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Journalismus

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Es kommt nicht darauf an, ob eine Nachricht die Wahrheit enthält, um in der breiten Masse meinungsbildend zu sein. Nein, es kommt darauf an, wie häufig sie wiederholt wird. „Weniger Gewalttaten von Neonazis“ titelte die Bild-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 5. Januar in großen Lettern.

VONEkrem Şenol

DATUM7. Januar 2010

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„Weniger Gewalttaten von Neonazis“ titelte die Bild-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 5. Januar in großen Lettern. Weiter ging es mit: „Die Zahl der rechten Gewalttaten ist 2009 bundesweit erstmals seit sechs Jahren gesunken. Laut Bundeskriminalamt zählte die Polizei bis Ende November 624 Gewalttaten … minus 8,5 %“. Als „eine gute Nachricht gleich zu Beginn des neuen Jahres“ leitet Bild-Online dieselben Zahlen ein. Rechte Schläger seien „offenbar auf dem Rückzug“.

Laut dpa erklärte das BKA in Wiesbaden dagegen, „die Zahlen stammten nicht von ihm“. Nicht überraschend. Denn eine aktuelle Studie des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden aus Dezember 2009, die vom Bundeskriminalamt (BKA) in Auftrag gegeben wurde, hatte ergeben, dass die Gesamtzahl der rechtsextremen Straftaten 2009 in etwa auf demselben Niveau liegen würde, wie im Jahr zuvor.

Das Bundeskriminalamt (BKA) rechnete mit insgesamt rund 20.000 rechten Straftaten, etwa tausend von ihnen Gewaltdelikte. Weiter ging das BKA von rund 9500 gewaltbereiten Anhängern der rechtsextremen Szene aus, der insgesamt 30.000 Personen zugerechnet werden. „Es ist eine erschreckende Situation, vor der wir stehen“, so Zirke noch Mitte Dezember 2009.

Wie die Bild-Zeitung – entgegen diesen offiziellen Angaben – zu diesen Zahlen kommt, bleibt ihr Geheimnis; ebenso, woher sich der „Journalist“ die Freiheit nimmt, sich auf das BKA zu berufen. Das neue Jahr fängt – da hat Bild-Online recht – dennoch mit einer guten Nachricht an. Anhand dieses Musterbeispiels wird veranschaulicht, wie die deutsche Medienlandschaft funktioniert.

Wie üblich hat die Bild-Zeitung diese Meldung den Nachrichtenagenturen zur Verfügung gestellt, die es dann ungeprüft übernommen und weiterverbreitet haben. Einen kleinen Eindruck über die Folgen des vorbildlichen Journalismus vermittelt die Abbildung oben aus Google-News mit 195 Artikeln aus sicherlich eben so vielen Blättern.

Gut, dass es MiGAZIN gibt und natürlich auch andere – allerdings mit viel weniger Lesern als die Bild-Zeitung oder die Summe der Leser der oben erwähnten 195 Artikel, die, wie im Chor, „Zahl rechtsextremer Gewalttaten gesunken“ titeln. Die Aussagen des BKA-Chefs höchstpersönlich im Dezember 2009 hatten nur wenige Medien übernommen. Wahrscheinlich war er nicht seriös genug.

Wie dem auch sei. Traurig ist, dass es nicht darauf ankommt, ob eine Nachricht die Wahrheit enthält, um in der breiten Masse meinungsbildend zu sein. Nein, es kommt in erster Linie darauf an, wie häufig sie wiederholt wird. Und noch trauriger sind unzählige Musterbeispiele ähnlicher Art, die hier unerwähnt bleiben. Unerträglich wird diese Tragödie aber, wenn man erfährt, dass derselbe Bild-Journalist zum selben Thema bereits vor einigen Jahren eine Falschmeldung verbreitet hat.

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7 Kommentare
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  1. NDM sagt:

    So ist es tatsächlich in der Presse – einer schreibt vom anderen ab, der nächste gar vom zweiten, was auch mal den „Stille-Post“-Effekt haben kann, und alle zusammen übernehmen Meldungen von DPA, AFP, Reuters und DDP ungeprüft. Viele, wie zum Beispiel meine persönliche – äh – „lieblingszeitung“ Welt-Online, machen dies sogar vollautomatisch.

  2. Jens sagt:

    Man sollte trotzdem doch erstmal die offziellen Zahlen abwarten.

    Möglicherweise sind die rechtsextremen Gewalttaten wirklich gesunken.

  3. Murat sagt:

    @ Jens Natürlich müssen die Zahlen sinken, wäre ja fatal wenn sie das nicht täten. Oder?

    Jedoch wird hier ein anders Problem dargestellt, und zwar dass Nachrichten verbreitet werden, die vom Otto-Normal Leser kaum nachvollziehbar sind und somit nur der Meinungsmache dienen indem sie ein positives Bild suggerieren, welches aber vom jedem anders wahrgenommen werden kann.

    Dass aber eine vermeintlicher Rückgang der Gewalttaten um ca. 8% sofort als positive Nachricht verkauft wird, ist mehr als nur verdächtig. Zumal auch gar keine Gründe dafür genannt werden.

    Liegt es vielleicht daran, dass weniger Opfer eine Anzeige erstatten.
    Liegt es daran dass die Glatzköpfe keine Lust mehr haben?
    Oder liegt es daran, dass dem braunen Sumpf das Klientel wegbleibt, aufgrund vergangener Ereignisse

    (ich sag nur Pleitegeier!!!)

    Und wer der BILD Zeitung glaubt, der hat keine Meinung?!

  4. LI sagt:

    Warum der mediale Jubel über Prezentzahlen.

    Selbst wenn die rechtsmorivierten Straftataten bei einer faktischen Tatzahl von etwa 20.000 Strataten um 8,5 Prozent gefallen wären hei0t das doch nur, dass es etwa 19.000 Straftaten rechtmotivierte gab.

    Übrigens Straftaten bei dem der Ausländer bzw. Migrantenanteil unter den Tätern gegen Null tendieren dürfte.

    Wenn man bedenkt was sich so hinter dem Begriff rechts verbirgt, nämlich rassistisch, menschenverachtend usw. wäre selbst ein Rückgang von nur 8,5 % kein Grund zum Jubel, sondern allenfalls zur Trauer und zur Feststellung des Versagens von Gesellschaft. Politik. und vor allem der Medien, welche sich nicht entblöden hinter Zahlen die Schicksale von Opfern zu vergessen, welche zum Teil lebenslang körperlich und seelisch unter den Folgen von Gewalttaten rechter Täter zu leiden haben.

    LI

  5. D. E. sagt:

    zahl der rechten gewalttaten gesunken? von wegen.

    fragt doch mal die türkisch-stämmigen politiker/innen im bundestag/landtag usw.
    fragt doch mal die tgd/att und ähnliche vereine sowie menschrechtsorganisationen usw.
    fragt doch mal das türkische außenministerium usw.
    fragt doch mal die türk. konsulate und türk. botschaft in deutschland usw. …

    was es mit dem zahlreichen meldungen über rassistisch motivierte straftaten gegen türkische mitbürger/innen seitens deutsche polizei, justiz, behörden usw. auf sich hat.

    da sieht man wieder einmal wie bka und deutsche regierung „beschwichtigung“ betreibt. rassistisch motivierte -willkürliche verwaltungsakt(en)- bleiben wie immer unberücksichtigt.



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