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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Spracherziehung 4/5

Schreiblernmythen

Die richtige Spracherziehung – Soll man Kindern zuerst die Muttersprache oder die Landessprache beibringen oder doch gleich mehrsprachig erziehen? Ein fünfteiliges MiGAZIN-Special mit Ergebnissen der Bilingualismusforschung und Tipps für die Praxis.

VONDr. Sabine Schiffer

 Schreiblernmythen
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM10. März 2011

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Gehen Sie in die nächste Grundschule und Sie werden mit mehreren Mythen über das Schreibenlernen konfrontiert. Obwohl man eigentlich weiß, wie es am besten funktioniert, scheint ein Innovationsdruck auch in den Lehrplänen zu regieren, so dass altbewährte Einsichten und Modelle wieder geopfert werden. Mit teils abenteuerlichen Ansätzen werden die Kinder in dieser sensiblen Phase für ihr ganzes Leben verunsichert. Sicher, ein kleiner Teil der Kinder lernt Lesen und Schreiben trotzdem und ein kleiner Teil der Kinder würde es auch mit besseren Methoden nicht zufriedenstellend lernen. Aber das große Mittelfeld, das mit entsprechender Förderung die erwarteten Leistungen erbringen könnte, droht bei bestimmten Lehrplankapriolen durch das Raster zu fallen. Schade!

Nun, was heißt das für unsere mehrsprachig aufwachsenden Kinder? Es wurde bereits erwähnt, dass das Schreiben- und Lesenlernen der Erstsprache ruhig vor dem Eintritt in die Grundschule beginnen darf, wenn das Kind dazu bereit ist – und die meisten Kinder interessieren sich dann dafür, wenn sie einen direkten Vorteil haben. Das kann etwa sein, wenn sie plötzlich Coca-Cola lesen können, den Titel des geliebten Kinderbuchs oder auch den eigenen Namen schreiben können. Die erworbenen Fähigkeiten müssen noch viel stärker mit der direkten Lebensumwelt des Kindes verknüpft sein als später – obwohl dies auch dann einen Lernvorteil bedeutet. Aussagen wie „Kinder sollen von Anfang an lernen, im ganzen Wort zu lesen“ eventuell noch verknüpft mit der Drohung einer späteren Legasthenie ist eine Fahrlässigkeit von Seiten der Lehrkräfte, die in der Tat einige „Legastheniker“ erzeugt hat. Natürlich lernt man langsam den ersten Buchstaben, dann – schon etwas schneller – den zweiten. Diese werden dann verknüpft. Mit drei Buchstaben kann man dann schon ganz viele Wörter formen, wenn man mit den geeigneten Buchstaben je nach Sprache beginnt. So erschließt sich langsam das Prinzip der Wortbildung. Und dieses hat überhaupt nichts damit zu tun, „dass wir schreiben würden, wie wir sprechen“. Das tun wir nämlich nicht – auch nicht im Deutschen.

Es gibt Regeln und die müssen erlernt werden – und das erreicht man durch Üben der richtigen Wörter und Grammatik und nicht irgendwelcher Vorstufen, die die lernwilligen Kinder aufsaugen wie eben alles in dem Alter. Im Laufe des Lese- und Schreiberwerbs in Verbindung mit viel Üben kommt das Kind nach ca. 3 bis 4 Jahren dazu, Wörter ad hoc zu erfassen – aber nicht, indem es die drei ersten Buchstaben sieht und den Rest errät, sondern indem es sein Sprachwissen erfolgreich anwenden kann. Es denkt dann ungefähr Folgendes: In dem Kontext können nur wenige Worte stehen und darum weiß ich, dass ich bei diesem Wort an eine bestimmte relevante Stelle hingucken muss, um es von anderen hier möglicherweise platzierten Wörtern unterscheiden zu können. Dies läuft später so schnell ab, dass wir es nicht mehr merken. Erlernen wir aber die Kombinationsmöglichkeiten nicht zu Genüge, dann ist uns dieser Zugang verwehrt und die Kinder werden wie bei einigen Anfangsmethoden auch später viel raten – wenn sie denn dann überhaupt noch lesen – und beim Leseverstehen schlecht abschneiden.

Aus Spaß wird Ernst
Zu bedenken ist noch, dass sich Sprachen entwickeln, so auch das Deutsche in Deutschland, das Türkische in der Türkei, das Englische in Großbritannien und den USA. Bekannt ist, dass die Sprachentwicklung in der Diaspora fern ab der alten Heimat stagniert – ebenso die kulturelle Entwicklung. Betrachtet man etwa Ansichten und kulturelle Vorstellungen der deutschen Minderheit in den USA, dann fühlt man sich um einige Zeit zurück versetzt. Das ist nicht weiter schlimm, will man aber dem Kind eine umfassende Ausbildung in seiner Herkunftssprache zukommen lassen, dann sollte man für rege Kontaktpflege mit dem Herkunftsland sorgen – z.B. auch durch den Besuch einer Sommerschule oder eines Schuljahres nach dem hiesigen Schulabschluss.

Hier wird die Spracherziehung gezielter verfolgt als in der eher natürlichen und spielerischen Umgebung des Kleinkindes. In diesem Stadium kann man auch vor Ort nach alternativen Schulmöglichkeiten Ausschau halten, die dem Kind den Erwerb mehrerer Sprachen erleichtern. Zumeist gibt es Schulen für Englisch als Unterrichtssprache. Dieser sog. fremdsprachliche Fachunterricht bedeutet, dass der Unterricht in den Sachfächern auf Englisch abgehalten wird. Dieses Angebot nutzen vor allem international sehr mobile Familien, kann aber auch darum interessant sein, weil etwa der Geschichtsunterricht weit über das landesspezifische Angebot hinausgeht. Manchmal gibt es das Angebot weiterer Sprachen, die über Englisch und Französisch hinausgehen, als Wahlkurse auch an Regelschulen. Lassen Sie sich nicht von Benennungen täuschen. Eine „Europaschule“ muss nicht unbedingt auf Sprachförderung setzen oder gar den Unterricht in anderen Sprachen abhalten, sondern kann sich ganz auf die interkulturelle Erziehung konzentrieren. Gibt es kein Angebot speziell für Ihre Sprache, dann suchen Sie nach Gleichgesinnten und gründen eine Nachmittags-, Samstags- oder Sonntagsschule.

In Nürnberg zum Beispiel gibt es so ein Angebot für Französisch. Im Internet gibt es einige Adressen zum Thema, die weiter unten angeführt sind. Am besten aber, Sie erkundigen sich vor Ort, denn in jedem Land und in Deutschland in jedem Bundesland und auch in vielen Städten herrschen wieder eigene Regelungen. Auch der sog. muttersprachliche Unterricht ist eine wichtige Sache, denn mehrsprachig aufwachsende Kinder benötigen in allen Sprachen immer neue Impulse und müssen zu einem Zeitpunkt Lesen und Schreiben lernen, wo sie das noch einsehen. Spricht man als Erwachsener eine Sprache fließend, tut man sich wesentlich schwerer damit, das Lesen- und Schreibenlernen noch ernst zu nehmen. Damit liegen etwa die Moscheevereine in Deutschland genau richtig, die sowohl Deutschkurse als auch muttersprachlichen Unterricht anbieten. Auch das Goethe-Institut bietet für die Kinder binationaler Paare im Ausland, die einen deutschen Elternteil haben, solche Schülerkurse an, um den Kindern ein kulturelles und sprachliches Mithalten in Wort und Schrift zu ermöglichen.

Natürlich können Kinder auch ganz regulär in den Schulen mit dem Zweitsprach-erwerb beginnen – inzwischen wird deutschlandweit oft ab der dritten Klasse eine zweite Sprache „spielerisch“ angeboten, was für diese Jahrgangsstufe eigentlich schon nicht mehr altersgemäß ist. Mein Eindruck ist, dass man diese Zeit besser auf das Deutschlernen verwenden sollte – oder aber sanft in einen richtigen Sprachunterricht einsteigt. Aber eindeutiger Vorteil des möglichst frühen Fremdsprachenkontakts ist der Erhalt der Artikulationsfähigkeit für Laute, die etwa das Deutsche nicht benötigt. Auch andere Denkstrukturen werden so leichter erfasst als später, wenn die Wahrnehmungskategorien schon verfestigt sind. Ein Russe tut sich schwer, im Deutschen den Unterschied zwischen „an etwas hängen“ und „auf etwas liegen“ zu erfassen, weil es im Russischen diese Unterscheidung einfach nicht gibt. Während er diese Unterscheidung zwischen vertikaler und horizontaler Anordnung als Kind unbemerkt gelernt hätte, muss er sich als Erwachsener etliche Regeln und Eselsbrücken merken für etwas, das uns gar nicht weiter auffällt.

Hinweis: Der nächste Teil dieser Artikelreihe erscheint morgen auf MiGAZIN. Zurück zum ersten Teil.

Auch grammatische Unterschiede wie etwa die völlig anderen Wortbildungsprinzipien in den semitischen Sprachen und in den europäischen, sowie die Bedeutungskomponente Satzbau im Deutschen und Englischen im Gegensatz zum Anhängen grammatischer Silben im Türkischen uvm. kann als kleines Kind leichter gelernt werden, als wenn man als Jugendlicher mit dem Spracherwerb beginnt, denn ab dem 10. Lebensjahr bilden sich bereits bestimmte ungenutzte Fähigkeiten wie Aussprache und Hörverstehen wieder zurück.

Weiter zum fünften Teil dieser Artikelreihe

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3 Kommentare
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  1. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Hinweis der Redaktion: Die Literaturangaben zur Artikelreihe werden mit dem letzten Beitrag (morgen) veröffentlicht. Ihre MiGAZIN-Redaktion.

    Liebe Frau Dr. Schiffer, ich wünschte mir, Sie hätten Autoren genannt, auf die sich die „Kapriolen“ beziehen, Leider gibt es immer wieder bestimmte Moden, wie das „Lesen durch Schreiben“ nach J. Reichen (1992, 1998), die zwar für viele Kinder motivierend sind, aber Kinder mit Wahrnehmungsstörungen verunsichern. Kinder, die sich die deutsche Sprache erst aneignen müssen, benötigen Hilfen bei der Differenzierungs- und Durchgliederungsfähigkeit, die bei buchstaben- und lautorientierten Methoden bereits vorausgesetzt werden. Zur Verschriftlichung des Deutschen bedarf es aber vieler unterschiedlicher Strategien. Eine Überbetonung der Lautstruktur verzögert die Einsicht in diese vielfältigen Strukturen. Außerdem gibt es eine Menge von Ausnahmen, das heißt eine Vielzahl von Wörtern, die direkt in den Wortspeicher übernommen werden muss (vgl. Zellerhoff, Rita (2009) Didaktik der Mehrsprachigkeit, Frankfurt/M.).
    Mit freundlichen Grüßen
    Rita Zellerhoff

  2. Renate sagt:

    Wirklich interessant! Ich schreib gerade eine Diplomarbeit zu dem Thema …

    Renate



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