar gutheißt.

Der Attentäter ist erschossen, die Gefahr, die von ihm ausging, ist gebannt. Aber dürfen sich unsere jüdischen Nachbarn nun weniger bedroht fühlen? Es ist wieder leise geworden, nach den Schüssen von Toulouse. Gespenstisch leise…

Auf die demokratische Grundordnung in Deutschland und unseren europäischen Nachbarländern sind wir alle stolz. Aber Freiheits- und Persönlichkeitsrechte sind keine Selbstläufer. Nicht erst seit Toulouse, im Frühjahr 2012, haben wir viel zu verlieren. Überlassen wir nicht den Antisemiten, egal aus welchem Lager sie stammen, die Meinungs- und Handlungshoheit!

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6 Kommentare
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  1. Per Lennart Aae sagt:

    Was heißt hier „rechtsradikal“, „islamistisch“, „antisemitisch“?

    Was ersteres auch immer es heißen mag, „antisemitisch“ kann es nicht sein. Denn dann würden nicht die in Israel sehr einflußreichen orthodoxen Fundamentalisten bei weitem alles übertreffen, was es in Europa an tatsächlichem oder vermeintlichem „Rechtsradikalismus“ gibt.

    Was die Einstellung mancher Moslems – vor allem natürlich der Palästinenser – zu den Juden betrifft, muß man einen klaren Trennungsstrich zum herkömmlichen Antisemitismus ziehen, so dankbar es auch sei, in Auseinandersetzungen mit diesem Schlagwort zu operieren.

    Denn dieser alte Antisemitismus richtete sich gegen eine ethnische und religiöse Minderheit in Europa, der allerhand Böses unterstellt wurde, nicht zuletzt weil sie in der Aufnahmegesellschaft von etwas Geheimnisvollem umwittert und gleichzeitig zumindest zum Teil sehr erfolgreich war.

    Der vermeintliche „Antisemitismus“ der Palästinenser, der zum Teil auch von anderen Moslems nachempfunden wird, ist hingegen der Widerstand gegen eine militärisch, finanziell und technologisch überlegene Besatzungsmacht – ein Riesenunterschied! Sie mit dem klassischen europäischen Antisemitismus in einen Topf werfen zu wollen, halte ich für eine leicht durchschaubare Demagogie.

    Aber auch der nichtmoslemische Antizionismus oder einfach Skepsis gegenüber Israel und seinen internationalen Lobbies, vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, halte ich für etwas ganz anderes als der alte Antisemitismus. Er ist einfach die Konsequenz aus einer real existierenden Machtstellung des Staates Israel und der genannten Lobbies. Sie sind heute einfach Player im großen internationalen Machtspiel, und jeder Player muß sich damit abfinden, daß er als solchen erkannt und behandelt wird. Er kann nicht gleichsam wie mit einem unsichtbar machenden Mantel an den Auseinandersetzungen der Gesellschaft und der Weltöffentlichkeit teilnehmen und dabei erwarten, daß seine Identität nicht erkannt oder geflissentlich übersehen wird.

    Das hat nichts mit einer etwaigen Rechtfertigung von Gewalt oder gar Morden zu tun. Ganz im Gegenteil, die Voraussetzung für eine friedliche Auseinandersetzung ist, daß jeder zu seiner wirklichen Identität und den damit verbundenen wirklichen Interessen offen steht.

    Per Lennart Aae

  2. Reseller Berlin sagt:

    Warum ist der Täter ein „Islamist“ ?

    Wenn ein Typ öfters im Bordell ist als im Gebetshaus .. wie könnte er etwas mit dem Islamtum zu tun haben ?

    Nach dieser falschen Logik und dieser falschen Sprache von Hassern ist der Massenmörder Breivik ein Christentumist und sogar die Killer der NSU auch .

    Wie lächerlich oder ?

  3. MoBo sagt:

    Schade dass das Migazin Beiträge von NPD-Kadern zum Thema Antisemitismus freischaltet.
    Langsam aber sicher zweifle ich an der Moderation hier.

  4. Zufallsblogger sagt:

    Die Recherchen vom Guardian nicht gesehen? Wo man sich zurecht fragt, warum der Mörder nicht ausgeräuchert, sondern erschossen wurde: Schließlich gab es Kontakte zum französischen Geheimdienst, für den Merah gearbeitet haben soll. WtF

  5. Marco Thomas sagt:

    @Bo Mo: Sehe ich nicht so, dass man einen Beitrag einfach löschen sollte, weil er von einem NPD-Mann ist. Auch wenn er sich nur oberflächlich mit der Botschaft des Autors auseinandergesetzt hat und seine Argumentation nicht sehr stringent ist. Er schreibt, „die Voraussetzung für eine friedliche Auseinandersetzung ist, daß jeder zu seiner wirklichen Identität und den damit verbundenen wirklichen Interessen offen steht.“ Wurden die Soldaten und die Juden in Frankreich erschossen, weil sie nicht zu ihrer wirklichen Identität und ihren Interessen standen?

    Im Artikel ist meines Erachtens richtig festgestellt worden, dass eine freie Gesellschaft sich gegen autoritäre und totalitäre Bedrohungen wehren muß, gleich aus welcher Richtung sie kommen (Rechts-, Links-, religiöser Extremismus, organisierte Kriminalität, im kleinen Kreis würde ich auch schon Mobbing dazu zählen, …). Freiheit und Sicherheit gibt es eben nicht umsonst. Freiheit und Sicherheit sind unbequem, in dem Sinne, dass bequeme Menschen beides leicht verlieren können.

  6. Per Lennart Aae sagt:

    @Marco Thomas:

    Der Satz von der Identität, zu der man stehen sollte, wenn man eine freidliche Auseinandersetzung will, mag in dieser Kurzform vielleicht etwas mißverständlich sein. Er ist aber so gemeint, daß Gruppen, die bei der Durchsetzung ihrer Interessen in der Gesellschaft (und/oder international) großen Einfluß ausüben, fairerweise als solche auch ERKENNBAR sein sollten, sowohl hinsichtlich ihrer Interessenidentität als auch ihres tatsächlichen Einflusses. Nur dann kann das Engagement ihrer Vertreter richtig eingeordnet werden und eine faire Auseinandersetzung stattfinden. Wenn sich nun zionistische Anhänger der israelischen Besatzungs- und Expansionspolitik hinter dem Verfolgungsschicksal der Juden in Europa verstecken, wie beim Vorwurf „Antisemitismus“ gegenüber Moslems m.E. der Fall, sehe ich diesen Grundsatz auf das Schwerste verletzt. Denn da die Betroffenen der genannten Siedlungspolitik etc. mit der früheren Verfolgung der Juden in Europa rein gar nichts zu tun haben, dürfen sie in ihrer Auseinandersetzung mit ihren HEUTIGEN zionistischen Kontrahenten und Unterdrückern nicht propagandistisch ihrerseits in die Rolle der EHEMALIGEN Unterdrücker einer GANZ ANDEREN, heute in diesem Zusammenhang nicht relevanten Gruppe gedrängt werden, nämlich der früheren, gleichsam anonymen Masse der allein wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum verfolgten europäischen Juden. Dadurch werden in der Tat „Identitäten“ (nämlich der am Konflikt Beteiligten) erheblich verwischt, offensichtlich in der Absicht, in der Öffentlichkeit bedingte Reflexe auszulösen, die im vorliegenden Konflikt und bei der herrschenden internationalen Macht- und Interessenkonstellation weder angebracht noch geeignet sind, Frieden zu stiften oder eine Lösung der wirklichen Probleme herbeizuführen.

    Per Lennart Aae



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