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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Kanackendeutsch

Quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen

Weder mit Empfehlungen und Forderungen noch mit fragwürdigen Sprachkampagnen, Liedern oder Reimen wird man zur Förderung der Deutschkompetenz beitragen. Die Sprachhürden, die bilinguale Kinder zu überwinden haben sind massiv und lassen sich nur mit linguistischem Wissen in Griff bekommen.

VONZerrin Konyalıoğlu-Busch

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM14. März 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dass wir heute-fünfzig Jahre nach der Gastarbeiterwelle-immer noch ein Deutschproblem haben, mag überraschen. Nicht aber Linguisten. Semilingualismus ist immer eine Folge von Ghettosierung und/oder mangelnder Beherrschung eigener Muttersprache und immer auch in Abhängigkeit zur Umgebungssprache, denn generell überträgt der Lernende einer Fremdsprache seine Kenntnisse aus der Erstsprache in die zu erlernende Zielsprache. Dabei entstehen Interferenzfehler, also muttersprachlich bedingte Sprachfehler. Je unterschiedlicher beide Sprachen sind, desto komplexere Sprachfehler sind zu erwarten. Beispiel Deutsch und Türkisch.

Entgegen allen Vermutungen gibt es zwischen beiden Sprachen kaum Gemeinsamkeiten. Schwerwiegende Sprachfehler sind vorprogrammiert. Im Gegensatz zu Deutsch verfährt Türkisch nach einem sehr strengen Lautprinzip, d. h., jeder Laut wird durch einen Buchstaben wiedergegeben. Anders im Deutschen. Für „Fuchs“ gibt es fünfzehn verschiedene systemmögliche Schreibweisen, die richtige Orthographie ergibt sich nicht aus der Lautsprache.

Türkisch kennt keinen einzigen Artikel, deshalb haben türkische Schüler extrem große Probleme bei der Artikelbestimmung und dem Artikeleinsatz insbesondere dann, wenn der Artikel sich auch noch von Fall zu Fall |der| |den| |dem| etc. verändert und das biologische Geschlecht nicht immer mit dem grammatischen Geschlecht übereinstimmt, z. B. das Weib.

Türkisch kennt keine geschlechtliche Unterscheidung in der 3. Person Singular wie, |er|, |sie|, |es| und die Possessivpronomen |sein|, |ihr|, |sein| sorgen für große Verwirrung. Von den insgesamt 48 Möglichkeiten, muss der Schüler erst einmal die richtige erkennen. Präpositionen werden im Türkischen primär durch Suffixe ausgedrückt, anders im Deutschen. Sie verändern sich nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch in Abhängigkeit zu Personen, Ländern, Institutionen etc., z.B. zu Peter, aber nach Deutschland und ins Bett. Da nützt es auch nichts, ausländische Eltern anzuhalten mit ihren Kindern deutsch zu sprechen oder sie möglichst frühzeitig in den Kindergarten zu schicken, denn Eltern mit schlechten Deutschkenntnissen sind auch schlechte Sprachvorbilder.

Erzieher in Kitas sind in der Regel nicht linguistisch geschult, aber selbst, wenn sie das wären, ist ein institutionalisierter Unterricht nicht möglich. Entscheidend ist die Umgebungssprache. Kitas, in denen babylonisches Sprachengewirr herrscht, sind kontraproduktiv für den Deutscherwerb, denn Kleinkinder eignen sich eine Sprache simultan und auditiv an, kurz, sie plappern das Gehörte nach und das primär von den Spielkameraden. Kommen diese Kinder in Ghetto-Schule, manifestierten sich erworbene Sprachprobleme. Inzwischen haben diese Kinder auch Probleme mit ihrer eigenen Muttersprache, dabei sind muttersprachliche Kenntnisse eine wichtige Voraussetzung für den Zweitsprachenerwerb.

In der Praxis äußert sich das so, dass betroffene Kinder nicht imstande sind, eine längere Konversation in einer der beiden Sprachen durchgängig zu führen, sie vermischen beide Sprachen, kennen oftmals die Bedeutung eines Wortes nur in einer Sprache, haben einen eingeschränkten Wortschatz und häufig Wortfindungsschwierigkeiten. Da sie die Orthographie weder in der Muttersprache noch in der Zweitsprache (Deutsch) richtig beherrschen, sind sie auch nicht imstande unbekannte Wörter in der einen oder anderen Sprache nachzuschlagen – funktionaler Analphabetismus.

Da bilinguale Kinder – im Gegensatz zu ihren deutschen Mitschülern – andere Deutschfehler machen, macht es Sinn, wenn man diese „Fehlerquellen“ kennt, nur so lassen sich Sprachfehler gezielt beheben. Mehr noch. Kennt man die Deutschfehler, die aufgrund der jeweiligen Herkunftssprachen zu erwarten sind, kann man sogar präventiv unterrichten, bevor sich Deutschfehler verfestigen.

Über den Sprachvergleich (Herkunftssprache und Zielsprache) entwickeln die Kinder selbst ein Bewusstsein über mögliche Fehlerquellen. Bilinguale Kinder bringen Kenntnisse aus beiden Sprachen mit, es muss ihnen nur gezeigt werden, wie sie ihre Sprachkenntnisse gezielt weiterentwickeln können. Hier müssen Lehrer auf Interferenzfehler sensibilisiert werden und wissenschaftliches Handeln ist gefragt, denn falls Verantwortliche nicht mehr zu bieten haben, als diesen Kindern Sprachkampagnen anzubieten, die Zunge auszustrecken, Kitabesuch zu empfehlen oder sie als Sprachverweigerer zu stigmatisieren, sollten sich alle schon mal auf Kanackendeutsch einstellen, denn diese Kinder sprechen inzwischen eine andere Sprache, ein Mix aus beiden Sprachen, quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen.

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45 Kommentare
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  1. Vielen Dank für diesen wunderschönen Artikel, Zerrin! Du verstehst es nicht nur unheimlich interessant zu schreiben, sondern auch die Wissenschaft von den Sprachen ,die Linguistik für den Laien verständlich zu machen.. Und vor allem: Du gibst Erziehern in Kindergärten und Lehrern wichtiges Wissen an die Hand, das sie im Umgang mit zweisprachlichen Kindern gut gebrauchen können! Als Ergänzung für die Leser empfehle ich Deinen Artikel „Keine Einmischung! Zuerst die Muttersprache!“, ebenfalls hier im MIGAZIN.

  2. Marc Fischer sagt:

    Selbst ich als Naturwissenschaftler habe es verstanden. Vielen Dank für diese Sicht der Dinge, die, so wie Sie es beschreiben, die eigentliche Ursache für die Sprachproblematik dieser Kinder sind. Daraus folgt, dass die Beschuldigungen, sie wollen kein Deutsch lernen, fast schon ein schlechter Vorwand für misslungene Sprachförderung bzw. Sprachpolitik ist.

  3. Miro sagt:

    Wenn man diesen „wissenschaftlichen“ Artikel so liest, dann muss man den Eindruck bekommen als wäre es die unvermeidliche Konsequenz das bilinguale Kinder Sprachprobleme haben und auch die Eltern da nichts machen können.
    Komisch nur das osteuropäische und asiatische Einwanderekinder diese Probleme in der Häufigkeit nicht zeigen.
    Wenn die Autorin wirklich etwas verbessern will dann sollte sie sich an die Eltern dieser Kinder wenden und dort mehr Angagement fordern, anstatt speziellen Sprachunterricht, bzw eine Sonderbehandlung für Türken zu fordern.
    Wenn das nicht gelingt, und bei vielen ist das der Fall, dann sollte man ernsthaft über eine Rückkehr nachdenken, der Kinder und der deutschen Steuerzahler wegen.

  4. Claus sagt:

    Kaum meldet sich jemand zu Wort, der etwas von der Sache versteht, verpuffen sogleich die Schlagworte um die sog. Integrationsverweigerer. Ein sehr lesenswerter, sehr zu empfehlender Artikel.

  5. Sinan Sayman sagt:

    Miro, haben Sie den Artikel wirklich gelesen, denn es ist doch sehr ausführlich beschrieben worden, warum diese Sprachprobleme entstehen. Nicht die Eltern können hier etwas bewegen, sondern die Schulen. Wenn Kinder in Ghettos leben und auf Ghettoschulen gehen, wo keiner richtig deutsch spricht, dann lernen sie es auch nicht. Hören sie doch auf, Ihre falschen Forderungen stereotypmäßig runter zu beten. Und, wenn sie nicht, dann sollen sie doch gehen usw. man, das brauchen wir wirklich nicht.

  6. Claus sagt:

    Miro: „Wenn man diesen “wissenschaftlichen” Artikel so liest, dann muss man den Eindruck bekommen als wäre es die unvermeidliche Konsequenz das bilinguale Kinder Sprachprobleme haben und auch die Eltern da nichts machen können.“

    Ich weiß nicht, welchen Artikel Sie gelesen haben, aber der obige von Frau Konyalıoğlu-Busch kann es nicht gewesen sein.

  7. Bierbaron sagt:

    In meinen Augen begeht Frau Konyalıoğlu-Busch in ihrem äußerst interessanen Artikel einen grundsätzlichen Fehler, wenn sie Menschen, die mitunter in der 4. Generation hier leben kritiklos das Merkmal „Muttersprache Türkisch“ zuschreibt. Es ist doch logisch, dass diese Leute – von der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Heimat weitgehend abgeschottet – mit der Zeit ihre eigene Kreolsprache bilden.
    Nun ist es allerdings in meinen Augen grundfalsch, die Lösung darin zu sehen, Türken der 4. Generation in Deutschland – natürlich staatlicherseits bezahlt und gefördert – perfektes Türkisch beizubringen! Ich musste selber eine Menge investieren, dass ich heute meine Muttersprache und Deutsch akzentfrei beherrsche und wurde hierbei auch von meinen Eltern immer unterstützt. Dies ist es, was vielen Türken leider abgeht: Eigeninitiative und Eigenverantwortung, zwei der wichtigsten Eckpfeiler der deutschen Gesellschaft, werden von den türkischen „Ghettoisten“ schlicht nicht akzeptiert und erst recht nicht gelebt.
    Denn wer die Lage seiner Kinder im „Ghetto“ als nicht akzeptabel erachtet muss zusehen, dass er aus ebendiesem Ghetto rauskommt! Ich verstehe schon: Sich über „verpasste Chancen“, „das Bildungssystem“ und ganz allgemein „die Deutschen“ zu echauffieren ist einfach, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen nicht immer….

    Grüße
    Bierbaron

  8. BirRealist sagt:

    Ich frage mich wirklich jedes Mal aufs Neue, woher dieses Gerücht kommt, türkische Kinder/ Jugendliche hätten per se massive Probleme mit der deutschen Sprache!

    Ich selbst gehöre zur dritten türkischen Generation an (23 Jahre alt), wuchs auch in einer Gegend auf, wo der Ausländeranteil erhöht war und war in meiner Jugend fast ausschließlich mit Türken/Muslimen unterwegs. Auch in meinem damaligen Fußballverein gab es überdurchschnittlich viele Türken usw, deren Bildung war bis auf wenige Ausnahmen durchschnittlich (Realschule) bis schlecht (Hauptschule).

    ABER, und das muss ich wirklich betonen, KEINER von denen hatte massive Probleme mit dem Deutschen! Wirklich keiner, ausgenommen einer leichten „Ey was geht“- Tendenz zumeist bei den Hauptschülern. Jedoch war dieser Ghettoslang in der selben Weise bei den Deutschen Hauptschülern anzutreffen – Sprache war in meinem Umfeld, genau so wie sie es auch generell in Deutschland ist, eine Bildungssache.

    Guter Schulabschluss, gutes Deutsch.

    Und da – bei der Bildung von Türken/Moslems! – müssen Medien und Politik auch ansetzen, anstelle die ganze Zeit auf dem „Du bist Türke/Muslim = Du kannst kein Deutsch“ – Thema rumzuhacken. Es nervt einfach nur noch!

  9. Leon sagt:

    Ich stelle mir gerade vor, Einwandererfamilien der 3. und 4. Generation in Australien würden vom Staat verlangem, dass er ihren schulpflichtigen Kindern die englische Landessprache beibringt.
    Die Aussies würden sich schieflachen.

    Deutschland hat sich zwar nicht wie ein Einwanderungsland verhalten, aber manche Einwanderer wollen einfach ihre Grundpflichten nicht begreifen.

  10. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Sehr geehrte Frau Zerrin Konyalioglu,
    warum sollen Kinder nicht beide Sprachen gleichzeitig lernen? Ich empfehle Ihnen das Buch von Drorit Lengyel (2009): Mehrspracherwerb in der Kita, Münster: Waxmann.
    Außerdem muss ich Ihnen leider bezüglich der Interferenz widersprechen.
    Sie tritt öfter bei Sprachen auf, die einander ähnlich sind, wie z.B. die semantische Interferenz von Niederländisch zu Deutsch des Wortes /docht/
    belegt. Während es im Niederländischen für /Faden/ steht, hat es im Deutschen eine eingeschränkte Bedeutung für die Verwendung in Kerzen.
    Linguisten sprechen von „falschen Freunden“.
    Die Ähnlichkeiten z.B. innerhalb der indogermanischen Sprachzweige können positiv als Transfer genutzt werden. Als Lehrmethode (Interkomprehension) erleichtern sie das Lernen ähnlicher Sprachen durch Einsicht in ähnliche Strukturen ((vgl. Dr. phil, Marcus Bär: Auswahlbiographie zur Intercomprehension (romanischer Sprachen) und zur Mehrsprachigkeitsdidaktik)).
    Ich stimme Ihnen zu, dass Lehrer über die Strukturen der Ausgangssprachen ihrer Schüler informiert sein sollen. Ich habe das für die Ausbildung aller Lehrer gefordert.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rita Zellerhoff


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