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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Angela Merkel

Das Bild des Islam ist geprägt durch …

Der Islam gehört neben dem Christen- und Judentum auch zu Deutschland, hatte Bundespräsident Christian Wulff betont. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der Islam aber geprägt durch die „Scharia, die Ungleichheit von Mann und Frau und durch Ehrenmorde.“

Über vier Millionen Muslime leben in Deutschland, viele von ihnen bereits seit über fünzig Jahren. Dieser Realität hat Bundespräsident Christian Wulff mit seiner Rede am zwanzigsten Jahrestag der Deutschen Einheit Rechnung getragen und gesagt, dass der Islam neben dem Christen- und Judentum auch zu Deutschland gehört.

Diese Aussage sei missverständlich, heißt es nun aus Unionskreisen. Norbert Geis (CSU) hält eine Gleichsetzung des Islam mit dem Juden- und Christentum „für falsch“. Die Bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) warnt davor: „aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden.“ Für Wolfgang Bosbach (CDU) ist „der Islam inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition.“

Es gibt keine Staatsreligion
Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der Linksfraktion hält mit Grundkurs Staatsrecht dagegen: Die negative Kritik von Bosbach, Haderthauer und Geis „zeigt einmal mehr, dass die im Grundgesetz verankerte Trennung von Staat und Religion leider immer noch von vielen ignoriert wird.“ Dabei sei die Botschaft der Verfassung eindeutig: „Es gibt keine Staatskirche und keine Staatsreligion. Der Staat ist zur neutralen Haltung und Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften verpflichtet.“ Muslime müssten sicher nicht an die Grundwerte der Verfassung erinnert werden. „Da sollten sich Bosbach und Co. lieber mal an die eigene Nase fassen.“

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, kontert ebenfalls: „Die Behauptungen, die Rede vermenge wenig reflektiert die Religionen miteinander und setze sie einander gleich, teilen wir nicht. Das Zusammenspiel von Kultur und Religion ist für den Deutschen Kulturrat von großer Bedeutung. Der Islam ist längst, das sollten die Kritiker der Rede des Bundespräsidenten nicht vergessen, ein Bestandteil unserer Kultur.“

Scharia, Ungleichheit und Ehrenmorde?
Wenn CSU-Politiker und Hardliner der CDU sich nicht unbedingt erfreut über die Worte Wulffs zeigen, überrascht das nicht. Wenn aber Bundeskanzlerin Angela Merkel vier Millionen Muslimen negativ etikettiert, lohnt sich ein näherer Blick. Bei Roland Kochs Buchvorstellung in Berlin sagte Merkel, dass das Bild des Islam geprägt sei durch die Scharia, die Ungleichheit von Mann und Frau und durch Ehrenmorde.

Laut Gallup Koexistenz-Index 2009 identifizieren sich Muslime mehr mit Deutschland, als die breite Öffentlichkeit. Einer weiteren Gallup-Sutdie zufolge lehnen 94 Prozent der Muslime in Deutschland Gewalt als politisches Mittel ab. Eine Studie der Albert-Ludwigs-Universität bescheinigt, dass viel weniger Ehrenmorde begangen werden, als medial dargestellt. Und selbst wenn man alle bekannt gewordenen Ehrenmorde mit zehn multipliziert – um auch die Dunkelziffer zu berücksichtigen – und diese durch die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime dividiert – ohne auch nur eine einzige Tat relativieren zu wollen, ergibt das eine Null mit vielen weiteren Nullen unmittelbar nach dem Komma.

Offensichtlich basiert das Islambild, den Angela Merkel hat, nicht auf Fakten. Alternativ kommt die mediale Berichterstattung in Betracht, in der an diesen Tagen die Worte der Bundeskanzlerin wiedergegeben werden – so lange, bis sie eingeprägt1 sind.

  1. Duden Synonymwörterbuch: beibringen, einbläuen, einhämmern, einlernen, einschärfen, eintrommeln; (ugs.): einimpfen, eintrichtern, eintrimmen  []
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7 Kommentare
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  1. elimu sagt:

    Für Wolfgang Bosbach (CDU) ist „der Islam inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition.“

    Genau… damit die Muslime auch zur Tradition gehören können, muss etwas passieren, was genau vor 60 Jahren auch passiert ist…

    6 Millionen mussten erst mal dran glauben, damit sie der „Traditon“ in Deutschland angehören können…Solange die Regierung auf dieser Schiene fährt, wird nichts mit „Ich bin auch eure Kanzlerin“…

    Schade sag ich da nur…

  2. Kevin sagt:

    Was passiert eigentlich, wenn man die ausländerfeindlich motivierten Morde, also etwa Solingen oder der Fall Marwa, durch die 70 Millionen ethnischen Deutschen dividiert?

    Da werden wohl noch ein paar nullen mehr hinterm Komma stehen.

    Dennoch werden die Muslime nicht müde, sich an diesen wirklich seltenen Vorfällen hochzuziehen.

    Nun ja.

  3. frommehelene sagt:

    Na, ja. Angela Merkel hat halt den Blick einer evangelischen Pfarrerstochter….. Was meinen Blick angeht: ich finde es grundsätzlich bedenklich sich als Bevölkerungsgruppe über welche Religion auch immer zu definieren oder eben definiert zu werden. Religion ist Privatsache und der Staat sollte nur freie Religionsausübung gewährleisten.
    RELIGION HAT IN DER POLITIK NICHTS ZU SUCHEN UND DAS GILT FÜR CHRISTEN, JUDEN, HINDUS usw.UND EBEN FÜR MUSLIME GLEICHERMAßEN!!

  4. „Integrationspolitik“ ist Desintegrationspolitik!

    Bundespräsident Wulff hat zunächst einmal selbstverständlich recht mit seiner nüchternen Feststellung, dass der Islam „inzwischen auch zu Deutschland“ gehört.

    Aber – genauso sicher ist, dass sich hier nur jeweils eine kleine Minderheit „Christen“, „Juden“ oder „Muslime“ nennen. Die große Mehrheit gehört anderen der insgesamt ca. 4000 untereinander völlig gleichberechtigten religiösen oder nichtreligiösen Weltanschauungen an.
    Wenn der Islam nun also z.B. gleichfalls das verbotene Privileg für einen eigenen Religionsunterricht erhält, stellt dies eindeutig eine weitere menschenrechtswidrige Bevorzugung dar, welche die Bevölkerung noch mehr spaltet!

    Nur wenn sehr streng und äußerst genau darauf geachtet wird, dass – gemäß den Menschenrechten – wirklich keine einzige Weltanschauung bevorzugt oder benachteiligt wird (speziell auch nicht ausgerechnet durch das Grundgesetz), ist mehr Frieden möglich!

    Gleichzeitig ist es natürlich auch friedensnotwendig, alles Menschenrechtswidrige innerhalb der Weltanschauungen zu untersagen – insbesondere die offiziell noch immer bestehenden barbarischen Absolutheitsansprüche vom Islam, Christen- und Judentum, jeweils die allein wahre und gültige Religion zu sein und als solche anerkannt zu werden (welche bisher schon zu vielen Millionen Toten geführt haben)!

  5. Kevin sagt:

    Danke für die Hinweise auf die vielen politisch rechts motivierten Straftaten.

    Sieht ja wirklich schlimm aus.

    Nur: Jede poplige Hakenkreuzschmiererei auf dem Schulklo, ob nun von einem Türken, einem Antifaschisten oder wem auch immer, ist in dieser Statistik enthalten.

    Die Anzahl an Gewalttaten von Einheimischen gegenüber Migranten hingegen ist nach wie vor verschwindend gering.

    Tötungsdelikte fehlen fast völlig.

    Wenn man dem jetzt die in keiner Statistik separat erfaßten Gewalttaten und Tötungsdelikte von Migranten gegen Einheimische gegenüberstellt, dann sollten die Migranten eigentlich vor Scham im Boden versinken.

    Tun sie aber nicht, im Gegenteil. Sie brüsten sich noch damit.

  6. lynxxx sagt:

    Ich meine, der Autor hat hier Angela Merkel überinterpretiert. Vergleicht man mal ihre Laudatio mit ihrem Kontext und dem durchaus edlem Bestreben von Migazin, Feindbilder oder Vorurteile zu zerstreuen.
    Hier habe ich es mal analysiert:
    http://lynxx-blog.blogspot.com/2010/10/angela-merkel-wahrnehmung-uber-den.html
    Ansonsten Gruß, und weiter so.



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