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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

11. September 2001

Verbrannte Erde

In der schier endlosen Debatte um Integration ausländischer Mitbürger, die von einigen Teilen der „Stammbevölkerung“ beinahe Invasoren gleichgesetzt werden, sind es nicht mehr Pechfackeln, die Äcker und Scheunen in Brand setzen, es sind Worte und Taten …

VONChristiane Schuricht

Christiane Schuricht, M.A., geb. 1965, Germanistin und Politologin, lebt und arbeitet als Dozentin und freie Autorin in Hannover. Sie ist Mitglied in verschiedenen Friedensinitiativen und engagiert sich seit über 25 Jahren gegen neonationalsozialistische und nationalkonservative Strömungen in der Gesellschaft und für ein friedvolles und ausgeglichenes Miteinander aller Kulturen und Religionen.

DATUM26. August 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die seit den Tagen der Antike überlieferte Kriegstaktik, auf Vormarsch oder Rückzug „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, dem „Gegner“ die Felder zu verbrennen, das Saatgut zu vernichten und die Brunnen zu vergiften, um ihm die Lebensgrundlage zu entziehen, ist seit 1907 völkerrechtlich geächtet. Wer „verbrannte Erde“ hinterließ, ließ das buchstäbliche Nichts zurück, den Unort, von dem aus nichts mehr gedeihen konnte, weil es nichts mehr gab, was hätte gedeihen können.

In der schier endlosen Debatte um Integration ausländischer Mitbürger/Innen, die von einigen Teilen der „Stammbevölkerung“ beinahe Invasoren gleichgesetzt werden, sind es nicht mehr Pechfackeln, die Äcker und Scheunen in Brand setzen, es sind Worte und Taten, die uns an jenen Unort katapultieren, von dem aus kein Weiter mehr zu geben scheint.

Der elfte September 2001 war willkommener Anlass, einen äußeren Feind zu konstruieren, dessen Aufgabe es nicht zuletzt war, den Zusammenhalt einer bereits maroden Gesellschaft wieder herbeizuführen, eine gemeinsame Identität zu schaffen, die die Grenzen der kapitalistischen Klassengesellschaft für den Moment verwischt und soziale Ungerechtigkeiten in den Hintergrund rückt. Von einer „Islamisierung der Gesellschaft“ ist seitdem die Rede, von muslimisch geprägten „Parallelgesellschaften“, die unsere freiheitliche Grundordnung bedrohen.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, Ursachen zu verdrängen und ein bereits geschehenes Unrecht ungeschehen zu machen, indem neues Unrecht geschaffen wird, um das vorhergegangene zu legitimieren – wie in einer mathematischen Gleichung, in der ein negatives Vorzeichen, multipliziert mit einem anderen negativen Vorzeichen, ein positives Endergebnis verspricht.

Thilo Sarrazins Neuauflage des Rosenberg’schen „Mythus des 20. Jahrhunderts“ mit lediglich anderem Feindbild war ein solches Unrecht, mehr noch, das „Machwerk“ und die anschließenden Diskussionen hinterließen „verbrannte Erde“, vergifteten Boden, auf dem eine erneute Annäherung der künstlich erzeugten „Konfliktparteien“ nahezu unmöglich scheint. Die Fronten sind verhärtet und darüber können auch die Meldungen von „Vorzeigeintegranten“ nicht hinwegtäuschen. Vielmehr bilden sich seltsam anmutenden Allianzen von Stammtischbrüdern, Politikern und frustrierten Intellektuellen oder solchen, die gerne dafür gehalten würden.

Kanzlerin Merkel, aufgewachsen in der DDR und mit verschiedenen Kulturen und deren Zusammenleben in etwa so vertraut wie Helmut Kohl mit den Ritualen der ZK-Sitzungen der KPDSU, verkündete, „Multikulti“ sei gescheitert. Innenminister Zimmermann verwies darauf, dass der Islam niemals ein Teil „deutscher“ Kultur gewesen sei, Friedrich Merz beschwor die „deutsche Leitkultur“, an die sich Migrant/innen anzupassen hätten und besonders übereifrige „Historistiker“ erfanden den Begriff der „jüdisch-christlichen Tradition“.

Nun jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, geschuldet der hohen Zahl der Kriegstoten und dem Aufschwung des „Wirtschaftswunders“, dessen neu geschaffene Arbeitsplätze unter allen Umständen besetzt werden mussten, zum fünfzigsten Mal, doch jenseits der Festakte ist der „Gastarbeiter“, der mittlerweile zum „Migranten“ aufsteigen durfte, weiterhin ein Fremdkörper in seiner rätselhaften Parallelgesellschaft, zumindest außerhalb von Dönerbude und Gemüseladen. Das „Rotationsprinzip“, das vorsah, Arbeitskräfte turnusgemäß „auszutauschen“, hat versagt, die Arbeitskraft ist heimisch geworden, hat gesiedelt, war fruchtbar und mehrte sich.

Der Faktor Mensch, diese unkalkulierbare Größe im Zahlenspiel von Wirtschaft und Politik, widersetzte sich dem System, das vorgesehen hatte, deutschen Firmen zu weiterem Aufschwung zu verhelfen, die türkische Handelsbilanz zu schönen und den dortigen Arbeitsmarkt von unqualifizierten Arbeitslosen zu befreien. Nach spätestens zwei Jahren sollte der – vertraglich vorgesehen – unverheiratete Arbeitnehmer zurückkehren in sein Heimatland, ausgerüstet mit dem absoluten Mindestmaß bundesdeutscher Handfertigkeit. Der Arbeiter hatte aus dem europäischen Teil der Türkei zu stammen, musste sich einem Eignungs- und Gesundheits-Check unterziehen, ein Nachzug möglicher Familienangehöriger war kategorisch ausgeschlossen. Technologie- und Know-How-Transfer in Zeiten des Kalten Krieges, denn die Türkei, deren geostrategische Lage für die NATO von großer Wichtigkeit war, sollte ökonomisch auf sicherere Füße gestellt werden.

Der „Gastarbeiter“ blieb zunächst unter sich, in Wohnbaracken nahe der Produktionsstätten, sandte das, was er von seinem Einkommen entbehren konnte, in die Heimat und blieb ausgeschlossen vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben des „Gastlandes“. Produktionsbezogene Grundkenntnisse der deutschen Sprache mussten ausreichen, an Sprachkurse, deren Aufwand für die kurze Dauer des Aufenthaltes ohnehin nicht gelohnt hätte, war nicht zu denken.

Innerhalb der arbeitskraftspendenden Fremdkörper in der jungbundesrepublikanischen Verdrängungsgesellschaft entwickelte sich bald eine Hierarchie: Italiener, Spanier, Griechen, Portugiesen und Jugoslawen waren im Bewusstsein der Bürger/Innen immer Teil des „christlich-abendländischen“ Kulturkreises gewesen, der muslimische Türke allerdings spätestens seit 1453 eine dauerhafte Bedrohung, über die auch die Freundschaft des Kaiserreiches mit dem Restbestand des Osmanischen Reiches nicht hinwegtäuschen konnten.

Anfang der siebziger Jahre änderte sich das Bild: allen einwanderungstechnischen Sicherheitsklauseln in den Anwerbeverträgen zum Trotz zogen die Familien nach. Dennoch bestand von staatlicher Seite kein Interesse, Eingliederungshilfen zu schaffen oder gar kostenlose Sprachkurse anzubieten. Die der bundesdeutschen Schulpflicht unterliegenden Kinder der Arbeitsmigranten wurden weitgehend altersgemäß in die entsprechenden Schulklassen abgeschoben und sich selbst oder dem guten Willen sprachfördernder Lehrer/Innen überlassen.

Das Ende des Kalten Krieges veränderte die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland wie keine andere. Nicht nur, dass knapp 17 Millionen der „Brüder und Schwestern von hinter dem Eisernen Vorhang“ über Deutsche Mark und freiheitlich-demokratische Grundrechte verfügten, auch „Spätaussiedler“ und „Rußlanddeutsche“ drängten „heim ins Reich“ – in ihrem Gefolge jüdische „Kontingentflüchtlinge“ aus der ehemaligen Sowjetunion, die das durch den reichsdeutschen Holocaust beinahe ausradierte Leben jüdischer Gemeinden mit frischem Blut versorgen sollten.

Es gebot der Anstand, dem eigenen „Fleisch und Blut“ und jenen, über die der Vorgängerstaat der Republik unendliches Leid gebracht hatte, Zugang zur Sprache und damit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kostenfrei zu gewähren. Kostenfreie Sprachkurse schossen aus dem Boden wie Pilze, deren Teilnehmer allerdings in der Regel muttersprachlich russisch waren. Wieder eine verpasste Chance.

Diejenigen, denen die Schlüssel zum Verständnis der deutschen Kultur und Gesellschaft verwehrt blieben, zogen sich zurück und besannen ihrer Herkunft, ihrer Tradition und der teils archaisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung, die sie in den ihnen zugewiesenen Nischen pflegten und in denen die den Halt fanden, der ihnen anderweitig verwehrt blieb. Die Notwendigkeit, sich dem Land, in dem sie lebten, zu öffnen, wich dem Zwang, in der eigenen „Parallelgesellschaft“ bestehen zu können.

Hohe Arbeitslosigkeit, soziale Missstände und wenig Hoffnung auf Besserung vertiefen die Kluft zwischen den Kulturen, die sich jeweils auf das altbewährte Prinzip des einend-gemeinsamen Feindbildes des vermeintlich absolut Anderen, der die eigene Identität bedroht (und doch erst hervorbringt). Anders gesagt: ein „Ich“ kann sich allein über ein anderes „Ich“ definieren, das doch immer nur ein „Du“ bleibt.

Die Terroranschläge von New York, deren Ursachen hier nicht näher erläutert werden sollen, mitnichten aber in religiösem Ursprung zu suchen sind, potenzierten die Ängste und schufen seltsame Allianzen, deren Ansatz sich bereits im zweiten Golfkrieg 1990/1991 herausbildete, als Sadam Hussein drohte, die westliche Welt mit dem Schwert des Islam zu zerteilen und der Bundesbürger mit Hamsterkäufen und Argwohn gegenüber muslimischen Mitbürgern reagierte.

Verhärtete Fronten auf beiden „Seiten“, trotzige Abgrenzung der ungeliebten Anderen von einer Gesellschaft, die die muslimische Minderheit immer weiter ausgrenzte und sich im Zuge weiterer weltpolitischer Konflikte gegen „Überfremdung“ abschottete, traf auf Unverständnis seitens der verunsicherten Mehrheitsgesellschaft, die ihrerseits hinter jedem Bartträger einen radikalen „Glaubenskrieger“ vermutete.

Angst und Missverständnisse waren der fruchtbare Boden, auf dem die „Thesen“ und gefälschten Statistiken Thilo Sarrazins bösartige Blüten treiben konnten. Plötzlich war „wissenschaftlich“ fundiert, was ohnehin lange bekannt war: der „Andere“ strebte die Weltherrschaft an, wenngleich seine genetische Disposition ihn eigentlich zu solcher gar nicht befugte – beste Grüße von den „Protokollen der Weisen von Zion“, einem antisemitischem Pamphlet, das seit Ende des 19. Jahrhunderts den (gefälschten) Beweis lieferte, dass das „internationale Judentum“ nach der Allmacht griff.

Die Struktur ist von Ausgrenzung und Fremdenhass dieselbe, wenngleich das Opfer und Ziel derselben ausgetauscht wurde. Im Nachfolgestaat der Mörderreiches gilt es als unschicklich, Antisemit zu sein. Natürlich wird es keine zweite Shoah geben und natürlich wird uns unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung davor bewahren, dass eine annähernd mit den Pogromen des letzten Jahrhunderts vergleichbare Diskriminierung ausländischer Mitbürger/Innen seitens staatlicher Organe stattfinden wird. Statt dessen aber wird ein Klima geschaffen, dass es für alle Beteiligten nahezu unmöglich macht, den so notwendigen Schritt aufeinander zu zumachen. Auf verbrannter Erde kann keine Pflanze gedeihen.

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3 Kommentare
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  1. SchwarzRotGold sagt:

    Der Libanon war ein blühendes Land in allen Bereichen.

    Aber was hat den Libanon zu ruiniert? Es ist der Hass gegen jeden und alles!

    Der Hass gegen die Minderheiten die bereits bei der Staatsgründung des Landes da waren oder später hinzugekommen sind!

    In Libanon hat sich der Hass gegen jeden aufgebaut den es besser ging als den anderen und gegen die Minderheiten die keine Stimme im Land hatten oder haben.

    Früher und Heute ist es nicht mehr der Staat der es mal sein wollte.
    Ein gerechtes Land bassiert auf Freiheit und Demokratie.

    Wenn im Libanon eine Haushälterin aus Sri Lanka vom Libanesischen Sklavehalter diskriminiert wird hat Sie keine Chance Rechtlich gegen den Hausheern vorzugehen, Sie wird bei der Polizei nicht wahrgenommen da die Beamten vor ort meist auch mit Vorurteilen verhaftet sind und kein Rechtbewusstsein mehr haben.

    Glaubt mir Rassisten und Heuchler gibt es überall auf dieser Welt aber jeder einzelne ist gefragt, man muss versuchen sich und seine Umgebung mit zuerziehen und zwar auf ein friedliches und gerechtes miteinander.

    Wer dem Libanon bereist der weiß wie es ist, da wird eine dunkelhäutige einfach aus Spaß neben der Polizei angespuckt und die tut als Sie nichts gesehen hätten. Und glaubt mir da Sind libanesen aus allen Religionsgemeinschaften vertreten, aber wenn man Sie persönlich kennt , dann weiß man das Sie keiner Religion angehören und wissen nicht mal was die Religion Ihnen mitteilen will im Bereich Liebe, Gerechtickeit , moral und Freiheit.

    Nein Sie kennen nur den Hass und Rassismus was Sie beim Fehrnsehen aufsaugen.

    Der Libanon ist nur ein Beispiel. Dieses Erreignis Passiert heute überall auf der Welt. Egal ob weiß gegen schwarz, schwarz gegen weiß, religion gegen religion, stark gegen schwach, alt gegen jung usw. usw.

    Bitte jetzt nicht denken das alle Libanesen so sind. Bin ja selber fast einer. Aber ich kann es am Besten erklären wenn ich das Land beschreibe wo ich noch ein teil meiner wurzel habe.

    Ich kann genau so beispiele hier erzählen oder von wo anders wo ich war.

    Aber an alle die von der Vernunft regiert werden, kehrt in euch ein und lasst es nicht zu wenn Ihr hass egal in welcher Form antrifft um es zu verhindern. Dafür stehen uns alle möglichkeiten offen, z.B. in dem wir das Gespräch aufsuchen, in Blogs schreiben, im freundes- und familienkreis aufklären das Hass und Rassismus nicht nur andere Menschen verletzt sondern auch unsere eigene Herzen und Seelen absterben lässt.

    Euer
    SchwarzRotGold

  2. Snillisme sagt:

    Wenn der deutsche Nachfolgestaat eines Mörderreiches so eindeutig als alleinige Ursache allen Übels zu identifizieren ist, warum ist die entsprechende Problemlage in Bezug auf muslimische Einwanderer in den Ländern der ehemaligen Gegner Nazideutschlands nahezu die gleiche wie hier? Und warum haben in diesen Ländern national orientierte Parteien einen bedeutend höheren Stimmenanteil im Vergleich zum angeblich nationalistisch verseuchten Deutschland?

  3. Relbrandt sagt:

    „Angst und Missverständnisse waren der fruchtbare Boden, auf dem die „Thesen“ und gefälschten Statistiken Thilo Sarrazins bösartige Blüten treiben konnten.“

    Wo hat Sarrazin Statistiken gefälscht. Bitte um Quellenangabe. Das ist an Bösartigkeit kaum noch zu überbieten.



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