Journalismus

Qualität und Quantität

Es kommt nicht darauf an, ob eine Nachricht die Wahrheit enthält, um in der breiten Masse meinungsbildend zu sein. Nein, es kommt darauf an, wie häufig sie wiederholt wird. „Weniger Gewalttaten von Neonazis“ titelte die Bild-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 5. Januar in großen Lettern.

„Weniger Gewalttaten von Neonazis“ titelte die Bild-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 5. Januar in großen Lettern. Weiter ging es mit: „Die Zahl der rechten Gewalttaten ist 2009 bundesweit erstmals seit sechs Jahren gesunken. Laut Bundeskriminalamt zählte die Polizei bis Ende November 624 Gewalttaten … minus 8,5 %“. Als „eine gute Nachricht gleich zu Beginn des neuen Jahres“ leitet Bild-Online [1] dieselben Zahlen ein. Rechte Schläger seien „offenbar auf dem Rückzug“.

Laut dpa erklärte das BKA in Wiesbaden dagegen, „die Zahlen stammten nicht von ihm“. Nicht überraschend. Denn eine aktuelle Studie des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden aus Dezember 2009, die vom Bundeskriminalamt (BKA) in Auftrag gegeben wurde, hatte ergeben, dass die Gesamtzahl der rechtsextremen Straftaten 2009 in etwa auf demselben Niveau liegen würde, wie im Jahr zuvor.

Das Bundeskriminalamt (BKA) rechnete mit insgesamt rund 20.000 rechten Straftaten, etwa tausend von ihnen Gewaltdelikte. Weiter ging das BKA von rund 9500 gewaltbereiten Anhängern der rechtsextremen Szene aus, der insgesamt 30.000 Personen zugerechnet werden. „Es ist eine erschreckende Situation, vor der wir stehen“, so Zirke [2] noch Mitte Dezember 2009.

Wie die Bild-Zeitung – entgegen diesen offiziellen Angaben – zu diesen Zahlen kommt, bleibt ihr Geheimnis; ebenso, woher sich der „Journalist“ die Freiheit nimmt, sich auf das BKA zu berufen. Das neue Jahr fängt – da hat Bild-Online recht – dennoch mit einer guten Nachricht an. Anhand dieses Musterbeispiels wird veranschaulicht, wie die deutsche Medienlandschaft funktioniert.

Wie üblich hat die Bild-Zeitung diese Meldung den Nachrichtenagenturen zur Verfügung gestellt, die es dann ungeprüft übernommen und weiterverbreitet haben. Einen kleinen Eindruck über die Folgen des vorbildlichen Journalismus vermittelt die Abbildung oben aus Google-News mit 195 Artikeln aus sicherlich eben so vielen Blättern.

Gut, dass es MiGAZIN gibt und natürlich auch andere [5] – allerdings mit viel weniger Lesern als die Bild-Zeitung oder die Summe der Leser der oben erwähnten 195 Artikel, die, wie im Chor, „Zahl rechtsextremer Gewalttaten gesunken“ titeln. Die Aussagen des BKA-Chefs höchstpersönlich im Dezember 2009 hatten nur wenige Medien übernommen. Wahrscheinlich war er nicht seriös genug.

Wie dem auch sei. Traurig ist, dass es nicht darauf ankommt, ob eine Nachricht die Wahrheit enthält, um in der breiten Masse meinungsbildend zu sein. Nein, es kommt in erster Linie darauf an, wie häufig sie wiederholt wird. Und noch trauriger sind unzählige Musterbeispiele ähnlicher Art, die hier unerwähnt bleiben. Unerträglich wird diese Tragödie aber, wenn man erfährt, dass derselbe Bild-Journalist zum selben Thema bereits vor einigen Jahren eine Falschmeldung [6] verbreitet hat.