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Spracherziehung 1/5

Mehrsprachig Aufwachsen ist der Normalfall

Die richtige Spracherziehung – Soll man Kindern zuerst die Muttersprache oder die Landessprache beibringen oder doch gleich mehrsprachig erziehen? Ein fünfteiliges MiGAZIN-Special mit Ergebnissen der Bilingualismusforschung und Tipps für die Praxis.

VONDr. Sabine Schiffer

 Mehrsprachig Aufwachsen ist der Normalfall
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM7. März 2011

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Immer noch kursieren Mythen wie die einst populäre Auffassung, dass das gleichzeitige Erlernen mehrerer Sprachen zur Verwirrung der Kinder führe und diese in ihrer Entwicklung behindere. In Deutschland sind derlei Einsprachigkeitsmythen stark ausgeprägt. Zwar gibt es längst ausreichend Forschungsergebnisse, die diese These widerlegen, aber das Wissen darüber hat sich noch nicht in der Öffentlichkeit durchgesetzt.

Auch, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder später sprechen als andere ist ebenso nichts als ein Gerücht. Bewiesen wurde, dass Entwicklungsunterschiede immer individuell sind und sich Kinder nicht danach unterscheiden lassen, ob sie mit einer oder mehreren Sprachen aufwachsen. Wie diese Theorien zeigen, herrscht vor allem Unsicherheit bei diesem Thema. Diese Unsicherheit verursacht Fehlverhalten, welches für die Betroffenen tatsächlich schwerwiegende negative Folgen haben kann. Dabei wäre es relativ einfach, den Kindern Hilfestellungen zu geben, die die Chance haben, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen – damit sie dabei erfolgreich sind. Zwei- oder mehrere Sprachen zu beherrschen ist immer von Vorteil.

Dieser Aufsatz will einen konstruktiven Beitrag zum erfolgreichen Aufwachsen mit zwei und mehr Sprachen leisten, indem auf der Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse konkrete Hinweise und praktische Tipps gegeben werden, die Eltern und die Umgebung in ihren Bemühungen unterstützen.

Die meisten Menschen auf der Welt wachsen mehrsprachig auf (ca. 60-70%), wobei in der Regel eine Sprache dominiert und eine oder mehrere andere Sprachen auf unterschiedlichem Niveau beherrscht werden. Die Mehrzahl der mehrsprachig aufwachsenden Menschen verfügt in der dominanten Sprache über mehr Können als ein einsprachig aufgewachsener Mensch, und in der zweiten ungefähr vergleichbare Kompetenzen – aber es gibt eine Bandbreite von gelungener und weniger gelungener Spracherziehung egal ob mehr- oder einsprachig. Meiden Sie unnötige Vergleiche – Lernen ist immer individuell. Auch Auffälligkeiten sind immer individuell. Hüten Sie sich vor vorschnellen Schlüssen, denn das beeinflusst Sie und Ihr Kind – wie etwa das Festhalten am Spätsprechmythos. Es müssen nicht gleich mindestens drei Sprachen gleichzeitig sein wie in der Südschweiz, wo neben Italienisch und Französisch oder Deutsch noch das Rätoromanische gesprochen wird. Aber, auch das schadet den Betroffenen nicht. Darum sind auch hier nicht alle Menschen Sprachgenies. Es gibt wie überall kompetentere und weniger kompetente Sprachbenutzer – individuell unterschiedlich.

Wenn in einer mehrsprachigen Umgebung eine mehrsprachige Erziehung nicht gelingt, dann sind dafür verschiedene Faktoren verantwortlich, die wir kennen müssen, um ihnen in der Erziehung zu begegnen. Auf jeden Fall ist sicher, dass eine gute Sprachkompetenz in einer Sprache ein besseres Lernen einer oder mehrerer anderer Sprachen ermöglicht. Kindergärtner(innen) bestätigen: Kinder mit guten Erstsprachkenntnissen lernen schnell und zuverlässig die zweite! Die dominante Sprache kann im Laufe des Lebens wechseln, in Phasen der Kindheit kann es sein, dass eine Sprache völlig zurück gedrängt scheint. Wenn man über die Normalität verschiedener Entwicklungsmöglichkeiten weiß, behält man die Ruhe und Zuversicht, die nötig ist, die Spracherziehung weiterhin konstruktiv voran zu bringen.

Es ist zum Beispiel bekannt, dass es phasenweise Vermischungen der Sprachen gibt. Das ist nicht immer negativ, man kann dabei z.B. beobachten, dass Kinder erworbene Regeln einer Sprache auf die andere anwenden und sozusagen zeigen, dass sie das System verstanden haben. Sensible Korrekturen ohne Kritik – und am besten, ohne dass das Kind es merkt, sind hier leicht anzubringen. Dafür muss man zuerst genau beobachten und erst bei Wiederholung der gleichen Fehler korrigierend einschreiten. Vielleicht schafft man es einen Anlass zu finden, bei dem man selber die Äußerung richtig verwendet. Der Nachahmungseffekt ist ja groß. Wer aber in Panik gerät, vermittelt seinem Kind, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte – das ist für jegliche Entwicklung hemmend. Die Entwicklung der Kinder hängt immer von uns Eltern ab – schon von unserer Einstellung zum Lernen und zur Bildung überhaupt. Glücklich sind die Kinder, deren Eltern das sichere Gefühl haben, dass man alles lernen kann, was einem angeboten wird. Man muss nur zugreifen – und so ist es auch.

Die Wissenschaft befasst sich viel mit dem Problem des Erhalts der Migrantensprache in der dominanten Umgebungssprache – auch ein wichtiges Thema, wozu es einige Tipps hier geben wird. Die Problematik einer Ghettosprache muss aber ebenso behandelt werden, wenn sich Sprach-Enklaven innerhalb einer anderen Landessprache bilden, die verhindern, dass man die Landessprache überhaupt erwirbt. Denn das muss man, um in der Gesellschaft konstruktiv mitwirken zu können.

Der Idealfall
Die Formel „One person – one language“ ist gut, aber nicht zwingend. In binationalen Partnerschaften hat es sich bewährt, wenn ein Elternteil konsequent die eine Sprache spricht, das andere Elternteil die andere. Fehlende Zeit – zumeist mit den Vätern – kann durch unbemerkte Sprachübungen ergänzt werden, wie z.B. durch den Besuch der Großeltern, einem Film in der Vatersprache u.ä. Aber Vorsicht, Medien können allenfalls eine sinnvolle Ergänzung sein, niemals ein Ersatz. Menschen und ganz besonders Kinder lernen in Beziehung zu anderen Menschen und diese brauchen sie, um einen Lerngegenstand als positiv und lernenswert zu erleben. Darüber hinaus ist es wichtig zu wissen, dass kleine Kinder bis zum Schulalter nicht mit großen Pausen lernen können. Schon ein Abstand von einer Woche reduziert enorm die Erinnerungsleistungen des Kindes. Darum ist es sinnvoll, jeden Tag für ein paar Impulse in der zweiten Sprache zu sorgen – eine Viertelstunde kann da schon ausreichen, damit ein gewisses Sprachniveau erlangt und erhalten wird, das es dem Kind ermöglicht, weiterhin an den Unterhaltungen in dieser Sprache teilzunehmen. Als Idealfall kann auch folgende Situation gelten: „eine Sprache drinnen – eine draußen“. Dies wäre ideal für Migrantenfamilien, die in einer fremden Sprachumgebung wohnen. Dann kann man getrost zu Hause die Familiensprache sprechen, draußen erwerben die Kinder die Sprache der Umgebung. Hierbei muss man nur die gesamte Spracherziehung im Blick haben, denn wenn die Kinder ausschließlich mit Gleichaltrigen zu tun haben, dann ist die Sprache nicht reich genug. Bestimmte Dinge, die in anderen Situationen vorkommen würden, lernen sie dann nicht. Und es ist immer gut, wenn Kinder sich an Vorbildern orientieren, die „mehr zu bieten haben“.

Darum ist es gut, wenn man etwa für einen Spielnachmittag mit einem Teenager sorgt, oder einen solchen als Babysitter engagiert. Auch ältere vielleicht pensionierte Nachbarn würden sich eignen, um vielleicht den Kindern regelmäßig vorzulesen – ein Gewinn für alle. Weitere Lernkontexte bieten auch Ausstellungen, Erfahrungsfelder für die Sinne, vielleicht ein Zeitschriftenabonnement. Auch Einladungen bei den Familien der Spielkameraden sind hilfreich. Spielen mit Sprache wie in Theatergruppen und Spielkreisen ist ein sehr reichhaltiges Angebot und gibt es für alle Altersklassen. Wenn sich Ihr Kind für Musik interessiert, kann es auch an der musikalischen Früherziehung teilnehmen. Es wird dort vielleicht nicht so viel gesprochen, aber positive Impulse in der Umgebungssprache sind vorhanden und in einer schönen Atmosphäre wird es diese positiv erleben. Malkurse sind ebenso geeignet wie Sportvereine. Wenn nicht vorhanden, kann man auch selber Theater-, Spiel- und Bastelgruppen sowie Lesestunden organisieren, damit die Kinder Sprachimpulse über das Straßenniveau hinaus erhalten.

Hier sind oft die Ausländerbeiräte der Kommunen hilfreich und können darüber informieren, was es bereits für Infrastrukturen gibt bzw. wo man Räume für solche Aktivitäten nutzen kann etc. Allerspätestens mit dem möglichst frühen Eintritt in den Kindergarten beginnt die gezielte Sprachförderung in der Umgebungssprache. Auch hier gilt zu prüfen, ob die Kinder ausreichende Impulse über das altersgemäße Sprachniveau hinaus erhalten oder sich im Wesentlichen selbst überlassen werden – die Sprachentwicklung ist dann immer etwas reduzierter als bei gezielter pädagogischer Förderung.

Wie geht es weiter?
Die normale Entwicklung ist dann, dass die Umgebungssprache dominant wird. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es schließlich sinnvoll, wenn man auf Erwerb und Erhalt der Herkunftssprache achtet. Um den Kindern einen Zugang zur Herkunftskultur zu ermöglichen, benötigen sie die Sprache. Dies kann man allein schon durch abendliches Vorlesen gut lebendig erhalten, wobei dann regelmäßige Reisen oder Einladungen an Freunde und Verwandte den unbemerkten Ansporn bilden, dran zu bleiben, um sich mit den anderen problemlos verständigen zu können. Inzwischen gibt es einige Modellprojekte, die belegen, dass eine gezielte Sprachförderung in der Erstsprache erfolgreicher ist, wenn sie auch von der Umgebung als Gewinn anerkannt wird. In begleitenden Kurssystemen wie etwa im „Rucksack“- oder „Griffbereit“-Projekt werden Eltern von entsprechend geschulten Pädagogen der Kindertagesstätten zusätzlich ermutigt, ihre Kinder sprachlich mehr zu fördern. Tipps und Informationen werden den Eltern an die Hand gegeben und es hat sich gezeigt, dass neben gezielten Spielsituationen, in denen die Kinder einen thematischen Wortschatz erlernen, auch und vor allem das Mitnehmen der Kinder bei ganz normalen Alltagstätigkeiten wie Backen, Reparaturen und Einkaufen förderlich ist für die Beziehung der Kinder zu den Eltern als auch für die Förderung der Sprachkompetenzen.

Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass die Kinder Lesen und Schreiben in der Herkunftssprache lernen. Dies können sie sogar schon vor dem Eintritt in die Grundschule tun – das wirkt sich dort direkt positiv aufs (Sprach-)Lernen aus. Es ist erwiesen, dass Kinder, die bereits ein Alphabet gut gelernt haben – und zwar egal welches –, sich leichter tun, ein weiteres zu lernen. Das System „Buchstaben repräsentieren Laute/Worte“ haben diese Kinder schon verstanden. Auch haben sie meistens ein höheres Sprachbewusstsein, so dass sie früher beginnen, analytisch über Sprache nachzudenken – wohlgemerkt, wenn sie gut geschult sind in ihrer Erstsprache. Auch wenn sie gleichzeitig zwei Alphabete lernen, schadet das nicht. Hier gilt allerdings, je unterschiedlicher umso leichter.

Jüdische Kinder in Bagdad lernten in der Schule mit drei Sprachen auch gleich drei Alphabete parallel: Arabisch, Hebräisch und das Lateinische. Ideal ist, wenn etwa Migrantenkinder die Sprache ihrer Eltern vor dem Eintritt in die Grundschule bereits lesen und schreiben lernen. Den Vorsprung beim „Wie lerne ich Sprache“ können sie gebrauchen, wenn neue Themen mit neuen Wörtern und komplexeren Satzstrukturen auf sie herein brechen, die sie aus ihrem Alltag nicht kennen können. Aber auch der schulbegleitende muttersprachliche Unterricht, der meistens die Erstsprache als zusätzliches Unterrichtsfach ab der zweiten Schulklasse anbietet, ist eine Möglichkeit, die alle nutzen sollten. Denn wenn die Ausbildung in der Erstsprache stagniert, ist auch die Entwicklung in der Zweitsprache in Gefahr.

Weiter zum zweiten Teil dieser Artikelreihe

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10 Kommentare
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  1. P. L. Aae sagt:

    Es wäre nett, wenn die Autorin Thesen, wie die, daß die meisten Kinder Mehrsprachig aufwachsen, nicht nur in den Raum stellen, sondern auch belegen würde, v.a. auch die Umstände, unter denen sie evtl. zutrifft, belegen würde. Daß Kinder in manchen ehemaligen Kolonialländern mehrsprachig aufwachsen, leuchtet mir ein. Interessant wäre allerdings, zu erfahren, wie dies die jeweilige Muttersprache (oder „dominante“ Sprache) beeinflußt hat. Damit meine ich nicht nur die Sprache des einzelnen, sondern die Sprache insgesamt, ihren Ausdrucksreichtum, ihre Tradierung im Schrifttum, insbesondere im modernen Schrifttum, ihre Entwicklungsfähigkeit bei Beibehaltung von Integrität und Transparenz etc. Und ist es nicht so, daß die Entwicklung der Sprache im ganzen letztlich der individuellen Sprachentwicklung Grenzen setzt? Was letztere betrifft, ist es meine persönliche Erfahrung, daß Mehrsprachigkeit enorme Anforderungen an die Kontinuität der sozialen Umgebung stellt. Das Kind assoziiert die Sprache mit bestimmten sozialen Konstellationen, wie Elternhaus, Kinder, Geschäfte u.s.w., u.s.f., und hat große Schwierigkeiten, sich umzustellen, wenn sich diese Konstellationen ändern. Ich habe selbst erlebt, WIE groß diese Schwierigkeiten sein können. Am schwierigsten dürfte es wohl sein, wenn sich die Verhältnisse ändern, während das Kind gerade dabei ist, das Sprechen zu erlernen.
    PLA

  2. Boli sagt:

    Ich frage mich wirklich wieso überhaupt auf dem Thema so lange rumgeritten wird. Echt! Leute wir sind hier in Deutschland. Jeder darf neben deutsch auch noche eine andere Sprache lernen oder sprechen. Wo ist das Problem? Zuerst die Landessprache damit die Kleinen überhaupt vorwärts kommen und dann JEDE Sprache die man sich noch wünscht, Englisch inbegriffen da dies eine weit verbreitete Geschäftssprache ist.
    Auf was will dieser Artikel eigentlich wirklich hinaus? Das ist Zeitverschwendung.

    Denn wenn die Ausbildung in der Erstsprache stagniert, ist auch die Entwicklung in der Zweitsprache in Gefahr.

    Im letzten Satz bündelt sich der ganze Sinn des Artikels.

  3. Cengiz sagt:

    @ Boli

    In diesem Artikel geht es nicht um die Debatte, welche Sprache zuerst gelehrt werden soll. Es geht geht um Spracherziehung allgemein. Aber lassen wir uns doch überraschen, was uns in den nächsten Teilen noch erwartet.

  4. Sugus sagt:

    „Immer noch kursieren Mythen wie die einst populäre Auffassung, dass das gleichzeitige Erlernen mehrerer Sprachen zur Verwirrung der Kinder führe und diese in ihrer Entwicklung behindere. In Deutschland sind derlei Einsprachigkeitsmythen stark ausgeprägt. Zwar gibt es längst ausreichend Forschungsergebnisse, die diese These widerlegen (…)“
    Sehr geehrte Frau Dr. Schiffer, es dürfte doch ein Leichtes sein, diese vielen Forschungsergebnisse hier zu zitieren. Warum tun Sie das nicht? Etwa weil Ihre These einfach nicht stimmt? Auch die Behauptung, daß die Mehrheit der Menschen auf der Welt mehrsprachig aufwächst, ist geradezu abenteuerlich.

  5. Kemal sagt:

    Frau Dr. Schiffer, vielen Dank für Ihren Beitrag.

  6. […] „Es ist gar keine Marmelade da!“, sagt der 20-Jährige am Frühstückstisch. Die Mutter fasst sich ans Herz. „Junge, Du kannst ja sprechen. Warum hast Du denn bisher nie etwas gesagt?“ Der Sohn: „Bisher war ja auch immer Marmelade da.“ Dieser Witz steht sinnbildlich nicht nur für den rezeptiven Sprachtyp, sondern gleichzeitig für ein Phänomen, das man als Überfürsorge bezeichnen muss. Offensichtlich entstand für den Jungen nie die Notwendigkeit, sich überhaupt zu äußern. Gerade die hier zugespitzte Übertreibung macht ein Grundproblem heutiger Erziehung deutlich. Alles, was wir den Kindern abnehmen, erlernen sie nicht unbedingt. Sprechanlässe für das Kind ergeben sich nicht, wenn wir ihnen die Sprecharbeit abnehmen, indem wir etwa Fragen stellen, auf die nur mit „ja“ oder „nein“ geantwortet werden muss. Offene Fragen hingegen ermöglichen ein sich Austauschen. Auch das frühzeitige Erkennen, was das Kind begehrt, kann behindernd wirken. Es ist gut, wenn Kinder immer wieder mal außerhalb der eigenen Familie sind, denn Fremde verstehen die Sprachmarotten der Kleinen ja nicht und es ist beobachtet worden, dass sich die Kinder dann auch mehr anstrengen, deutlicher und kompletter zu sprechen – als nur Ein- bis Wenigwortsätze. Kinder, die frühzeitig auch außerhalb des Elternhauses betreut werden, entwickeln sich sprachlich schneller – egal in welcher Sprache. Hinweis: Der nächste Teil dieser Artikelreihe erscheint morgen auf MiGAZIN. Zurück zum ersten Teil. […]

  7. […] Falscher Ehrgeiz ist hier fehl am Platze – und das regelt sich von selbst: erfahren Kinder keine Freude beim Lernen, dann betreiben sie es ungern und mit wesentlich weniger Erfolg. Die positive Einstellung der Eltern zum Lernen an sich und zu den Inhalten allein schon kann hier einiges bewirken. Kinder lernen im Hier und Jetzt. Man kann kein Kind mit den tollen Lebenschancen als Erwachsener motivieren. Es muss Freude erleben bei dem, was es jetzt tut – zum Beispiel mit Papa ein Bilderbuch ansehen, oder mit Opa und Oma einen Ausflug machen. Es sei noch erwähnt, dass Bilderbücher mit zu den besten Angeboten für die Sprachentwicklung der Kinder gehören (z.B. Wimmelbücher), wenn man sie gemeinsam betrachtet. Hinweis: Der nächste Teil dieser Artikelreihe erscheint morgen auf MiGAZIN. Zurück zum ersten Teil. […]

  8. […] Natürlich können Kinder auch ganz regulär in den Schulen mit dem Zweitsprach-erwerb beginnen – inzwischen wird deutschlandweit oft ab der dritten Klasse eine zweite Sprache „spielerisch“ angeboten, was für diese Jahrgangsstufe eigentlich schon nicht mehr altersgemäß ist. Mein Eindruck ist, dass man diese Zeit besser auf das Deutschlernen verwenden sollte – oder aber sanft in einen richtigen Sprachunterricht einsteigt. Aber eindeutiger Vorteil des möglichst frühen Fremdsprachenkontakts ist der Erhalt der Artikulationsfähigkeit für Laute, die etwa das Deutsche nicht benötigt. Auch andere Denkstrukturen werden so leichter erfasst als später, wenn die Wahrnehmungskategorien schon verfestigt sind. Ein Russe tut sich schwer, im Deutschen den Unterschied zwischen „an etwas hängen“ und „auf etwas liegen“ zu erfassen, weil es im Russischen diese Unterscheidung einfach nicht gibt. Während er diese Unterscheidung zwischen vertikaler und horizontaler Anordnung als Kind unbemerkt gelernt hätte, muss er sich als Erwachsener etliche Regeln und Eselsbrücken merken für etwas, das uns gar nicht weiter auffällt. Hinweis: Der nächste Teil dieser Artikelreihe erscheint morgen auf MiGAZIN. Zurück zum ersten Teil. […]

  9. Eva sagt:

    Es ist wichtig, dass die Kinder die Muttersprache lernen. Ich kenne Fälle, da kommt die Großmutter aus dem Ausland zu Besuch und kann nicht mal mit den eigenen Enkeln reden. Auch wenn diese Kinder hier hervorrangend integriert sind: sie sind von den eigenen Wurzeln gekappt.



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